„Lage kann sehr ernst werden“

Gaspreisbremse in der Kritik – Gasmangel bleibt akutes Problem

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Ein etwaiger Gasmangel in Deutschland ist noch nicht abgewendet – dazu könnte auch die Gaspreisbremse beitragen. (kreiszeitung.de-Montage)
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Die Sorge von einem Gasmangel in Deutschland ist noch nicht vom Tisch – denn der Gasverbrauch steigt wieder. Die Gaspreisbremse verschärft die Situation.

Berlin – Die Gasmangellage in Deutschland gleicht seit Beginn des Ukraine-Kriegs einer ewigen Achterbahnfahrt. Zunächst hieß es, dass die Bundesrepublik ohne russisches Gas nicht warm über den Winter kommt, vor wenigen Wochen gaben Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz schließlich Entwarnung – doch nun scheint sich das Blatt mit dem erhöhten Gasverbrauch der Bürger wieder zu wenden. Die geplante Gaspreisbremse könnte die Situation noch zusätzlich erschweren.

Gasmangellage in Deutschland: Gasverbrauch steigt wieder zu stark – reichen die Gasspeicher?

Aktuell sind die Gasspeicher in Deutschland zu etwa 92 Prozent gefüllt, bis zum 1. November sollen es 95 Prozent sein. Bislang wurden die von Habeck anvisierten Gasspeicher-Ziele immer früher als erwartet erreicht – doch könnte damit nun Schluss sein. Timm Kehler, Geschäftsführer des Verbands „Zukunft Gas“, erklärte im Gespräch mit n-tv: „Pro Tag kommen ungefähr 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte hinzu, Tendenz fallend“ und fügt hinzu: „Wenn man das hochrechnet, wird es relativ knapp, die 95 Prozent zu erreichen. Wir müssen uns bei der Gasnachfrage also zurückhalten, auch in der Industrie.“

Doch obwohl Habeck die Notwendigkeit des Gassparens immer wieder mit Nachdruck in seinen Ansprachen zum Besten gab – und Gas sparen sogar zum Gesetz machte – ist der Gasverbrauch laut dem Präsidenten der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, in der vergangenen Woche zu stark angestiegen. „Die Lage kann sehr ernst werden, wenn wir unseren Gasverbrauch nicht deutlich reduzieren“, warnte Müller laut der Welt.

Gasverbrauch im Winter: Wird Gas knapp in Deutschland – und wie lange reichen Gasreserven?

Demnach lag der Gasverbrauch von privaten Haushalten und kleineren Gewerbekunden in der Woche fast zehn Prozent über dem durchschnittlichen Verbrauchsniveau der Jahre 2018 bis 2021. Ohne mindestens 20 Prozent Einsparungen im privaten, gewerblichen und industriellen Bereich werde Deutschland eine Gasnotlage im Winter kaum vermeiden können, betonte der Bundesnetzagentur-Chef.

Gaskunden sparen nicht ausreichend – Gaspreisbremse der Bundesregierung kommt zur falschen Zeit

Grund für den Anstieg des Gasverbrauchs sieht Casimir Lorenz, Leiter des Zentraleuropa-Teams der Energieberatungsfirma Aurora Energy Research, in den aktuell niedrigen Temperaturen. Es sei kälter als in den vergangenen Jahren gewesen und wenn man den Temperatureffekt rausrechne, „ergibt sich schon eine gewisse Ersparnis“, erklärte Lorenz n-tv. Trotzdem müsse das Einsparziel erreicht werden, denn die Situation sei trotz der hohen Speicherfüllstände und des Ausbaus von Flüssiggas-Importen sehr kritisch.

Wir können weiterhin in eine Mangellage rutschen

Casimir Lorenz, Leiter des Zentraleuropa-Teams der Energieberatungsfirma Aurora Energy Research, im Gespräch mit n-tv

Darüber hinaus wird über die explodierenden Gaspreise zwar endlos diskutiert und berichtet, doch sehen Verbraucher diese noch nicht auf ihren Rechnungen – was das Gassparen weniger akut erscheinen lässt. Deswegen kommt auch die geplante Gaspreisbremse für viele Experten zur falschen Zeit, da diese trotz Knappheit keinen großen Anreiz zum Sparen mehr gäbe. „Ich sehe die soziale Dimension, aber wir sollten nicht signalisieren: Ihr müsst nicht alles in eurer Macht Stehende tun, um zu sparen“, bringt Lorenz das Dilemma im Gespräch mit n-tv auf den Punkt.

Experte meint: „Ein Strom- und Gaspreisdeckel wäre das Falscheste, was man jetzt machen könnte“

Diese Meinung teilen auch zahlreiche Ökonomen, von denen sich nur 14 Prozent im Zuge eines Ökonomenpanels des Münchner Ifo-Instituts und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für eine Strompreisbremse und einen Gaspreisdeckel aussprachen. Stattdessen setzen die Ökonomie-Professoren auf zusätzliche Entlastungen in Form von Energiegeldern.

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„Ein Strom- und Gaspreisdeckel wäre das Falscheste, was man jetzt machen könnte“, äußerte der Wirtschaftswissenschaftler Till Requate laut der FAZ. Ihm zufolge solle es pauschale Entlastungen geben, die auch weniger kostspielig seien.

Gaspreisbremse in Deutschland stößt auf Unmut in der EU: Grimm fordert Einmalzahlung

Auch in der EU stieß der für Deutschland geplante Gaspreisdeckel auf reichlich Unmut. „Das Problem ist, dass jedes Land sein eigenes Paket schnürt“, sagte die estnische Ministerpräsidentin Kaja Kallas laut dem Handelsblatt und fuhr fort: „Wir müssen das Problem strukturell angehen, weil sonst die Länder, die mehr Geld haben, mehr Geld ausgeben können, was dem Binnenmarkt schadet.“

Ihrem lettischen Kollege Krisjanis Karins nach zu urteilen, sei die deutsche Wirtschaft so groß, dass die Hilfen von der Regierung eine verzerrende Wirkung haben könnten. Deswegen kündigte EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton an, die deutsche Gaspreisbremse auf eine mögliche Wettbewerbsverzerrung hin zu prüfen. Wirtschaftsweise Veronika Grimm wirbt indes für eine Gaspreisbremse in Form einer Einmalzahlung.

Zahlreiche Regierungen in der EU nehmen die deutschen Entlastungen nun zum Anlass, ihren Forderungen nach europäischen Maßnahmen Nachdruck zu verleihen. Wie ZDF berichtet, fordern Länder wie Frankreich und Italien bereits seit dem Frühling einen Gaspreisdeckel, inzwischen sind es mehr als die Hälfte der EU-Staaten.

Kommission soll Empfehlung für Gaspreisbremse vorlegen – Details ab Montag

Für die Ausgestaltung des geplanten Gaspreisdeckels sollen von einer Kommission für Gas und Wärme schon sehr bald Empfehlungen vorgelegt werden. Bislang stehen diesbezüglich viele unterschiedliche Modelle und Ansätze im Raum. Der SPD-Ko-Vorsitzende Lars Klingbeil kündigte die Vorschläge der Kommission für nach der Landtagswahl in Niedersachsen am 9. Oktober an.

„Alle wollen jetzt, dass sofort was passiert, das will ich auch, aber ich vertraue den Expertinnen und Experten, die ein kluges Modell dann am nächsten Montag vorlegen werden“, sagte er im ZDF. Dafür sollen die Maßnahmen die Preise „wirklich massiv nach unten drücken“.

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