VonMaria Sterklschließen
Der Hof-Sender von Israels Premier Netanjahu zeigt Details zum Hamas-Angriff vom 7. Oktober - der Zeitpunkt ist wohl kein Zufall.
Frankfurt – Zensur ist kein beliebtes Wort, schon gar nicht bei Journalist:innen. In Israel ist die Militärzensur jedoch ein respektiertes Instrument, um die Medien daran zu hindern, Geheimnisse zu enthüllen, die aus guten Gründen im Dunkeln bleiben – meist der nationalen Sicherheit zuliebe.
So kommt es, dass seit Monaten zwar viele Journalist:innen in Israel wissen, warum die Armeeführung sich bereits Stunden vor dem Beginn des Massakers vom 7. Oktober darüber austauschte, ob eine ernste Gefahr eines nahenden Terroranschlags bestünde. Allein, sie verschwiegen sie – denn so verlangte es der Zensor der Armee.
Neue Informationen zu Hamas-Überfall auf Israel – SIM-Aktivierungen als Warnsignal
Umso überraschender, dass vor wenigen Tagen der israelische Nachrichtensender Kanal 14 Details veröffentlichte: „Hunderte“ israelische SIM-Karten seien am Abend vor dem 7. Oktober im Gazastreifen plötzlich aktiviert worden. Es waren jene SIM-Karten, derer sich die Terroristen am nächsten Morgen bei der Ausführung ihres mörderischen Tatplans bedienten.
In den Geheimdiensten und der Armee-Intelligenz gilt die gehäufte Aktivierung israelischer SIMs in Gaza als Warnsignal. Palästinenser:innen in Gaza nutzen zwar neben dem lokalen Anbieter auch israelische Provider, weil sie entweder in Israel Jobs nachgingen oder nahe an der Grenze leben. Dennoch behielt die Armee die Netzaktivität im Auge. In jenen kritischen Stunden vor dem Hamas-Überfall entschied sich die Armeeführung, keinen Alarm zu schlagen.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Netanjahu will Verantwortung für Hamas-Terrorangriff abschieben
Es handle sich entweder um eine bloße Übung der Terrorgruppen oder im Ernstfall maximal um einen punktuellen Angriff, urteilte man. Um einen solchen abzuwehren, wurde eine Einsatzgruppe des Inlandsgeheimdienstes noch in den Nachtstunden an die Grenze geschickt. Diese Kämpfer waren die Ersten, die in Schusswechsel mit den eindringenden Terroristen verwickelt wurden, viele von ihnen starben.
Wer Verantwortung für das Versagen im Vorfeld des 7. Oktober trägt, wird in der Armee nun untersucht. Nach dem Krieg in Israel, so heißt es, solle zudem ein Untersuchungsausschuss die Causa durchleuchten, dabei soll auch die politische Verantwortung geklärt werden. Dass die SIM-Karten-Affäre genau jetzt an die Öffentlichkeit kommt, ist wohl kein Zufall. Kanal 14 gilt als Schoßhund-Kanal von Benjamin Netanjahu. Seit Monaten ist er damit beschäftigt, alle Verantwortung für das sicherheitspolitische Versagen rund um den 7. Oktober der Armee zuzuschieben.
In den vergangenen Tagen kam Netanjahu erneut in die Kritik, unter anderem durch US-Präsident Joe Biden. Er erklärte die von Netanjahu geführte rechts-religiöse Koalition als Sicherheitsrisiko für Israel. Das will Netanjahu nicht auf sich sitzen lassen.
Terroranschlag vom 7. Oktober – Netanjahu wirft Militärführung Fehleinschätzung vor
Prompt reagierte er auf die Kanal 14-Leaks, indem er betonte, er habe von nichts gewusst – die Armee habe ihm das SIM-Karten-Faktum verschwiegen und sei eigenmächtig zu ihrer Fehleinschätzung der Lage gelangt. Eine breite Öffentlichkeit erfuhr dank Aufhebung der Zensur schließlich, dass Netanjahu sehr wohl involviert war. Er hatte die Warnungen gekannt – das gab der Premier schließlich auch öffentlich zu. Man erfuhr auch, dass es sich, anders als auf Kanal 14 behauptet, nicht um mehrere Hundert, sondern nur um ein paar Dutzend SIM-Karten handelte. Während Netanjahu zurückruderte, ist der Schaden – die Ausbreitung von Geheimdienst-Interna in Medien, die auch den Terrorgruppen zugänglich sind – aber nicht wieder gutzumachen.
Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat indes die Hoffnung geäußert, dass es im Gazakrieg innerhalb von Tagen zu einer Vereinbarung über eine Feuerpause kommen könnte. Das werde erlauben, den Menschen in dem dicht besiedelten Küstenstreifen echte Hilfe zukommen zu lassen, sagte er am Mittwoch. (Mit Material von dpa)
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