Ein Trump-Plan, viele Zweifel: Tony Blairs überraschende Schlüsselrolle spaltet Gaza
VonFelix Busjaeger
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Israel unterstützt laut Ministerpräsident Netanjahu einen Friedensplan von US-Präsident Trump. Tony Blair könnte eine wichtige Rolle einnehmen. Dies sorgt für Kritik.
Washington, DC – Mit einem überraschenden 20-Punkte-Plan will Donald Trump den Gaza-Krieg beenden – und setzt dabei auf einen alten Bekannten der internationalen Diplomatie. „Ich unterstütze Ihren Plan zur Beendigung des Krieges im Gazastreifen“, erklärte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als unmittelbare Reaktion auf das Vorhaben. Auch die Hamas zeigte sich offen für den US-Plan. Aus Kreisen der Terrororganisation hieß es, man wolle die Bedingungen „sorgfältig prüfen“, ehe es eine offizielle Antwort geben wird.
Trumps 20-Punkte-Plan für Frieden in Gaza sieht ein unmittelbares Ende der Kämpfe vor. Auch alle Geiseln sollen binnen weniger Stunden zurückgeführt werden. Der US-Präsident schlug auch vor, dass niemand zur Ausreise aus dem Gazastreifen gezwungen werden soll. Zugleich schlug er eine Übergangszeit vor, in der auch internationale Experten und Spitzenpolitiker Einfluss auf die Entwicklungen in dem Küstenstreifen nehmen sollen. Trump will selbst an der Spitze eines sogenannten Friedensrats stehen – in diesem könnte nun Tony Blair eine wichtige Rolle übernehmen. Doch die Baupläne für Gaza stoßen schon auf Misstrauen, bevor der erste Stein gesetzt ist.
Trump will Gaza-Frieden mit 20-Punkte-Plan: Tony Blair mit wichtiger Rolle?
Der ehemalige britische Premierminister hat den Plan von US-Präsident Donald Trump zu einer Beendigung des Gaza-Kriegs als „mutig und intelligent“ gewürdigt. Sollte der Plan angenommen werden, könnte er „den Krieg beenden, Gaza sofortige Erleichterung verschaffen und seinen Menschen die Chance auf eine bessere Zukunft bieten“, teilte der Politiker mit. Die Friedensinitiative biete „die beste Chance, zwei Jahre Krieg, Elend und Leid zu beenden“, sagte Blair weiter und dankte Trump „für seine Führungsstärke, Entschlossenheit und sein Engagement.“
Zugleich betonte Blair angesichts des Friedensplans für Gaza, dass Trumps Bereitschaft, den Vorsitz eines geplanten „Friedensrats“ zu übernehmen, der über eine Übergangsregierung im Gazastreifen wachen soll, sei „ein starkes Signal der Unterstützung und des Vertrauens in die Zukunft Gazas“ und „in die Möglichkeit, dass Israelis und Palästinenser einen Weg zum Frieden finden“ könnten.
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Dass Blair diesem Rat angehören könnte, sorgt derweil für gemischte Reaktionen. Der ehemalige britische Premier engagierte sich zwar seit seinem Amtsantritt 1997 in Downing Street 10 und nach seiner zehnjährigen Amtszeit intensiv im Nahen Osten. Doch Blair lastet ein Schatten aus der Vergangenheit an: Er ist vor allem für seine Unterstützung der verheerenden US-Invasion im Irak bekannt. Laut CNN weckt daher die Vorstellung, dass der Brite eine prominente Rolle bei der Verwaltung des Gazastreifens einnehmen könnte, widersprüchliche historische Echos.
Ende des Gaza-Kriegs: Trumps Friedensplan sorgt für Kritik
Der Trump-Plan für eine Nachkriegsregierung im Gazastreifen, der auch Blair als mögliche Schlüsselpersonalie vorsehen könnte, fußt laut Guardian und der israelischen Haaretz darauf, dass die Verwaltung und der Wiederaufbau des Nachkriegs-Gazastreifens von internationalen Vertretern geleitet werden. Die Palästinenser sollen eine untergeordnete Rolle einnehmen. Zusätzlich soll eine Behörde für Investitionsförderung und wirtschaftliche Entwicklung in Gaza geschaffen werden. Der Entwurf der sogenannten Gaza International Transitional Authority (Gita) sorgt derweil für heftige Kritik.
Laut Guardian betrachten palästinensische Kritiker, die mit dem Vorschlag vertraut sind, Blair schon länger mit Argwohn. Sie warnten, dass der Plan ein „Katastrophe“ für Palästina wäre, da sie im Gazastreifen eine alternative Gerichtsbarkeit zur Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland schaffen würde. „Tony Blair steht aufgrund seiner Erfahrungen mit den Palästinensern als Vertreter des Nahost-Quartetts (der Vermittlungsgruppe aus UNO, USA, EU und Russland) bereits unter Misstrauen“, wird Xavier Abu Eid zitiert, der einem Verhandlungsteam der PLO angehörte.
Tony Blair: Ex-Premier will keine „Vertreibung der Bevölkerung“ im Gazastreifen
Blair, der Großbritannien 2003 in den Irakkrieg führte, nahm zuletzt an hochrangigen Gesprächen mit den USA und anderen Parteien über die Zukunft des Gazastreifens teil. Gegenüber der BBC sagte Gesundheitsminister Wes Streeting, dass die Einbeziehung von Blair angesichts seiner Bilanz im Irakkrieg „für Aufsehen sorgen wird“. Der Politiker betonte jedoch auch die Rolle, die der ehemalige Premier bei der Aushandlung des Karfreitagsabkommens von 1998 zur Beendigung der Unruhen in Nordirland spielte.
„Wenn er seine beträchtlichen Fähigkeiten sowohl in der Diplomatie als auch in der Staatskunst dort einbringen kann“, sagte Streeting der BBC, „kann das nur eine gute Sache sein.“ Der Guardian berichtet unter Berufung auf eine anonyme Quelle, dass Blair mit Blick auf den Gaza-Plan von Trump zum Ausdruck gebracht habe, dass „das Leitprinzip darin besteht, dass Gaza den Gazaern gehört und dass es keine Vertreibung der Bevölkerung gibt“.
Düstere Erinnerungen an Blair – „Hat hier einen schlechten Ruf“
Doch die vorsichtigen Beschwichtigungen scheinen nicht auszureichen, um das kollektive Gedächtnis der Palästinenser vergessen zu lassen. Mustafa Barghouti, Generalsekretär der Palästinensischen Nationalinitiative und Kritiker Blairs, sagte der Washington Post am Montag: „Wir haben bereits unter britischem Kolonialismus gelebt. Er hat hier einen schlechten Ruf. Wenn man Tony Blair erwähnt, ist das Erste, wovon die Leute sprechen, der Irakkrieg.“ Ein Senator aus Australien wurde noch deutlicher. „Tony Blairs einzige Rolle im Nahen Osten sollte die eines Angeklagten sein, der wegen des Beginns des illegalen und verheerenden Irak-Krieges, der Millionen von Menschenleben zerstört hat, vor Gericht steht“, schrieb David Shoebridge auf X.
Die Aussicht auf einen US-geführten Friedensrat, mit Tony Blair als Schlüsselfigur, stößt auf eine gemischte Reaktion. Einerseits eröffnet das Vorhaben neue Chancen – und weckt gleichermaßen alte Ängste. Ob Trumps Plan die Dynamik für einen Wendepunkt bringt oder nur ein weiteres Kapitel gescheiterter Initiativen ist, wird sich erst zeigen. Für Gaza geht es dabei um mehr als Diplomatie: um die Frage, ob nach Jahren des Krieges Raum für eine politische Zukunft entsteht. Solange zentrale Fragen der Selbstbestimmung und Mitsprache ungelöst bleiben, dürfte der Weg zu einem tragfähigen Frieden im Gazastreifen lang bleiben. (Quellen: CNN, BBC, Guardian, dpa) (fbu)