VonFlorian Naumannschließen
Uli Hoeneß sorgt sich im BR um den Wurstverbrauch - und beklagt ein Zuckerverbot für seinen Kaffee. Grünen-Minister Özdemir reagiert persönlich.
München/Berlin - Einen Bayern-Wahlkampf über „Sprache und Essen“ hat Grüne-Landeschefin Eva Lettenbauer am Sonntag (8. Oktober) CSU und Freien Wählern vorgeworfen: Es ging ihr um den Vorwurf der „Verbotspolitik“. Tatsächlich trieb das Thema vor dem Wahltag teils schillernde Blüten. Lettenbauers Co-Vize Thomas von Sarnowski hörte die Süddeutsche bei einem Wahlkampf-Termin in Ebersberg beteuern: „Ich hab in meinem Leben noch keine Insekten gegessen, glaubt jemand wirklich solchen Unsinn?“
Aber auch nach dem - für CSU und Grüne eher enttäuschenden - vorläufigen Endergebnis der Wahl geht die Hakelei um Essen und Politik weiter. Ausgerechnet in einem Nachwahl-Talk gab es neuen Zündstoff. Ex-FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß warf den Grünen und ihrem Bundes-Agrarminister Cem Özdemir im BR vor, invasive Regeln zum Thema Kaffeezubereitung zu fordern. Dafür musste sich Hoeneß nun den Vorwurf der Lüge anhören. Und eine in doppeltem Sinne deftige Stichelei.
Hoeneß im BR: „Wenn der Herr Özdemir mir vorschreiben will ...“
Hoeneß‘ politische Gesinnung ist kein großes Geheimnis: Gut eine Woche vor der Wahl war der frühere Stürmer und Bayern-Funktionär beim Wahlkampf der CSU in Holzkirchen, einige Kilometer von seinem Wohnort am Tegernsee, aufgetaucht. Auch Hoeneß‘ kulinarische Grundeinstellung ist bekannt: Er baute ein Wurstunternehmen auf - und stand auch in Holzkirchen für eine Benefizaktion am Grill.
Im „Sonntags-Stammtisch“ des Bayerischen Rundfunks verband Hoeneß dann beide Themen und lederte zwischen zwei Wahlsendungen gegen „Bevormundung“ durch die Grünen. „Wenn der Herr Özdemir mir vorschreiben will, dass ich keinen Zucker mehr in den Kaffee tun soll ...“, sinnierte Hoeneß. Einen Einwand der Politologin Ursula Münch („Das hat er, glaub‘ ich, nicht gesagt“), wischte der Ehrenpräsident des FC Bayern beiseite. „Ja, selbstverständlich hat er das gesagt!“, bekräftigte er. „Also das hab ich nicht gelesen“, wunderte sich die Expertin. Und auch Özdemir wies die Zuschreibung später weit von sich.
Hoeneß echauffiert sich im BR über vermeintliches Zucker-Verbot - Özdemir: „Sie lügen“
In einem Post auf „X“ machte der Grünen-Minister erst eine Klarstellung und ging dann selbst in die Offensive. „Herr Hoeneß, mit Verlaub, Sie lügen. Das sind Fake News“, schrieb Özdemir nebst einem Link zur Merkur.de-Berichterstattung zum Thema.
Tatsächlich ist eine Äußerung Özdemirs über ein Verbot von Kaffeezucker nicht bekannt. Stein des Anstoßes dürfte die Debatte über geplante Werbeeinschränkungen für stark zucker-, fett- oder salzhaltige Lebensmittel für Kinder sein. Mehrere FDP-Politiker lehnen die Pläne für das Vorhaben aus dem Ampel-Koalitionsvertrag allerdings ohnehin ab.
Er versucht den Leuten den Fleischverbrauch, den Wurstverbrauch, total runterzureden!
Mehr als 60 Organisationen aus Wissenschaft, Verbraucher- und Kinderschutz hatten im August an die Liberalen appelliert, diese Haltung zu überdenken. Der Streit zieht sich schon seit Monaten. Özdemir hatte seine Vorschläge zwischenzeitlich auch abgespeckt. Kritiker sehen Ernährung dennoch vor allem als Elternsache.
Auch Hoeneß geht die Idee offenbar zu weit. Özdemir distanzierte sich aber vom faktisch unbegründeten Kaffeevorwurf - und stellte dem Fleischexperten demonstrativ frei: „Trinken Sie Ihren Kaffee schwarz, mit Milch, Zucker, Süßstoff oder auch mit Schinkenwürfeln, wenn Sie das wollen.“
Hoeneß im BR in Grünen-Rage - „Da spricht jetzt aber der frühere Wurstfabrikant aus Ihnen“
Auch einen Seitenhieb in Richtung des Sportfunktionärs Hoeneß konnte sich der Schwabe und VfB-Stuttgart-Fan nicht verkneifen. „Oder ärgern Sie sich vielleicht nur, weil der VfB in der Tabelle vor dem FCB steht?“, stichelte Özdemir.
Die Politologin Münch hatte Hoeneß‘ Grünen- und Ampel-Schelte in der BR-Sendung weitere Male eingebremst. „Überall auf der Welt werden Atomkraftwerke gebaut und bei uns werden die besten, die es gibt, abgeschaltet, das versteht kein Mensch!“, hatte der 71-Jährige gerügt. „Also zumindest kein Bierzelt“, relativierte die Politikwissenschaftlerin. Und als Hoeneß Özdemir vorwarf, „den Wurstverbrauch total runterzureden“, kam auch der Tutzinger Expertin Münch ein Scherzchen über die Lippen: „Da spricht jetzt aber der frühere Wurstfabrikant aus Ihnen, oder?“
Im Juni hatte die CSU das Grünen-Lager mit einer anderen missverständlichen Fleisch-These erzürnt. „Fleischverbot: Schlag ins Gesicht für unsere Landwirte“, schrieb die Partei damals im Vorwahlkampf über ein Foto Özdemirs. Hintergrund war allerdings kein Gesetzes-, sondern ein möglicher Speiseplan für Veranstaltungen von Özdemirs Ministerium. Eine empörte Grünen-Stadträtin aus NRW nannte die CSU daraufhin „Fake-News-Schleuder“. Toni Hofreiter, Grünen-Abgeordneter aus dem Münchner Umland, wähnte die CSU mit ihren kulinarischen Angriffen auf seine Partie sogar auf den Pfaden russischer Propaganda. (fn)
Rubriklistenbild: © Andreas Gebert/picture alliance/dpa

