Radikale Siedler in Israel – die „Rückkehr“ nach Gaza
VonMaria Sterkl
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Rechtsradikale Israelis wollen wieder jüdische Siedlungen im Gazastreifen bauen. Sie nehmen die Angriffe der Hamas vom 7. Oktober als Anlass.
Jerusalem – Grellorange leuchten die T-Shirts, die in sauberen Stapeln und nach Größen geordnet darauf warten, dass jemand sie über den Oberkörper zieht. Oded betrachtet sie stolz. „Über 2000 haben wir schon verkauft“, sagt er, ganz ohne Werbung. Wer eines der Shirts mit der Aufschrift „Nach Hause“ haben will, muss nach Jerusalem fahren und sich in ein kleines Hinterhofmuseum nahe dem zentralen Busbahnhof begeben. Dort empfängt sie Oded, ein 63-jähriger Mann mit langem, grauem Bart, der daran gewöhnt war, dass sich hier stundenlang niemand blicken lässt. Doch seit einigen Monaten ist Oded gut beschäftigt.
Immer mehr Menschen kommen ins „Gush Katif“-Museum, das ganz der Propaganda für eine jüdische Besiedelung des Gazastreifens gewidmet ist. Zum Beispiel eine junge Frau mit buntem Kopftuch, das ihr Haar nur halb bedeckt und sie als religiös, aber nicht ultraorthodox ausweist. Mit ihrer Familie wohnt sie in einer jüdischen Siedlung nahe Hebron im von Israel besetzten Westjordanland. Für den festlichen Umzug zum jüdischen Purim-Fest, das am Sonntag beginnt, braucht sie rund ein Dutzend der grell-orangen Shirts in verschiedenen Kindergrößen. Unter dem Schriftzug „Nachhause“ steht: „Wir kehren zurück nach Gush Katif.“
Überfall vom 7. Oktober gilt als Grundlage für neue Siedlungen im Gazastreifen
Gush Katif ist ein Begriff, den die Israelis bislang vor allem mit einer historischen Episode verbanden. So hießen die israelischen Siedlungen im Gazastreifen, bevor sich Israel im Jahr 2005 aus Sicherheitsgründen aus Gaza zurückzog und alle Siedlungen räumen ließ.
Wohnhäuser, Spielplätze, Landwirtschaften wurden abgerissen, die Friedhöfe nach Israel verlegt. Eine gewaltige Protestbewegung, angefeuert durch Rechtsparteien und nationalreligiöse Bewegungen, unterstützte damals die Gush Katif-Bewohner:innen. Sie betrachteten die Räumung als empörenden Verrat der Regierung an denen, die sich als die wahren Zionist:innen begriffen. Hunderttausende demonstrierten monatelang, doch die Regierung unter Ariel Sharon blieb hart. Ihr Gedanke war: Israels Siedlungspolitik sollte sich aufs Westjordanland konzentrieren – und dort massiv investieren.
Nächstes Jahr jährt sich der Abzug von Gush Katif zum zwanzigsten Mal. Seit dem 7. Oktober wittern immer mehr rechtsgesinnte Israelis eine Chance, dass Gaza wieder von Israelis besiedelt werden könnte.
„Das ist nicht genug“ – radikale Siedler wollen Israels Armee im Gazastreifen unterstützen
„Wir können nicht mit solchen Monstern als Nachbarn leben“, sagt Oded, und es ist nicht klar, ob er die Hamas meint, oder gleich alle Palästinenser:innen in Gaza. „Es führt kein Weg daran vorbei, als selbst die Kontrolle zu übernehmen.“ Wäre das nicht die Aufgabe der Armee? „Das ist nicht genug“, meint Oded, „die Armee braucht die Unterstützung der Siedler.“
Eine Gruppe radikaler junger Siedler ist bereits zur Tat geschritten. Am Grenzübergang Erez, der von Militärs streng bewacht wird, bahnten sich zwanzig von ihnen Ende Februar den Weg in den Gazastreifen. Von den israelischen Soldat:innen wurden sie nicht gestoppt, als sie rund 500 Meter entfernt von der Grenze begannen, mit Holzplanken und Blechpaneelen die ersten behelfsmäßigen Behausungen für eine künftige illegale Siedlung in Gaza zu errichten. Erst nach mehreren Stunden wurden sie von Soldat:innen zurück nach Israel begleitet.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Die wenigsten Israelis würden auch nur auf die Idee kommen, sich der militärischen Sperrzone am Grenzzaun zu nähern. Nicht nur, weil es gefährlich sein kann, sich so nahe an der Kampfzone aufzuhalten – sondern auch aus Respekt vor der Armee. Die radikalen Siedler-Gangs hingegen zeigen wenig Respekt vor der militärischen Autorität. Sie sind es aus dem Westjordanland gewöhnt, die Armee als eine Art private Sicherheitsfirma für ihre illegalen Outposts zu gebrauchen.
Palästinenser:innen sollen „dorthin gehen, wo man sie gern hat“
Oded, der Aufseher im Gush-Katif-Museum, hat mit den radikalen jungen Siedlern wenig gemeinsam. Er ist ein ruhiger, freundlicher älterer Mann, der zwar von Arabern im Allgemeinen und den Palästinenser:innen in Gaza im Speziellen nicht allzu viel hält, seine Besiedlungsphantasien aber nur im Geiste auslebt. Er selbst wohnt in Jerusalem, und dort will er auch bleiben.
Dennoch ist er „überzeugt, dass es das Beste für uns alle ist, wenn wir Gaza wieder besiedeln“. Und was passiert mit den 2,3 Millionen Palästinenser:innen, die dort leben? „Die können dorthin gehen, wo man sie gern hat – nach Südafrika zum Beispiel“, meint er. Also Massenvertreibung, ethnische Säuberung? „Nein, nein“, sagt Oded, „freiwillige Emigration natürlich“.
Dieses Bild einer massenhaften palästinensischen Auswanderung, vorgeblich aus freien Stücken, ist nicht in Odeds Kopf entstanden. Es wird von führenden rechten Figuren schon lange propagiert, seit Beginn des Gazakriegs so laut wie nie. An einem Sonntagabend Ende Januar versammelten sich rund tausend Rechtsgesinnte in einem Jerusalemer Kongresszentrum zur Veranstaltung „Israels Sieg – Besiedelung bringt Sicherheit“, um die Besiedelung Gazas zu propagieren – die dortigen Bewohner:innen könnten sich ja anderswo niederlassen.
Justiz ermahnt Regierung
Auf den Videos, die dort entstanden, sieht man euphorisch im Kreis hüpfende Männer, die nationalistische Lieder grölen. Das alles wäre wohl kaum beachtet worden, hätten an der Konferenz nicht auch äußerst prominente Israelis teilgenommen: Elf Minister der rechts-religiösen israelischen Regierung traten dort auf, darunter auch Vertreter von Benjamin Netanjahus Likud-Partei.
„Ich hätte nie gedacht, dass wir irgendwann wieder von einer Rückkehr nach Gush Katif träumen können“, sagt Oded. Seit einigen Monaten hofft er wieder. „Vielleicht ist es bald soweit.“ (Maria Sterkl)