Erzwungene Planänderung?

Putschversuch? Prigoschin hatte angeblich ganz andere Pläne

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Prigoschin marschierte mit seiner Wagner-Gruppe auf Moskau zu. Ursprünglich plante er aber wohl Militärs an der Grenze gefangenzunehmen. Ein Russe zwang ihn offenbar seine Pläne zu ändern.

Moskau – Knapp eine Woche ist der Marsch der Wagner-Gruppe mit Chef Jewgeni Prigoschin auf Moskau her. Immer noch kochen die Spekulationen. Wie viel wusste der Westen über die Meuterei? Gab es in Russland Eingeweihte in die Pläne der Wagner-Soldaten? Langsam kommen Antworten ans Licht. Dabei deutet sich auch an: Prigoschin hatte ursprünglich wohl ganz andere Pläne.

Wagner-Meuterei: Prigoschin wollte angeblich Erzrivalen unter Putins Top-Leuten festnehmen

Wie das Wall Street Journal in Bezug auf Beamte aus westlichen Staaten berichtet, wollte Jewgeni Prigoschin ursprünglich offenbar gar nicht Richtung Russland marschieren und den Militärstützpunkt Rostow besetzen. Stattdessen habe er zwei hochrangige, russische Militärs gefangen nehmen wollen. Namentlich soll es sich um Verteidigungsminister Sergei Schoigu und den ranghöchsten Armeegeneral Waleri Gerassimow handeln. Prigoschin und Schoigu gelten schon länger als Rivalen. Im Ukraine-Krieg hatte der Wagner-Chef Schoigu immer wieder eine schlechte Kriegsführung und fehlende Waffenlieferungen vorgeworfen.

Laut Bericht des Wall Street Journals soll Prigoschin geplant haben, die beiden Militärs bei einem Besuch an der Grenze zur Ukraine festzunehmen. Der russische Sicherheitsdienst FSB habe zwei Tage vor dem geplanten Anschlag davon erfahren und Prigoschin gezwungen, seine Pläne in einen Marsch auf Moskau zu ändern, heißt es weiter. Zwei Quellen aus Europa bestätigten gegenüber CNN, dass Prigoschin den Wunsch geäußert hat, Generäle gefangenzunehmen. Ob er einen realen Plan dazu hatte, sei jedoch nicht bekannt.

Verteidigungsminister Schoigu, Wladimir Putin und Armeegeneral Gerassimow. Der Wagner-Chef wollte die beiden Putin-Vertrauten wohl festnehmen (Archivbild).

Wagner-Aufstand: Wussten russische Generäle von dem geplanten Aufstand?

Auch russische Generäle könnten von dem Vorhaben Prigoschins gewusst haben. Die New York Times versuchte hier Antworten zu finden und bezieht sich auf US-Beamte, die angeblich Zugang zu Geheimdienstinformationen hatten. Demnach soll der ehemalige russische Kommandeur, General Sergej Surowikin, im Voraus von Prigoschins Plänen, sich gegen die russische Militärführung aufzulehnen, gewusst haben. Es gebe Anzeichen, dass auch weitere russische Generäle den Aufstand unterstützten, so die amerikanischen Beamten. Ähnlich schätzte Andrij Melnyk, Vize-Außenminister der Ukraine, den durchdachten Putsch ein.

Dass sich Prigoschin wenige Russen in den Weg stellten und er das Gebiet Rostow beinahe mühelos einnehmen konnte, ist bekannt. Die konkrete Rolle des früheren Generals Surowikin ist trotz Informationen der US-Beamten jedoch unklar. Er veröffentlichte am Tag des Putsches ein Video, in dem er sich klar auf die Seite Russlands stellte, sich gegen den Aufstand aussprach und die russischen Truppen ermahnte, sich nicht den Wagner-Soldaten anzuschließen.

Auch hochrangige russische Sicherheitsbeamte könnten, laut europäischen Geheimdienstlern, vom Putsch gewusst haben. Es gebe Hinweise auf Vorwissen. „Sie könnten davon gewusst und es verschwiegen haben oder sie wussten davon und beschlossen, der Sache zum Erfolg zu verhelfen“, zitiert CNN die Beamten.

Russischer General beschuldigt den Westen – Wagner-Putsch „vorbereitet“ und „inspiriert“

Die Berichte über Vorwissen in der russischen Armee bezeichnet Kreml-Sprecher Dmitri Peskow gegenüber der New York Times als reine Gerüchte. „Es wird jetzt eine Menge Spekulationen und Gerüchte um diese Ereignisse geben“, so Peskow. Dies sei nur ein Beispiel davon. Ein ehemaliger britischer Gesandter in Moskau erklärte gegenüber Newsweek, die Behauptungen seien der Versuch der USA, „Zwietracht zwischen der politischen und militärischen Führung Russlands zu säen“.

Viktor Zolotov, der Direktor der russischen Nationalgarde, sah die Verantwortung für den Putschversuch komplett bei Europa und den USA. Die Meuterei sei „vorbereitet“ und „von westlichen Geheimdiensten inspiriert“ worden, denn „sie wussten Wochen im Voraus Bescheid“, wird er zitiert. Westliche Geheimdienste hätten gewusst, dass Prigoschin eine Rebellion plante, sagte laut Newsweek auch der Chef des Sicherheitsdienstes von Wladimir Putin.

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Wie CNN kurz nach dem Putsch berichtete, hatte der US-Geheimdienst im Vorfeld tatsächlich ein recht genaues Bild von Prigoschins Plänen – auch wann und wo der Aufstand stattfinden sollte. Die Informationen sollen streng geheim behandelt und nicht auf breiter Nato-Ebene verteilt worden sein – nur vereinzelte, britische Offiziere seien eingeweiht worden. Russland-Experte Mangott sieht die Verantwortung für den Putsch bei Wladimir Putin selbst. Mit IPPEN.MEDIA sprach er über einen „entscheidenen Fehler“, den der russische Präsident machte. (chd)

Rubriklistenbild: © Mikhail Klimentyev/Imago

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