Von China beanspruchter Inselstaat

„Hals durchschneiden“: Taiwan-Streit zwischen China und Japan verschärft sich

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Japans neue Regierungschefin positioniert sich deutlich wie nie für Taiwan. China reagiert erzürnt – ein Diplomat droht sogar unverhohlen mit Gewalt.

Seine Wortwahl scheint Xue Jian, chinesischer Generalkonsul im japanischen Osaka, schnell bereut zu haben. Jedenfalls war sein Post beim sozialen Netzwerk X bald nicht mehr auffindbar, Xue hat ihn offenbar gelöscht. Da hatte die Social-Media-Botschaft des Generalkonsuls vom vergangenen Wochenende allerdings schon derart hohe Wellen geschlagen, dass die japanische Regierung offiziell Protest in Peking einlegte. Von einem „extrem unangebrachten Post“ sprach ein Regierungssprecher in Tokio. Xue hatte auf X der neuen japanischen Premierministerin Sanae Takaichi offen mit brutalster Gewalt gedroht: „Wir haben keine andere Wahl als diesen dreckigen Hals durchzuschneiden“, schrieb er. „Seid ihr bereit?“

US-Soldaten auf der japanischen Insel Okinawa (Archivbild).

Gut waren die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern China und Japan in der jüngeren Vergangenheit nie, was vor allem daran liegt, dass sich Tokio aus Sicht Pekings nicht ausreichend entschuldigt hat für die japanischen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Immer wieder besuchen japanische Premierminister zudem den Yasukuni-Schrein, an dem mehrere japanische Kriegsverbrecher geehrt werden, auch Takaichi war vor ihrer Wahl häufiger hier. Aber darum ging es dem chinesischen Konsul diesmal nicht.

„Lebensbedrohliche Situation“: In Japan wächst die Angst vor einer Eskalation des Taiwan-Konflikts

Was Xue Jian zu seiner Mordfantasie verleitet hat, waren die jüngsten Äußerungen von Takaichi zum Konflikt um Taiwan, den Inselstaat in unmittelbarer Nähe zu Japan, den China für sich beansprucht. Die rechtskonservative Takaichi hatte Anfang November am Rande des Apec-Gipfels in Südkorea einen hochrangigen Vertreter der taiwanischen Regierung getroffen und davon gesprochen, dass sich „die praktische Zusammenarbeit“ zwischen beiden Ländern „vertiefen“ solle. Japan erkennt Taiwan diplomatisch nicht an, unterhält aber inoffizielle Beziehungen zur Regierung in Taipeh. Peking ist das ein Dorn im Auge, seit Jahren versucht China, Taiwan diplomatisch zu isolieren. Im Falle Japans kommt hinzu, dass Taiwan bis 1945 als Kolonie von Tokio aus regiert wurde – ein Umstand, den auch das Außenministerium in Peking aufgriff: Japan habe „während seiner Kolonialherrschaft über Taiwan unzählige Verbrechen begangen“, sagte ein Sprecher.

Am vergangenen Freitag dann brachte Takaichi eine mögliche Beteiligung Japans bei einer Eskalation des Taiwan-Konflikts ins Spiel. Sollte China mit einer Blockade den Zugang zu Taiwan versperren, „könnte dies durchaus zu einer lebensbedrohlichen Situation werden“, Japan könnte zur Verteidigung Gewalt anwenden, sagte Takaichi. Das Außenministerium in Peking sprach daraufhin von einer „einer groben Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas“, den Ausrutscher seines Diplomaten in Osaka ließ ein Sprecher unkommentiert.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Auch in Japan selbst sind Takaichis Äußerungen umstritten. Aus der Opposition kamen prompt Forderungen, sie solle ihre Worte zurücknehmen. Tatsächlich hatte sich bis vergangenem Freitag noch kein japanischer Premierminister derart deutlich zu einer möglichen Rolle seines Landes im Taiwan-Konflikt geäußert. Auch sind Einsätze des japanischen Militärs generell umstritten. In seiner pazifistischen Verfassung verpflichtet sich Tokio, „auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt“ zu verzichten. Viele in Japan glauben aber, dass sich das Land schon länger von seinen pazifistischen Prinzipien entfernt. So verkündete Tokio vor knapp drei Jahren eine massive Aufrüstung, der Wehretat soll auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts verdoppelt werden.

Außer Frage steht für Experten allerdings, dass Japan im Falle einer Taiwan-Eskalation eine Schlüsselrolle zukäme. Denn in dem Land sind rund 55.000 US-Soldaten stationiert, die meisten auf der Insel Okinawa, also in unmittelbarer Nähe zu Taiwan. „Die US-Truppen auf Okinawa würden höchstwahrscheinlich als erste reagieren“, sagt May-Britt Stumbaum, Asien-Expertin und Direktorin der Denkfabrik Spear Institute. „Die Japaner könnten in eine lebensbedrohliche Situation kommen, wenn sich der Konflikt um Taiwan auf Japan ausweitet.“

Möglich sei auch, dass China mit einem Präventivangriff ein Eingreifen der Amerikaner von Okinawa aus verhindern wolle. Das würde es Japans Armee erlauben, „die US-Truppen zum Beispiel logistisch zu unterstützen“, sagte Stumbaum dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Auf ein solches Szenario hatte sich Takaichi mit ihren Äußerungen vom Freitag offenbar bezogen.

Auch wegen China: Japan rüstet schneller auf

Um Peking nicht unnötig zu verärgern, erklärte am Dienstag zwar ein japanischer Regierungssprecher, an der Haltung seines Landes zu Taiwan habe sich nichts geändert, und auch Takaichi sagte, sie wolle sich künftig nicht mehr zu „hypothetischen Szenarien“ äußern. Gleichzeitig aber rüstet sich Japan für den Ernstfall: Bei einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump vor zwei Wochen sagte Takaichi, Japan wolle seine Rüstungsziele ein Jahr früher als geplant erreichen. (Quellen: Eigene Recherchen, May-Britt Stumbaum, Kyodo, Yomiuri Shimbun, Asahi Shimbun, Japan Times, chinesisches Außenministerium)

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