VonLukas Rogallaschließen
In einer offiziellen Einladung zum G20-Gipfel in Neu-Delhi heißt Indien plötzlich nicht mehr Indien. Was steckt dahinter?
Neu-Delhi – Am 9. und 10. September findet in Neu-Delhi der G20-Gipfel statt. Indien bereitet sich auf das Treffen hochkarätiger Politikerinnen und Politiker vor. Absagen von Russlands Präsident Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping haben international bereits für Schlagzeilen gesorgt, doch in Indien selbst dominiert derzeit ein anderes Thema.
Rashtrapati Bhavan, der Amtssitz der Präsidentin Indiens, verschickte zum Staatsbankett im Rahmen des Treffens der G20 eine Einladung, die die andere Bezeichnung des Landes trägt. Draupadi Murmu ist laut dieser Einladung nicht Präsidentin von Indien, sondern „Präsidentin von Bharat“. Bildungsminister Dharmendra Pradhan von der hindu-nationalistischen Partei BJP teilte ein Foto seiner Einladung auf X (ehemals Twitter).
Benennt sich Indien um? Was „Bharat „bedeutet
„Bharat Ganarajya“ ist der offizielle Name Indiens auf Hindi, neben Englisch eine der zwei Amtssprachen Indiens. In der Verfassung des Landes werden die Namen Bharat und Indien als gleichwertige Bezeichnungen festgehalten. Gleich zu Beginn der Verfassung heißt es: „Indien, auch Bharat, soll ein Staatenbund sein.“ Die Regierungspartei BJP von Regierungschef Narendra Modi könnte das offenbar ändern – und die Opposition sieht dies als Angriff.
Wie unter anderem der Fernsehsender News18 unter Berufung auf Regierungskreise berichtete, bereiten Abgeordnete von Modis BJP eine Resolution vor, um die Bezeichnung „Bharat“ gegenüber Indien zu bevorzugen. Die Regierung hat für Mitte des Monats eine Sondersitzung des Parlaments einberufen, hält sich aber hinsichtlich ihrer Pläne bislang bedeckt.
Eine Umbenennung Indiens wäre ein weiterer Schritt der Regierung Modis in ihrem Bemühen um Emanzipation von der britischen Kolonialzeit. Die Briten herrschten fast 200 Jahre lang in der Region. Erst seit 1947 ist Indien unabhängig. Der Name „Bharat“ geht auf alte, auf Sanskrit verfasste Hindu-Schriften zurück. Er ist eine der beiden offiziellen, in der Verfassung verankerten Bezeichnungen für das Land.
Ist der Name Indien ein Symbol „kolonialer Sklaverei“?
Die Zeitung The Economic Times zitiert den BJP-Abgeordneten Naresh Bansal, der im Parlament gesagt hatte, dass der Name Indien ein Symbol „kolonialer Sklaverei“ sei und „aus der Verfassung entfernt werden soll“. „Die Briten änderten den Namen von Bharat in Indien. In Artikel 1 der Verfassung heißt es: ‚Indien, das ist Bharat‘. Unser Land ist seit Tausenden von Jahren unter dem Namen ‚Bharat‘ bekannt … es ist der alte Name dieses Landes und findet sich in alten Sanskrit-Texten“, soll er weiter gesagt haben.
Doch in der Opposition wurde schnell Kritik laut. „Die Nachricht ist also tatsächlich wahr“, schrieb Jairam Ramesh von der Partei „Indischer Nationalkongress“ auf X. „Nun kann Artikel 1 der Verfassung lauten: ‚Bharat, das heißt Indien, ist eine Union von Staaten.‘ Aber jetzt wird sogar diese ‚Union der Staaten‘ angegriffen.“ Die Kongresspartei warf Modi vor, das Land spalten zu wollen und seine Geschichte zu verdrehen. Shashi Tharoor, ebenfalls von der Kongresspartei, schrieb auf X: „Ich hoffe, dass die Regierung nicht so töricht sein wird, auf ‚Indien‘ komplett zu verzichten.“
जन गण मन अधिनायक जय हे, भारत भाग्य विधाता
— Dharmendra Pradhan (@dpradhanbjp) September 5, 2023
जय हो 🇮🇳#PresidentOfBharat pic.twitter.com/C4RmR0uGGS
Der BJP-Vorsitzende Jagat Prakash Nadda reagierte gereizt auf die Kritik. Wieso habe die Kongresspartei „so viele Einwände gegen jedes Thema, das die Ehre und den Stolz des Landes betrifft?“, fragte er auf X.
Die Berliner Zeitung zitiert einen Kolumnisten der Tageszeitung The Hindu, der in der Sache Stellung bezog: „Menschen, die Englisch oder eine andere europäische Sprache sprechen, haben oft Probleme, östliche Namen auszusprechen“, meint V.P. Dhananjayan. „In der Vergangenheit änderten sie daher die Namen nach ihrem Gutdünken, und wir akzeptieren sie blind (…) wir haben zwei Namen, den ursprünglichen Namen Bharat und den Namen Indien. Die Invasoren von Bharat, die bis zum Fluss Sindhu kamen, haben es irgendwie geschafft, ‚Sindhu‘ als ‚Hindu‘ und dann als ‚Indus‘ auszusprechen. Und schließlich ist ‚Indien‘ seit Jahrhunderten an uns hängen geblieben.“
Indien gegen Bharat: Streit um Landesnamen kocht hoch
Der Streit um den Namen des Landes kocht laut Al Jazeera bereits seit Monaten hoch. Im Juli hatten sich zwei Oppositionsparteien mit dem Ziel, Modi zu stürzen, zusammengeschlossen. Der Name der Allianz: INDIA (Indian National Development Inclusive Alliance).
Was eine Umbenennung Indiens zudem für den Staatenbund BRICS bedeuten würde, ist unklar. Die Gruppe, bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika würde seinen einzigen Vokal verlieren. (lrg/afp)
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