VonHanning Voigtsschließen
Der hessische CDU-Landeschef Boris Rhein muss sich bei der Landtagswahl erstmals als Amtsinhaber beweisen. Es ist die vorerst wichtigste Wahl seiner Karriere. Das Porträt zum Wahlsonntag.
Wiesbaden – Mehr Heimspiel geht nicht. Am Donnerstagnachmittag, keine drei Tage vor Öffnung der Wahllokale, schallt Volksmusik über den Universitätsplatz im osthessischen Fulda. Fulda ist katholisch, Bischofssitz, CDU-Hochburg par excellence. Die „Fidelen Biebertaler“ singen zur Musik von Akkordeon und Trompete Schunkelmelodien von Liebe und Heimat. „Wir laden euch ein zu einem Gläschen Wein, denn wir wollen Freunde sein.“ Eine CDU-Fahne weht im Wind, die Bierbänke füllen sich, nebenan gibt es Bratwurst.
Plötzlich ertönt laute Popmusik. Das Publikum steht auf und beginnt rhythmisch zu klatschen. Die Moderatorin kündigt „unseren Ministerpräsidenten“ an. Und dann kommt Boris Rhein vor die Bühne, winkt in die Runde, lächelt, umarmt Parteifreund:innen. Dass gerade ein langer und anstrengender Wahlkampf zu Ende geht, merkt man dem 51-jährigen Juristen, der einen hellen Anzug, aber wieder keine Krawatte trägt, kein bisschen an. Er gibt Autogramme, posiert für Selfies, geht extra zu zwei älteren Damen mit Elektro-Rollstühlen, um ihnen die Hände zu drücken.
Vielleicht ist Boris Rhein auch einfach austrainiert. Denn im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern Nancy Faeser (SPD) und Tarek Al-Wazir (Grüne) befindet er sich seit dem 31. Mai vergangenen Jahres im Wahlkampf. Seit dem Tag, an dem er im hessischen Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Volker Bouffier, sein Vorgänger, war gerade noch rechtzeitig als Kopf der seit 2014 regierenden schwarz-grünen Koalition zurückgetreten, um es Rhein zu ermöglichen, sich vor der Wahl einen Amtsbonus zu erarbeiten.
Landtagswahl in Hessen: Der Newcomer Rhein nutzte seine Chance und machte sich bekannt
Rhein war nicht unbedingt Bouffiers erste Wahl als Nachfolger, aber nach dem Suizid von Finanzminister Thomas Schäfer zu Beginn der Corona-Pandemie hat er sich innerhalb der CDU durchgesetzt, etwa gegen Innenminister Peter Beuth. Und seine Chance im neuen Amt hat er genutzt: Kreuz und quer ist Rhein, der bis dato in Hessen nicht sonderlich bekannt war, durchs Land gereist, war gefühlt auf jedem Volksfest, überall.
Landtagswahl in Hessen
Am 8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.
Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl - und stellen die Frankfurter Wahlbezirke vor.
Dass ihm dabei nicht die Puste ausgegangen ist, hat nicht nur damit zu tun, dass Rhein montags bis freitags jeden Morgen fünf Kilometer joggen geht. Es ist auch einfach so, dass Rhein Auftritte vor Publikum, auch bei der Freiwilligen Feuerwehr oder beim Trachtenverein, Spaß machen. Er ist in seinem Element, wenn ihm zugehört wird, wenn Fotokameras klicken. Vielleicht war der leutselige Rhein auch deshalb so ein beliebter Landtagspräsident. Repräsentieren, das kann er.
Als Ministerpräsident ist Rhein am Höhepunkt einer auch von Rückschlägen geprägten Karriere angelangt. Er war Ordnungsdezernent in Frankfurt, wo er aufgewachsen ist und bis heute mit seiner Frau Tanja Raab-Rhein und den zwei Söhnen lebt. Seit 1999 war er Mitglied des Landtages, 2009 wurde er Innenstaatssekretär unter Volker Bouffier und auch damals schon dessen Nachfolger, als Bouffier Ministerpräsident wurde.
Landtagswahl in Hessen: Im CDU-Landesvater steckt ein Law-and-Order-Mann
Die Zeit als Innenminister hat Rhein geprägt. Er hat das Amt als Hardliner ausgefüllt. Wollte Salafisten abschieben, hat Chapter der „Hells Angels“ verboten. Wenn er nun fordert, „Frauenschlägern“ elektronische Fußfesseln anzulegen, merkt man, dass auch im hessischen Landesvater in Ausbildung der Law-and-Order-Mann steckt.
Seine größte Niederlage musste Rhein 2012 einstecken, als er die Wahl des Frankfurter Oberbürgermeisters gegen den bis dahin völlig unbekannten Peter Feldmann von der SPD verlor. Danach versetzte Bouffier ihn auf den Ministerposten für Wissenschaft und Kunst, anschließend wurde er Landtagspräsident.
Wohin die politische Reise geht, falls Rhein wie zu erwarten hessischer Ministerpräsident bleibt, ist offen. Bei seiner Rede in Fulda betont CDU-Politiker zwar, dass er für einen Kurs der Mitte stehe und dafür, dass Hessen „ampelfreie Zone“ bleibe. Er spricht sich für das Eigenheim und den Verbrennermotor aus.
Aber erstens ist klar, dass Rhein sich auch eine Koalition mit der SPD vorstellen kann, und zweitens, dass er bisher kaum bundespolitische Duftmarken gesetzt hat. Er hat sich von den Ausfällen seines Bundesvorsitzenden Friedrich Merz gegen Flüchtlinge und dessen Schlingerkurs zur teils rechtsextremen AfD distanziert, ihn aber nie offen angegriffen.
Man wird sehen, welche Rolle Boris Rhein im Bund noch spielen wird. Jetzt steht er erst einmal vor der wichtigsten Wahl seines bisherigen Lebens.
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