Experten vermuten Vorwand

Terror oder PR-Coup: Putin kehrte nach Drohnen-Angriff ins Büro zurück - Zweifel bleiben

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Der russische Präsident Wladimir Putin war russischen Angaben zufolge am 4. Mai 2023 in seinem Büro im Kreml in Moskau.
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Einiges spricht dafür, dass Russland den Drohnenangriff in Moskau inszeniert hat. Putin kehrt indes offenbar in sein Büro zurück und gaukelt Normalität vor.

Moskau - Bilder von russischen Überwachungskameras am Roten Platz in Moskau zeigten am Mittwoch (3. Mai) Drohnen über dem Kreml- sowie Explosionen, Feuer und eine Rauchwolke. Russischen Angaben zufolge sind auf den Videos Angriffe zweier ukrainischer Drohnen zu sehen, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin töten sollten. Man führe ausschließlich einen Verteidigungskrieg, hieß es hingegen aus der Ukraine. Waren die Bilder nur eine Inszenierung Russlands?

Warum westliche Beobachter von einem PR-Coup des Kreml ausgehen

Westliche Beobachter wie die US-Kriegsexperten des Institute for the Study of War (ISW) halten es für wahrscheinlich, dass Moskau die angeblichen Drohnenangriffe gegen den Kreml selbst durchführte. Dafür sprechen mehrere Faktoren, etwa die schnelle Verbreitung der Bilder der Überwachungskameras am Roten Platz. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte nur der Kreml selbst Zugriff auf diese Kameras. Wer die ersten Aufnahmen öffentlich machte, ist allerdings noch unklar.

Die Reaktion des Kreml sei außerdem zu koordiniert und schnell erfolgt, was für eine interne Vorbereitung spreche, deren „beabsichtigte politische Auswirkungen die Peinlichkeit überwiegen“, urteilten die ISW-Experten in ihrer Analyse vom Mittwoch. Bei anderen für Russland nachteiligen Ereignissen im Ukraine-Krieg - etwa beim Verlust des Flaggschiffs Moskwa oder der Niederlage in Cherson - lief die Kommunikation des Kreml deutlich weniger geordnet ab.

Auch technische Gründe sprechen gegen einen ukrainischen Angriff, so hätten angebliche ukrainische Drohnen eine ganze Reihe von Abwehrsystemen in Moskau überwinden müssen. Insbesondere am Kreml werde das sogenannte „Spoofing“ eingesetzt, das Leitsysteme mithilfe von GPS-Störsignalen täusche, gab etwa der US-Experte Dana Goward zu bedenken.

Die bis zum Kreml vorgedrungenen Drohnen könnten aus seiner Sicht ohne GPS geflogen seien, was auf eine manuelle Steuerung aus der näheren Umgebung hindeute. „Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass zwei Drohnen mehrere Schichten der Luftverteidigung durchdringen und direkt über dem Kreml detonieren oder abgeschossen werden konnten, sodass spektakuläre Bilder entstanden, die von der Kamera gut eingefangen wurden“, heißt es vom ISW. Was steckt also hinter der möglichen Inszenierung des Kreml?

Angeblicher Drohnenangriff auf den Kreml: Was Russland mit den Bildern erreichen will

Russland sagt seit Wochen Militärparaden und Märsche ab, die traditionellerweise am 9. Mai, dem Tag des Sieges über Nazi-Deutschland, stattfinden. Der Kreml führt die Sicherheitslage und die „terroristische Bedrohung“ im Land als Gründe an. Vor wenigen Wochen hatten russische Behörden bereits von einer Drohne im Stadtbezirk Bogorodsk nur 50 Kilometer östlich von Moskau berichtet und daraufhin die dort geplante Parade abgesagt.

Der angebliche Drohnenangriff kurz vor dem 9. Mai könnte nun als Vorwand dienen, weitere Feierlichkeiten platzen zu lassen. Russland fehlen womöglich schlicht die Panzer und Waffensysteme, die sonst bei dieser Gelegenheit vor tausenden Zuschauern patrouillieren. Zudem könnte Kremlchef Putin fürchten, dass Menschen den Gedenktag nutzen, um auch ihrer im Ukraine-Krieg gefallenen Angehörigen zu gedenken.

Bilder Überwachungskamera am Roten Platz in Moskau zeigen Feuer an einem der Türme des Kreml am 3. Mai 2023. Russland behauptet, es habe einen ukrainischen Drohnenangriff gegeben.

Die inszenierten Drohnenangriffe könnten laut US-Kriegsexperten des ISW vom Donnerstag Moskau außerdem dazu dienen, den Krieg als existenzielle Bedrohung für Russland darzustellen. Damit wolle man verstärkte Mobilisierungsmaßnahmen im Land rechtfertigen und die Unterstützung für den Krieg im Inland erhöhen. Der mutmaßlich inszenierte Drohnenangriff könnte also das Regime stärken. Weitere solcher inszenierten Angriffe unter falscher Flagge, sogenannte „False Flag“-Attacken, könnten folgen, warnte das ISW.

Dass der Kreml den Vorfall als Vorwand für eine Eskalation im Ukraine-Krieg heranzieht, ist ebenfalls nicht auszuschließen. Entsprechende Töne waren nach dem angeblichen Angriff aus Russland zu hören. Der russische Außenminister Sergej Lawrow betonte am Freitag, der Angriff habe nicht ohne das Wissen der USA stattfinden können und drohte mit einer konkreten Reaktion Russlands, ohne Details zu nennen.

Der frühere Kremlchef Dmitri Medwedew plädierte für die „physische Eliminierung“ des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und dessen „Clique“. Für den Einsatz von Waffen, „die in der Lage sind, das Kiewer Terrorregime zu stoppen und zu zerstören“, sprach sich indes der Vorsitzende des russischen Unterhauses, Wjatscheslaw Wolodin, aus. Ausgerechnet Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin zog hier eine klare Linie und schloss den Einsatz von Nuklearwaffen als Reaktion aus: „Wir sehen aus wie Clowns, die als Antwort auf eine Kinderdrohne mit einer Atombombe drohen.“

Business as usual? Putin kehrt angeblich in sein Büro im Kreml zurück

Putin habe sich zum Zeitpunkt des Angriffs nicht in Moskau befunden, hieß es nach dem Vorfall am Mittwoch aus der russischen Hauptstadt. Der Kremlchef halte sich ohnehin selten im Kreml auf, geschweige denn über Nacht, merkte der Russland-Experte Mark Galeotti dazu an. Schnell soll der russische Präsident aber wieder in sein Büro im Kreml zurückgekehrt sein, wie die italienische Zeitung Repubblica berichtete. Auch am Donnerstag (4. Mai) vom Kreml veröffentlichte Bilder weisen darauf hin. Wo sich der Kremlchef tatsächlich befindet, ist allerdings wohl nicht immer genau zu sagen. Angaben eines aus Russland geflohenen Kremlgardisten zufolge hat Putin in seinen Privathäusern identische Büros eingerichtet, um seinen wahren Aufenthaltsort zu verschleiern.

Der russische Präsident bleibe „ruhig, gesammelt und klar in seinen Einschätzungen und in seinen Befehlen“, wie es „in solch schwierigen Extremsituationen“ üblich sei, gab sein Sprecher Dmitri Peskow zu Protokoll. Nach außen hin versucht der Kreml offenbar Normalität zur Schau zu stellen, während die Sicherheitsmaßnahmen in Moskau nochmals erhöht werden. Die traditionelle Militärparade am 9. Mai solle ungeachtet der jüngsten Geschehnisse in Moskau weiterhin stattfinden, hieß es. „Wie gewohnt wird der Präsident auftreten“, bestätigte der Kremlsprecher. Den Roten Platz lässt die Verwaltung dieses Jahr aber besonders früh sperren.

Das russische Staatsfernsehen behandelte den Drohnen-Vorfall nur kurz, schnell ging es wieder um andere Themen. Videos der Überwachungskameras wurden offenbar nicht gezeigt, die Interpretation des Vorfalls war indes klar: Die Rede war von „Terroranschlägen“ auf russischem Boden, Kiew habe eine rote Linie überschritten und den „ersten Luftangriff auf den Kreml seit 1942“ ausgeführt. Die mutmaßliche Inszenierung der Drohnenangriffe auf die Hauptstadt könnte bei einigen russischen Bürgern wohl die erwünschte Wirkung haben. (bme)

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