Die Hisbollah hat Israel als Vergeltung für den Tod des iranischen Führers Chamenei angegriffen. Könnte die Hisbollah auch Deutschland angreifen?
Über der libanesischen Hauptstadt Beirut steigt Rauch auf. Auf den Straßen von herrscht Chaos. Viele Menschen sind aus dem Süden der Stadt ins Zentrum geflohen, um den israelischen Luftangriffen auf die Hisbollah auszuweichen. Nachdem Israel und die USA den Iran angegriffen haben, hat sich der Konflikt auf die gesamte Region ausgeweitet. In der Nacht auf Montag (2. März) hat die radikal-islamische Hisbollah mit Raketen und Drohnen den Norden Israels angegriffen. Israel attackierte daraufhin Stellungen der Hisbollah im Libanon. Die Hisbollah bezeichnete ihren Angriff als Vergeltung für die Tötung des obersten iranischen Führers Ayatollah Ali Chamenei. Der Sicherheitsexperte Dr. Joachim Krause warnt im Focus: „Wir müssen auch jetzt wieder mit Terroranschlägen in der westlichen Welt rechnen.“
Grund dafür ist laut Krause die Kriegsstrategie der radikalen Islamisten: „Die Hisbollah als Ausgründung der iranischen Revolutionsgarden setzt wie diese auf asymmetrische Kriegsführung. Sie hat es in der Vergangenheit geschafft, mit einfachen Mitteln US-Botschaften in die Luft zu sprengen.“ Deswegen sei die Terrorgefahr aktuell erhöht. Auch Deutschland sei im Visier der Islamisten. „Als Verbündeter der USA sind wir ein legitimes Ziel. Ob es wirklich Anschläge hierzulande gibt, ist aber offen. Es ist ja gerade das Besondere an der asymmetrischen Kriegsführung, dass niemand weiß, wo sie eingesetzt wird, und sie schon allein dadurch Angst und Schrecken verbreitet.“
Iran-Rache: Hat die Hisbollah Waffen für Angriffe auf Militärbasen oder Terrorismus?
Krause geht beim Focus davon aus, dass die Hisbollah sich bei der klassischen Kriegsführung auf Israel konzentrieren wird und nicht etwa US-Militärbasen oder europäische Basen auf Zypern ins Visier nehmen wird. „Raketen, die deutlich weiter fliegen, gibt es im Arsenal vermutlich kaum oder gar nicht mehr“, so Krause. Die Hisbollah sei durch israelische Angriffe in den vergangenen Jahren massiv geschwächt und erhalte keine Waffen aus dem Iran. Dennoch sei nicht auszuschließen, dass Drohnen an die Hisbollah gelangen. „Damit könnten dann womöglich auch Ziele abseits von Israel ins Visier genommen werden.“ Gefährlicher für den Westen sei allerdings die asymmetrische Kriegsführung, also Terrorangriffe.
Wie der Terrorismusexperte Rolf Tophoven in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte schildert, ist bei radikalislamischen Terrororganisationen wie der Hisbollah besonders gefährlich, dass die Wirk- und Tatmittel einer Terroroperation relativ simpel sind: Schusswaffen, Bomben und Sprengstoffgürtel sowie Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Messer oder Fahrzeuge. Außerdem würden viele Täter und Täterinnen über das Internet radikalisiert. Das führe zu zerstreuten Einzeltätern, die vage Verbindungen zu radikalislamischen Organisationen haben. Wie Tophoven schreibt, ist ein zweiter 11. September nationalen und internationalen Sicherheitsbehörden zufolge aber heute kaum mehr denkbar. Das läge an weltweit besseren Abwehrmechanismen und Aufklärungsarbeit.
Menschen auf der Straße, Rauch über Städten: Bilder der Eskalation im Nahen Osten




FBI sieht erhöhte Gefahr für radikalislamischen Terror nach Angriffen auf Iran
Ähnlich wie Krause sieht man auch in den USA eine erhöhte Gefahr von Terroranschlägen aufgrund der Geschehnisse im Iran. In Austin hat in der Nacht auf Sonntag (1. März) ein Mann zwei Menschen erschossen und 14 weitere verletzt. Der Mann trug bei seiner Tat einen Hoodie mit der Aufschrift „property of allah“ (Eigentum von Allah) und eine Weste mit einer iranischen Flagge. Das FBI untersucht deswegen einen möglichen terroristischen Hintergrund der Tat. Wie Newsweek berichtete, erklärte das FBI, es befände sich in einem erhöhten Alarmzustand wegen möglicher Angriffe durch iranische Stellvertreter und Schläferzellen.
Und der ehemalige stellvertretende Direktor des FBI, Chris Swecker, warnte am Sonntag bei Fox News: „Wenn es jemals eine Zelle der Hisbollah oder der Hamas geben sollte, die in den Vereinigten Staaten gewalttätig wird, dann jetzt.“ Er erläuterte: „Wir wissen, dass sie hier Zellen haben. Wir wissen auch, dass es einzelne Sympathisanten gibt, von denen viele in diesen Protestgruppen in Erscheinung getreten sind.“
Mögliche Gefahr für Deutschland nach Iran-Angriffen: Was ist die Hisbollah?
Die Hisbollah, die „Partei Gottes“, besteht aus einer politischen Partei und einer bewaffneten Miliz. Die Hisbollah bezeichnet sich selbst als schiitisch, die Schia ist die zweitgrößte Glaubensrichtung im Islam. Im Libanon sind die Schiiten jedoch in der Minderheit. Lange waren sie verarmt und litten unter israelischen Angriffen während des libanesischen Bürgerkriegs in den 80er Jahren. Die Hisbollah wurde als Schutzmacht der Schiiten von den iranischen Revolutionsgarden gegründet und stieg zur dominierenden Kraft im Libanon auf. Als die libanesischen Konfliktparteien 1990 den Bürgerkrieg beendeten, behielt die Hisbollah als einzige Gruppierung ihre bewaffnete Miliz.
Lange genoss sie einen großen Rückhalt in der Bevölkerung und war seit 2005 an der Regierung beteiligt. Vielen galt sie als „Staat im Staat“. Die Hisbollah ist radikalislamistisch, hat eine anti-westliche Haltung und begreift den bewaffneten Kampf gegen Israel als Teil ihrer Identität. 2020 stufte Deutschland die Hisbollah als Terrororganisation ein. Inzwischen schwindet der Einfluss der Hisbollah jedoch. Im Frühjahr 2024 kam eine neue Regierung ins Amt, bei der keine Mitglieder der Hisbollah oder ihrer Verbündeten beteiligt sein sollen. Das berichtete damals unter anderem der Deutschlandfunk. Nach den Angriffen der Hisbollah auf Israel und den Gegenschlägen Israels hat die libanesische Regierung die militärischen Aktivitäten der Hisbollah für illegal erklärt. Seit November 2024 gilt eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah, die beide Seiten allerdings regelmäßig missachten.
Der libanesische Ministerpräsident Nauaf Salam sagte laut der Süddeutschen Zeitung, Raketenangriffe vom libanesischen Staatsgebiet stellten eine Verletzung von Waffenruheabkommen und Regierungsentscheidungen dar. „Der Staat lehnt jede militärische Aktion von seinem Territorium aus entschieden ab“, so Salam. Die Entscheidung über „Krieg und Frieden“ liege ausschließlich beim Staat. Die libanesische Armee wurde angewiesen, die Hisbollah zu entwaffnen. (Quellen: Aus Politik und Zeitgeschichte, Focus, Süddeutsche Zeitung, Deutschlandfunk, Newsweek, Fox News, eigene Recherche) (cdz)
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