Interview

CDU-Politiker über schärfere Sanktionen und Änderungen beim Bürgergeld: „Frage der Gerechtigkeit“

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Steffen Bilger ist Einpeitscher der Unionsfraktion. Im Interview spricht er über eigene Fehler, die AfD und darüber, was die Union für die Menschen rausholen will.

Berlin – Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer (PGF) der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Steffen Bilger, regelt die Arbeit seiner Union im Bundestag. Schlappen wie die verkorkste Kanzlerwahl oder die der Richterwahl zeigen, dass das Amt wichtiger wird. Bilger muss seine Leute auf Linie bringen. Wie er das macht und wie der PGF sich gute Politik für die Menschen vorstellt, erzählt er im Interview.

Steffen Bilger ist Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und hält es trotz Rekordwerten der AfD für möglich, sie kleiner zu bekommen. Nur wie?
Herr Bilger, endlich ging die Wahl der Verfassungsrichter durch den Bundestag. Wie liefen die Absprachen nach dem ersten Fiasko?
Wir haben unsere Lehren aus den Vorgängen im Juli gezogen. Deshalb haben wir über den Sommer viel mit der SPD, aber auch innerhalb unserer Fraktion gesprochen und an einer Lösung gearbeitet. Ich bin der SPD dankbar, dass sie mit Frau Dr. Emmenegger einen neuen sehr konstruktiven Vorschlag gemacht hat. Das war ein richtiger Schritt, um Handlungsfähigkeit zu beweisen. Schlussendlich ist auch der Deutsche Bundestag seiner Verantwortung gerecht geworden, diese wichtige Wahl vorzunehmen. 

CDU, CSU und SPD: Die Merz-Koalition will aus Fehlern lernen

War diese Richterstelle all den Streit und den entstandenen Frust der Menschen wert?
In unserer Fraktion gab es inhaltlich fundierte und nachvollziehbare Vorbehalte, die gegen eine Wahl von Frau Professor Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin gesprochen haben. Dennoch sind Fehler passiert, die rückblickend vermeidbar erscheinen. Wir hätten die Brisanz des SPD-Vorschlags früher erkennen und einen unmittelbaren, gemeinsamen Ausweg aus der Lage finden müssen. Nun haben wir aber bewiesen, dass wir solche Fehler als Koalition korrigieren können und unsere Aufgaben erfüllen.
Im Zuge des Chaos sagten viele Abgeordnete offen, dass das Vertrauen zum Koalitionspartner verletzt wurde, teils völlig fehlt. Wie ist inzwischen die Stimmung in Ihrer Fraktion?
Wir sind eine Arbeitskoalition aus Parteien – CDU und CSU auf der einen, die SPD auf der anderen Seite – die grundsätzlich verschieden sind. Aber wir haben jetzt gemeinsam Verantwortung für Deutschland übernommen. Die Klausurtagung der Fraktionsvorstände in Würzburg und das Grillfest mit allen Koalitionsabgeordneten vor Kurzem waren sehr wichtig, um ein Verständnis füreinander zu entwickeln und sich dieser Verantwortung einmal mehr bewusst zu werden. Es geht allein schon ums bessere Kennenlernen. Wenn man nicht im selben Ausschuss sitzt, kennt man viele der anderen Abgeordneten noch nicht gut. Gleichzeitig zeigt sich bei solchen Treffen auch: trotz aller Unterschiede gibt es große Gemeinsamkeiten und der Anteil der Streitthemen ist vergleichsweise gering. Wenn wir uns auf diese Gemeinsamkeiten und die Vereinbarungen aus dem Koalitionsvertrag konzentrieren, kann diese Koalition vieles voranbringen.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke
Haben Sie aus den Fehlern auch Lehren für sich selbst gezogen?
In der Koalition und als Fraktion haben wir die Fehler gründlich aufgearbeitet. Ich persönlich habe mich nun viel intensiver um das Thema Richterwahl gekümmert. Eine Lehre für uns als Fraktionsspitze ist außerdem, noch mehr innerhalb der Fraktion zu kommunizieren. Viele unserer Abgeordneten sind neu, haben noch keine Koalitionserfahrung und bei Union wie SPD spüren wir auch eine gewisse Verunsicherung: Die Zeiten sind herausfordernd, der Druck ist hoch, die Ungeduld groß. Wir müssen liefern, das wissen wir. Manchmal geht es aber nicht so schnell und nur nach unseren Vorstellungen. Kompromisse brauchen Erklärungen – nach innen wie nach außen.
Apropos Druck: Die Regierung hat den Herbst der Reformen ausgerufen. Wie finden Sie den Namen?
Er weckt Erwartungen. Das ist gut, weil es verdeutlicht, dass wir große Herausforderungen bewältigen müssen – und zwar jetzt. Wir haben uns für den Herbst viel vorgenommen, um Deutschland langfristig in eine bessere Zukunft zu führen. Der Begriff sollte aber nicht so verstanden werden, als würde es nur in diesem Herbst Reformen geben und damit wäre alles erledigt. Wir werden auch in den folgenden Jahreszeiten wichtige Entscheidungen für dieses Land treffen. 
Konkret werden dürfte vorerst nur die Aktivrente und die Vorstellung der Bürgergeldreform. An die großen Probleme bei Rente, Pflege und Krankenkasse gehen Sie noch nicht ran. Führen zu hohe Erwartungen und wenige Resultate nicht zu neuem Frust?
Die Änderungen bei Bürgergeld von der schnelleren Vermittlung in Arbeit bis hin zu schärferen Sanktionen für Arbeitsverweigerer und die Aktivrente als Anreiz für Menschen, freiwillig länger zu arbeiten sind zwei wichtige Wegmarken. Gerade das Bürgergeld beschäftigt und verärgert viele Menschen, da müssen wir die Kritik auch von den Mitarbeitern aus den Jobcentern ernst nehmen. Es ist letztlich eine Frage der Gerechtigkeit, dass diejenigen, die arbeiten, mehr haben als diejenige, die arbeiten könnten, es aber nicht tun. Hinsichtlich der Modernisierung und finanziellen Stabilität des Sozialstaates arbeiten die eingesetzten Kommissionen gerade schon intensiv an Lösungen. Die Bezeichnung Herbst der Reformen ist deshalb nicht ungerechtfertigt. 

Migration in Deutschland nimmt ab – AfD gewinnt aber an Beliebtheit

Die neue Bundesregierung ist seit Mai im Amt. Was muss im ersten Jahr alles passiert sein, dass Sie von einem erfolgreichen Start sprechen?
Entscheidend ist neben den eben erwähnten Punkten die Migrationswende. Da wird der Kurswechsel sehr deutlich: Die Bekämpfung der irregulären Migration durch konsequente Zurückweisungen an den Grenzen und ein starker Rückgang der Asylbewerberzahlen sprechen für die Arbeit von Innenminister Dobrindt. Die zweite große Herausforderung ist die Wirtschaft, wir müssen raus aus der Rezession. Da haben wir als Deutschland ehrlicherweise nicht alles selbst in der Hand, aber wir können für gute Rahmenbedingungen sorgen. Erste wichtige Schritte haben wir mit dem Investitions-Sofortprogramm und der Senkung der Energiekosten schon gemacht. 
Als CDU versprachen Sie im Wahlkampf, die Migration stark zu begrenzen und damit die AfD kleinzumachen. Die Migrationszahlen gehen in der Tat nach unten – die der AfD aber immer weiter nach oben...
Wenn wir nach Europa und in westliche Demokratien insgesamt blicken, sehen wir, dass die Herausforderungen überall ähnlich sind und über das Migrationsthema hinausgehen. Die Unsicherheit gibt es nicht nur in Deutschland. Das heißt aber nicht, dass wir machtlos sind. Ich glaube weiterhin: Gute Arbeit und Konzentration auf unseren Plan als Koalition wird sich auszahlen. Unser Wähleranteil wird steigen, die AfD wird schwächer werden. Das gelingt aber nicht von heute auf morgen.

Trumps Plan und Frieden in Israel und Gaza

Bleiben wir beim Blick ins Ausland: Was halten Sie von Trumps Friedensplan, hat er einen guten „Deal“ erzielt?
So nah wie jetzt waren wir seit dem schrecklichen Verbrechen der Hamas am 7. Oktober 2023 nicht an einem Frieden. Die Zustimmung Israels und die Unterstützung wichtiger muslimischer Staaten sind eindeutig ein Erfolg, der für diesen Friedensplan spricht. Es liegt jetzt an der Hamas, ihren Widerstand aufzugeben und den Plan vollumfänglich zu akzeptieren. Dafür sind die aktuellen Verhandlungen entscheidend. Die Freilassung der Geiseln muss unverzüglich beginnen, eine Entwaffnung folgen. Wir hoffen sehr, dass damit der akute Krieg beendet und perspektivisch auf einen Frieden hingearbeitet werden kann.
Sollte ein Waffenstillstand erreicht werden – was muss langfristig in der Region passieren?
Selbst im Falle eines Waffenstillstandes bleibt die Region ein Pulverfass. Die Priorität muss daher auf einer langfristigen Stabilisierung liegen. Dafür sind humanitäre Hilfe, Wiederaufbau und internationale Kontrolle zur Prävention einer neuen Radikalisierung in Gaza notwendig. Wichtig für einen nachhaltigen Frieden in der Region, den es nur mit Sicherheit für den israelischen Staat geben kann, ist außerdem, dass der Iran nicht weiter überall in der Region Unfrieden stiftet. Auch wenn das Ziel in weite Ferne gerückt sein mag, halten wir an der Zweistaatenlösung fest.

Rubriklistenbild: © IMAGO/ Rene Traut/ dts Nachrichtenagentur (Montage)

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