Kämpfe in Charkiw

Im Konflikt mit Putin greifen Ukraine-Truppen auf Spitzentechnik zurück

+
Geübt auf der großen Bühne: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj tourt häufig durch den Westen, um die Nato-Länder davon zu überzeugen, ihre Waffenarsenale für ihn zu plündern. Aktuell verkündet eine seiner Einheiten per Video, dass sie in Charkiw wieder erfolgreich die Initiative ergriffen habe.
  • schließen

Mit Laserwaffen, Raketendrohnen und Videobeweisen: Die Ukraine meldet stetige Erfolge, während Russland dennoch Fortschritte erzielt.

Charkiw – „Die Ukraine gehört nun zu den Nationen, die über Laserwaffen verfügen“, sagt Wadym Sucharewskis. Der Kyiv Independent berichtet aktuell immer wieder über den Mann, den der britische Economist im Juli zum „Robocommander“ gekürt hat. Im Krieg gegen Wladimir Putins Invasionsarmee behauptet der 39-Jährige eine Stellung, die weltweit einzigartig ist: Oberbefehlshaber der unbemannten Streitkräfte der Ukraine. Wie das Magazin Defense Express berichtet, hätten seine Soldaten jetzt neuerlich mit ihren Kamikaze-Drohnen „strategische Siege in Charkiw und im Süden der Ukraine“ errungen.

Sofia Syngaivska stützt sich auf ein Video, dass die Paragon-Kompanie auf YouTube veröffentlicht haben soll. Laut dem Statistik-Dienst Militaryland gehören die Soldaten als Spezialeinheit den Geheimdienstkräften der Ukraine an. Jetzt sollen deren Kräfte unter russischen Verbänden kräftig aufgeräumt haben, wie Syngaivska schreibt: „Ein kürzlich veröffentlichtes Video unterstreicht ihren Erfolg und zeigt präzise Angriffe auf russisches Personal, befestigte Stellungen und Militärfahrzeuge. Die Operationen fanden in wichtigen Kampfgebieten in der Region Charkiw und im Süden der Ukraine statt und demonstrierten die Anpassungsfähigkeit und Effizienz der Einheit.“

Video soll im Ukraine-Krieg auf bessere Zeiten einstimmen

Das 54 Sekunden lange Video zeigt eine ganze Menge von rein gar nichts Substanziellem: anfliegende Drohnen sowie Explosionen über bereits zerbombten Gebäuden beziehungsweise getarnten Stellungen, unterlegt mit treibenden Techno-Beats. Die fehlenden Hintergrundinformationen machen jede Nachprüfung unmöglich, der Sinn des Videos kann also vermutlich nur darin bestehenden, die Ukraine im dritten Kriegswinter einzustimmen auf bessere Zeiten – auf Licht am Horizont.

Das ist unsere neue Methode der Vergeltung gegen den Aggressor. Der Feind ist besiegt. Ich danke allen, die das möglich gemacht haben. Allen Entwicklern, Herstellern und unseren Soldaten. Ich bin stolz auf euch.

Wolodymyr Selenskyj laut Kiew Independent

Dabei vermischen sich offenbar auch durch die ukrainische Kriegspartei die Fakten mit der Fiktion: „Der Februar 2022 war für alle Schulanfang“, sagte Oberst Sucharewski dem Economist. Die ausbleibenden Erfolge russischer Panzer-Einheiten und die horrenden Verluste an Menschen und Material gegen die ukrainische Armee kleiner, billiger Drohnen taugen als Beleg dafür, dass die Ukraine ihre Hausaufgaben gemacht hat. Erst recht, wenn der Economist behauptet, die russischen Drohnen seien den ukrainischen inzwischen um das Sechsfache überlegen. Ausgefeiltere Taktiken und innovative Technik hielten die Ukraine aber weiter auf Augenhöhe, bilanziert das Blatt. Das jetzt fast drei Jahre währende Ringen zwischen selbsternannter Supermacht und dem kleinen Bruder ist ebenfalls Beweis genug.

Sucharewskis Aussage sein „Laser ist real und einsatzbereit“, wie der Kyiv Independent vermeldet, wiederum weckt Zweifel, was auch der Independent pflichtschuldig weitergibt, indem er darauf verweist, diese Behauptung ungeprüft übernommen zu haben. „Wir wollten die Ukrainer wissen lassen, dass ihre Bemühungen nicht unbemerkt bleiben, damit sie weiter Widerstand leisten“, sagte im Juni 2022 gegenüber dem US-Online-Magazin Wired Mychajlo Fedorow. Der Minister für digitale Entwicklung in der Ukraine kann mit Fug und Recht die Innovationskraft seines Landes in die Welt kommunizieren, allerdings fehlen seit dem Ende des erstens Kriegsjahres die militärischen Erfolgsmeldungen.

Land der Transformation: Ukraine als Außenposten zwischen der zivilisierten und der autoritären Welt

Die wichtigste Botschaft wird wahrscheinlich sein, dass sich die Ukraine noch immer tapfer wehren kann. Insofern hat Sofia Syngaivska recht, wenn sie im ukrainischen „Propaganda-Kanal“ Defense Express davon berichtet, die verschiedenen Einheiten können sich an die jederzeit verschärfende Lage anpassen und effizient zurückschlagen. Tatsächlich ist die Ukraine inzwischen ein Land der Transformation geworden – der politischen genauso wie der technischen, wie auch das Wadym Sucharewskis gegenüber dem Economist ausgedrückt hat: „Die Ukraine sei ein ‚Außenposten … zwischen der zivilisierten und der autoritären Welt‘, aber sie wisse nicht, was sie von ihren Geldgebern erwarten könne.“

Denn diese Geldgeber haben selbst enorme Schwierigkeiten, die Ukraine zu verorten, technisch wie politisch. Wolodymyr Selenskyj als ihr Präsident und politisches Megaphon, wird nicht müde, dem Westen vorzuwerfen, er würde mit seinen Waffen hinterm Berg halten, anstatt sie jetzt gewinnbringend einzusetzen. Der Preis sei weniger der Kampf um die an Russland scheinbar verlorenen Territorien der Ukraine oder deren Bestreben nach Westanbindung, sondern der Lohn winke darin, Wladimir Putins globalem Machthunger frühzeitig die Zähne zu ziehen. Gleichzeitig stellt er im eigenen Land entwickelte Waffen vor im Brustton der Überzeugung, den russischen Aggressor scheinbar mit einem Handstreich vom eigenen Boden zu fegen.

„Das ist unsere neue Methode der Vergeltung gegen den Aggressor. Der Feind ist besiegt. Ich danke allen, die das möglich gemacht haben. Allen Entwicklern, Herstellern und unseren Soldaten. Ich bin stolz auf euch“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Unabhängigkeitstag der Ukraine, dem 24. August. Selenskyj sprach von Waffen einer „völlig neuen Klasse“, wie sowohl die Ukrainska Prawda als auch der Kyiv Independent berichtet haben.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj
Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland. © Imago
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig.  © dpa
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland. © Alexander Gusev/Imago
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen. Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann.
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während des Studiums an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen.  © Vadim Ghirda/dpa
Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine
Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann. © dpa
Arte - Diener des Volkes
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. © Arte/dpa
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.
Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.  © Arte/dpa
Vereidigung von Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein.  © Evgeniy Maloletka/dpa
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein. Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau.
Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau. © Wolfgang Kumm/dpa
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab. Steueroasen sind in der Ukraine nicht illegal.
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Diese sind in der Ukraine allerdings nicht illegal. © Sergei Chuzavkov/afp
Bitter End Yacht Club auf Virgin Gorda auf den Britischen Jungferninseln
Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab.  © Imago
Selenskyj
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann. © Evgen Kotenko/Imago
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann – und dies zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk tat. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben.
Er setzte das Mittel zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk ein. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben. © Instagram Account of Volodymyr Zelensky/afp
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten. Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden, der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus.
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten.  © Saul Loeb/afp
Joe Biden Hunter
Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden (hinten), der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus. © Imago
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin.
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. © Ukraine Presidential Press Service/afp
Nach der Präsidentenwahl in der Ukraine
Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin. © dpa
Trump, Macron, Selenskyj - Paris
Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, dass Selenskyj mit Putin zusammentraf.  © Lafargue Raphael/Imago
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren. Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, das Selenskyj mit Putin zusammentraf.
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren.  © Charles Platiau/afp
Selenskyj
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation weiter. Immer häufiger besuchte Selenskyj (Mitte) Militärübungen der ukrainischen Armee, so auch am 16. Februar 2022 in der Stadt Riwne. © Imago
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation immer weiter. Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.
Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion eskalierte der Ukraine-Krieg.
In der Nacht zum 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion im März 2014 eskalierte der Ukraine-Krieg.  © Imago
London, United Kingdom
Im Westen war die Solidarität mit der überfallenen Ukraine groß. Der Regierungssitz im Vereinigten Königreich leuchtete in den ukrainischen Farben.  © Hesther Ng/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. Danach sollen die USA Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden.
Die USA sollen Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. © Ukraine Presidency/afp

Selenskyj droht mit Innovationen: Für Russland werde die „Palyanitsya“ zu einer Herausforderung

Selenskyj präsentierte eine neue Raketen-Drohne oder Drohnen-Rakete; so genau, weiß das kein Außenstehender. Für Russland werde die „Palyanitsya“ zu einer Herausforderung, meinte Selenskyj. Eine Herausforderung ist zunächst, zu bestimmen, was diese Waffe überhaupt ist: offensichtlich ein Raketen-Drohnen-Hybrid, wie Oleksandr Kamyschin zu erklären versuchte. „Es ist eine Drohne – und es ist eine Rakete, denn gemäß seiner Spezifikationen fällt das Produkt unter beide Definitionen. Es wird mehr Raketendrohnen geben, so wie es bereits mehr Langstrecken-Angriffsdrohnen gibt, deren Ergebnisse wir fast täglich sehen“, sagt der ukrainische Minister für strategische Industrien nach Angaben des Defense Express.

Die Waffe sieht aus wie eine kleine Rakete und verfügt über ein Leitwerk und schmale Tragflächen; die Palyanitsya“ scheint von einem Düsentriebwerk bewegt zu werden. Auf welches Ziel die neue Waffe inzwischen abgefeuert worden ist, bleibt ein Rätsel. Der entscheidende Durchbruch gegen Russland lässt jedenfalls auf sich warten. Fakt ist, dass zeitgleich mit der Meldung der Einsatzreife der neuen „Wunderwaffe“ durch den ukrainischen Präsidenten ein Munitionslager in der russischen Region Woronesch getroffen worden sein soll; vermutlich tatsächlich durch eine ukrainische Langstrecken-Drohne. Auf Video-Bildern von Anwohnern in Sozialen Netzwerken soll angeblich ein Düsentriebwerk zu hören gewesen sein – diese Vermutungen publizierte Defense Express.

Im Februar hatte Pavlo Kurylenko gegenüber dem britischen Telegraph gemutmaßt, diesen Sommer würden die Russen für eine Großoffensive nutzen, wenn die Ukraine nicht umgehend vom Westen weiter aufmunitioniert würde. „Das einzige, was Russlands Durchbruch an allen Fronten verhindert, sind FPV-Drohnen (First-Person-View-Drohnen), von denen 90 Prozent von Freiwilligen oder Militärdivisionen selbst bereitgestellt werden“, sagte der Oberstleutnant und Kommandeur der ukrainischen Präsidentenbrigade.

Das aktuelle Bild der Ukraine: das eines kleinen Landes, das von einem mächtigen Nachbarn schikaniert wird

Tatsächlich sind inzwischen wieder frische Waffen gekommen und tatsächlich hat sich die Lage zugespitzt. Auch der Rückzug an den Fluss Dnipro, den Kurylenko prophezeit hatte, hat die Ukraine befehlen müssen – was aber den Russen auch keinen Vorteil verschafft, sondern eher zum Stillstand zwingt. Die neuesten Durchhalteparolen aus Charkiw, die über das Magazin Defense Express jetzt so beweis- und damit so kraftlos verbreitet werden, wirken dadurch befremdlich. André Liebich beispielsweise kritisiert eben diese ukrainische Darstellung der Kriegsrealität.

Der Professor des Geneva Graduate Institute sieht als „treibende Geist des Informationskriegs um die Ukraine“ tatsächlich Selenskyj. Eine durchaus diskutable These des Wissenschaftlers der Schweizer Hochschule für globale Themen, allerdings scheint Liebich suspekt, dass Selenskyj weiter daran festhält, „das gesamte ukrainische Territorium zurückzuerobern, einschließlich der Krim, die 2014 von Russland annektiert worden war“, wie er schreibt. Auch wenn der ukrainische Präsident weiter darauf wartet, den Westen von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihre Arsenale für ihn zu plündern, sieht Liebich in dem ehemaligen Schauspieler Selenskyj denjenigen, der scheinbar die Deutungshoheit über den Ukraine-Krieg innehat, wenn er behauptet:

„Das Bild, das er vermittelt – das eines kleinen Landes, das von einem mächtigen Nachbarn schikaniert wird – hat in der westlichen öffentlichen Meinung sicherlich Anklang gefunden.“

Kommentare