Experte sieht Chance für Kiew

Krim im Visier: Treibt die Ukraine Russland mit geächteter Munition von der Insel?

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Die Krim wird seit 2014 von Russland besetzt. Die Gegenoffensive der Ukraine erzielt weitere Erfolge. Ein Experte fordert geächtete Waffe, zur Befreiung der Krim.

Krim - Im Ukraine-Krieg hat die Offensive der Truppen im Auftrag von Kiew weitere Erfolge zu verzeichnen. In der südlichen Region Saporischschja konnten die Streitkräfte der Ukraine in den vergangenen Tagen immer wieder vorrücken.

Am Freitag (25. August) sollen die Truppen an zwei Frontabschnitten im Oblast Saporischschja „nicht näher bezeichnete Erfolge“ erzielt haben, wie der US-amerikanische Thinktank Institute for the Study of War (ISW) schreibt. Auch im Dnjepr-Delta, welches ebenfalls in der Region Saporischschja liegt, sollen die Streitkräfte immense Verluste zu verzeichnen haben.

Streumunition für die Ukraine: Geächtete Waffe könnte für Angriff auf die Krim genutzt werden

Die Verluste, welche auf einer der Inseln des Deltas erfolgt sein sollen, sind nach Informationen des ISW wohl auch auf fehlende Unterstützung zurückzuführen, was die Empörung gegen das russische Militärkommando weiter befeuert haben soll. Aber auch an einer anderen Frontlinie erhöhen die Truppen der Ukraine den Druck.

Eine umstrittene Waffengattung könnte hier zu schnelle Erfolgen im Ukraine-Krieg führen, wie ein ehemaliger Sonderberater des Kiewer Oberbefehlshabers gegenüber dem Nachrichtenportal Newsweek sagte. Allerdings: Streumunition gilt international als äußerst fragwürdige Waffe.

Krim von Russland besetzt: Nach dem Maidan besetzte Moskau die Insel

Die ukrainische Halbinsel Krim wurde bereits im Frühjahr 2014 von Russland völkerrechtswidrig annektiert. Seither steht die Schwarzmeerinsel unter der Kontrolle von russischen und prorussischen Kräften. Nachdem Wladimir Putin im Februar 2022 den großflächigen Überfall auf das Nachbarland Ukraine befehligt hatte, wurde von Kiew immer wieder betont, dass die Krim Teil der Ukraine sei.

Krim: Wird die Ukraine mit geächteter Munition Russland vertreiben? (Archivbild)

„Die De-Okkupation der Krim ist alternativlos nicht nur für die Ukraine, sondern für die gesamte Welt“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erst im April 2023 in einer Videoansprache, wie das Handelsblatt schreibt. Auch auf dem Schlachtfeld lässt der ukrainische Oberbefehlshaber seinen Worten nun Taten folgen.

Kampf um die Krim: Verluste für Russland auf Schwarzmeerinsel – Kommt nun Streumunition zum Einsatz?

Am Freitag (25. August) griff die Ukraine die besetzte Krim nach russischen Angaben mit 42 Drohnen an. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums seien jedoch alle Angriffe abgewehrt worden. Russische Militärblogger sprechen laut ISW davon, dass es sich um den massivsten Angriff der letzten Monate gehandelt habe.

Auch im Laufe der Woche war die Krim immer wieder Ziel von ukrainischen Spezialoperationen. Am Donnerstag (24. August), dem Nationalfeiertag der Ukraine, veröffentlichte das Verteidigungsministerium ein Video von Spezialkräften, welche eine ukrainische Flagge an der Westküste der Krim gehisst haben sollen. Zuvor sollen die Einheiten den russischen Truppen Verluste zugefügt haben, wie es in der Mitteilung heißt. Es war bereits die zweite Spezialoperation auf der Krim in dieser Woche.

Geächtete Streumunition: Langzeitfolgen sind gravierend für die Zivilbevölkerung. (Archivbild)

Um die gesamte Krim befreien zu können, würden die Streitkräfte derzeit einen „Zwei-Brücken-Angriff“ planen, wie Dan Rice, ein ehemaliger Offizier der US-Armee und Sonderberater des Oberbefehlshabers in Kiew gegenüber Newsweek zu verstehen gab. Doch was bedeutet das konkret?

Ukraine fast Krim ins Auge: Strategie im Ukraine-Krieg könnte Truppen von Putin austrocknen

Die Halbinsel Krim grenzt im Norden an den Oblast Cherson auf dem ukrainischen Festland, der sogenannte Landkorridor. Im Osten führt in der Meerenge von Kertsch eine Brücke nach Westrussland.

Ziel der Strategie sei es zum einen, in den Landkorridor einzudringen und diesen für die russischen Streitkräfte zu „durchtrennen“. Zum anderen soll die Brücke von Kertsch zerstört werden, um die Anbindung an Russland zu durchbrechen. Damit würden die russischen Truppen dann von jeglicher Versorgung abgeschnitten werden, so Rice. Um Russland auf der Krim effektiv bekämpfen zu können, bräuchte es nach Einschätzung des Militärexperten allerdings erweitertes Arsenal an Streumunition mit großer Reichweite.

Experte fordert schwere Waffen im Ukraine-Krieg: Krim mit Streumunition erobern?

Für einen solch effektiven Schlag bräuchte die Ukraine allerdings sogenannte Raketen vom Typ M26 und M39, die das Land bereits seit längerem fordert. Bisher wurden die Raketen, welche eine Reichweite von bis zu 160 Kilometern haben, von den USA, aus Angst vor einer weiteren Eskalation mit Russland nicht an die Ukraine geliefert, so Rice.

Streumunition und das „Oslo-Übereinkommen“

Seit dem Jahr 2010 gilt die Konvention gegen Streumunition völkerrechtlich. 123 Staaten haben sich in dem auch als „Osloer-Übereinkommen“ bekannten Papier auf ein Verbot „des Einsatzes, der Entwicklung, der Herstellung, des Erwerbs, der Lagerung, der Zurückbehaltung und der Weitergabe von Streumunition“ geeinigt. Weder die Ukraine, noch Russland oder die USA haben den Vertrag bis heute unterzeichnet.

Quelle: Auswärtiges Amt, handicap international

Streumunition gilt international als geächtete Kriegswaffe. Im Ukraine-Krieg wird die Munition allerdings bereits sowohl von Russland als auch von der Ukraine eingesetzt. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) kritisiert den Einsatz von Streumunition aufs Schärfste. Der Einsatz solcher Munition würde zu einer hohen Zahl an vermeidbaren zivilen Opfern führen, so die Einschätzung des IKRK gegenüber dem Deutschlandfunk.

Das Problem an Streumunition ist, dass ein hoher Anteil der streuenden Submunition nicht detoniert. So bleiben die scharfen Sprengkörper auch nach der militärischen Auseinandersetzung oft unentdeckt in dem Gebiet. „Dadurch bringt Streumunition besonders die Zivilbevölkerung in Gefahr, nicht nur während des Einsatzes, sondern noch lange nach Beendigung eines militärischen Konflikts“, schreibt das Auswärtige Amt dazu.

Russland im Ukraine-Krieg nicht gewappnet: Schnelle Raketen können nicht abgewehrt werden

Für die Ukraine würde gerade die hohe Reichweite und die Effizienz der Raketen eine gewichtige Rolle spielen. Mit den Raketen vom Typ M39 könnte beispielsweise die Brücke nach Westrussland aus der Ferne aus zerstört werden, so die Einschätzung von Rice. Außerdem könnten Depots außerhalb der Reichweite der aktuellen Munition zerstört werden. „Dies würde den Landkorridor effektiv lahmlegen“, so der Experte.

  • Einsatz von Streumunition seit dem „Oslo-Abkommen“ (2010)
  • Kambodscha 2011 (durch Thailand)
  • Libyen 2011, 2015 und 2019
  • Syrien 2012 bis heute
  • Sudan 2012 und 2015
  • Südsudan 2014
  • Ukraine 2014, 2015 und seit Februar 2022 (hauptsächlich durch Russland)
  • Jemen 2015 bis 2017 (durch die Saudi-Arabische Koalition)
  • Quelle: handicap international (Stand Juli 2022)

Ein Abschneiden der russischen Versorgungswege auf die Krim könnte nicht nur einen militärischen Teilsieg nach sich ziehen. Es würde auch eine bessere Position am Verhandlungstisch erwirken, wie Rice zu bedenken gibt. Für Russland sei es zudem fast unmöglich, die Raketen, welche teils mit dreifacher Schallgeschwindigkeit fliegen würden, abzufangen. Ob die Ukraine ein weiteres Arsenal der geächteten Munition bekommt, scheint jedoch fraglich. (Lucas Maier)

Rubriklistenbild: © -/dpa

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