Der Teilabzug aus Gaza bedeutet laut Israels Armee nicht das Ende der Kämpfe. Das Militär hält auch weiterhin an einer Invasion in der südlichen Grenzstadt Rafah fest.
Tel Aviv – Nur keine voreiligen Schlüsse ziehen, was den teilweisen Truppenabzug Israels aus dem Gazastreifen betrifft: Das war die Essenz der Botschaft, die Israels Generalstabschef Herzi Halevi am Sonntag an Israels Öffentlichkeit übermittelte. „Der Krieg in Gaza wird fortgesetzt und wir sind weit davon entfernt, ihn zu beenden“, sagte Halevi in einer Pressekonferenz. Immer noch seien namhafte Hamas-Kommandanten auf freiem Fuß, „und früher oder später werden wir sie kriegen,“ sagte Halevi.
Was bedeutet nun der Rückzug der allermeisten Bodentruppen aus dem Süden des Gazastreifens? Ein Vorbote auf ein baldiges Ende beim Krieg in Israel ist er jedenfalls nicht, und auch keine Neuerung in diesem Krieg. Schon im Januar hatte die Armee begonnen, mehrere Divisionen abzuziehen, weil man eine neue Phase des Kriegs eröffnete – die sogenannte Phase drei.
Israel zieht Truppen teilweise zurück: Zeitpunkt des Abzugs ist bemerkenswert
Nachdem Luftwaffe, Artillerie und Bodentruppen das Feld monatelang aufbereitet und Informationen gesammelt hatten, ging man nun zu gezielten, intelligenzgestützte Manöver über. Das soll nun auch verstärkt in der Region rund um Khan Yunis passieren. Für solche Manöver braucht man oft keine Bodentruppen, die Angriffe erfolgen mittels Drohnen.
Weiterhin im südlichen Teil präsent ist die massive Nahal-Brigade, sie ist laut Angaben des israelischen Militärs derzeit entlang des Netzarim-Korridors stationiert, der die von der Armee vorgenommene Teilung des Gazastreifens in einen nördlichen und einen südlichen Abschnitt sichert. Nördlich davon ist auch weiter die 162. Division aktiv. Was die übrigen Truppen betrifft, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nur um einen temporären Regress, um den Einheiten sechs Monate nach Beginn des Kriegs die Möglichkeit zur Erholung und zur Vorbereitung auf neue Aufgaben zu bieten.
„Es ist ein langer Krieg, man kann nicht immer in derselben Konfiguration kämpfen“, sagt Generalstabschef Halevi. Bemerkenswert ist der Abzug dennoch, und vor allem sein Zeitpunkt: Er könnte auf Fortschritte in den Verhandlungen auf eine Waffenruhe hindeuten. Dafür gibt es auch noch andere Indizien. Einerseits sprechen ägyptische Vertreter schon von einer möglichen Waffenruhe zum Ende des Ramadans in drei Tagen.
Zudem hat Israels Kriegskabinett die Delegation in Kairo nun mit einem „erweiterten Mandat“ ausgestattet. Auch das klingt nach einem deutlichen Fortschritt. Laut israelischen Informationen liegt der Ball nun wieder bei der Hamas, nachdem Israel einen mit den USA abgestimmten Entwurf für eine Verhandlungslösung abgesegnet hat. Sollte es in Kairo tatsächlich zum Durchbruch kommen, würde das eine Kampfpause von mehreren Wochen bedeuten – und der Truppenabzug wäre nur ein Vorgriff darauf. Es würde den Truppen auch die Möglichkeit geben, das Pessachfest bei ihren Familien zu verbringen.
Zudem hält die Armee auch weiterhin an einer Invasion in der südlichen Grenzstadt Rafah fest. Bilaterale Gespräche darüber mit US-Vertreter:innen sind auf Beamtenebene im Gang. Washington lehnt eine solche Invasion bekanntlich ab, hat aber zuletzt auch versichert, dass man kein Veto einlegen würde, sollte Israels Armee diesen sensiblen Schritt ohne grünes Licht der USA ergreifen. Im Großraum Rafah sind rund 1,3 Millionen Binnenvertriebene angesiedelt, sie leben unter höchst prekären Bedingungen. Die USA machen einen detaillierten Evakuierungsplan dieser Binnenflüchtlinge zur Voraussetzung für weitere Schritte.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Temporärer Abzug von Israels Truppen könnte Vorbereitungen für Rafah-Offensive dienen
Ein Vordringen der Bodentruppen nach Rafah wäre jedenfalls ein äußerst planungsintensives Unterfangen. Der temporäre Abzug der Truppen aus dem Süden könnte auch diesen Vorbereitungen dienen. Derzeit geht man in Israel davon aus, dass eine Rafah-Offensive nicht ohne den Sanktus der USA geschehen wird – auch wenn offiziell gerne das Gegenteil beteuert wird.
Im Norden Israels ist die Lage weiter höchst angespannt. Die Luftwaffe reagierte am Montag auf Dutzende Angriffe durch die Hisbollah, dabei soll auch ein hochrangiger Kommandant der Hisbollah getötet worden sein. (Maria Sterkl)