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Die Vorwürfe wiegen schwer gegen Hubert Aiwanger. Doch der versucht, die Deutschen in der Flugblatt-Affäre zum Narren zu halten. Die Kolumne.
Frankfurt – Dass die Menschen in Niederbayern ein ganz besonderes Verständnis von der deutschen Sprache haben, ist nichts Neues. Ebenso bekannt ist eine zuweilen bemerkenswerte Auslegung des Demokratiebegriffs im Freistaat Bayern. Es ist also zu begrüßen, dass die Sprachprobleme der Bazis ihre Partizipation am politischen System der Bundesrepublik dahingehend erträglich macht, dass man ihr gstanzltes Gerede nicht immer versteht. Man verpasst eigentlich nichts.
Flugblatt-Affäre: Hubert Aiwanger hält alle zum Narren – eine Kolumne
Dennoch werden die Bayern gerade – höflich ausgedrückt – nervig: Denn Hubert Aiwanger (Freie Wähler), der stellvertretende Ministerpräsident des Freistaates, versucht dieser Tage der gesamten Bundesrepublik einen Bären aufzubinden. Der Bundesvorsitzenden der Freien Wähler steht nämlich wegen eines Flugblattes, das bei ihm als 17-jähriger Schüler in seinem Tornister gefunden wurde, im Fokus der Aufmerksamkeit.
Darin die primitivste und eindeutigste antisemitische Hetze, die man sich in Bezug auf den Holocaust nur vorstellen kann: „Vaterlandsverräter“ werden aufgerufen, sich „im Konzentrationslager Dachau zu einem Vorstellungsgespräch“ zu melden. Details zum ausgelobten „Hauptpreis“, der sich auf die Krematorien im Vernichtungslager Auschwitz bezieht, ersparen wir uns.
Antisemitischer Brief: Söder schweigt zu der Causa Aiwanger viel zu lange
Jetzt kommt zur sprachlichen Unverständlichkeit des Niederbayern Aiwanger auch noch die absolute Dreistigkeit in der Flugblatt-Affäre, die ganze Bundespolitik für komplett dumm verkaufen zu wollen: Denn der Freie Wähler hinter Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schweigt sich zunächst auf die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung, die das Thema als erstes publik machte, aus, um dann zu verkünden, dass er zwar das Flugblatt mit sich getragen hatte, der Verfasser sich aber öffentlich äußern werde. Ein Schelm, wer hier eine konzertierte Aktion vermutet!
Es wird sehr durchsichtig: Als Verfasser tritt nun der Bruder des stellvertretenden Ministerpräsidenten ins Rampenlicht. Der Büchsenmacher Helmut Aiwanger. Hubert und Helmut. Das hätte sich kein Drehbuchschreiber für eine seichte Telenovela besser einfallen lassen können, wo der eine Bruder bei einem Unfall stirbt und der andere dann die hinterbliebene Freundin des anderen bekommt. Helmut stirbt also nun den öffentlichen Märtyrer-Tod. Das alles um seinen Bruder Hubert zu schützen?
Bruder Aiwanger versucht Herbert freizusprechen – geht es noch dümmer?
Es geht noch dümmer: Denn in der Seifenoper stirbt niemand sofort. Die Kamera hält im Flugblatt-Skandal in bester Opern-Manier auf die Schlussarie drauf. Da äußert Helmut Aiwanger noch einmal den Verdacht, dass sein Bruder Hubert die antisemitische Hetzschrift nur eingesammelt habe, „um zu deeskalieren“. Hubert, der Streiter für die Demokratie? Taucht jetzt auch noch eine Mutter Huberta Aiwanger auf, die wegen einer Schmutzkampagne gegen ihren Junior in den Hungerstreik tritt?
Denn Hubert Aiwanger beklagt heute auf Twitter eine solche Kampagne gegen sich und öffnet Raum für gefährliche Spekulationen: „Schmutzkampagnen gehen am Ende nach hinten los“, schreibt der Freie Wähler. Was der stellvertretende bayerische Ministerpräsident damit tut, ist die Rolle des Opfers einer einzunehmen und zu drohen. Er geriert sich als Ziel einer Kampagne, die es zum Ziel habe, ihn kurz vor der Landtagswahl politisch in die Bedeutungslosigkeit zu schicken. Es entsteht damit die diffuse Drohkulisse von einer unbekannten Macht, die sich gegen ihn verschworen hat.
Prüfung des SZ-Berichts ist eine Farce
Das wiederum ist ein übliches Stilmittel antisemitischer Verschwörungstheorien. Und ruft wie in unserer heutigen Zeit so oft jene auf den Plan, die nun laut in der Öffentlichkeit von der viel zitierten Unschuldsvermutung sprechen, um fundierte journalistische Arbeit in den Misskredit zu ziehen. Gegenüber den Kolleg:innen der Süddeutschen Zeitung wird deshalb der Vorwurf der unzulässigen Verdachtsberichterstattung laut.
Man darf sich fragen: wieso überhaupt? Denn Hubert Aiwanger hat den Besitz der antisemitischen Hetzschrift, die im Artikel öffentlich gemacht wird, ja schließlich zugegeben. Dem ganzen setzt die Krone auf, dass wegen der Berichterstattung der Presserat nun tatsächlich darüber nachdenkt, eine Prüfung der Berichterstattung vorzunehmen. Es wäre eine Farce! Und eine Niederlage für den unabhängigen und freien Journalismus. (Moritz Post)
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