Irans Angriff auf Israel

Verteidigung ja, Vergeltung nein: Biden will Israel von Gegenangriff abhalten

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Wie Israels Antwort auf den Angriff des Iran ausfallen wird, ist unklar. Die Sorge vor Eskalation und Regionalkrieg steigt. Die USA drängen auf Zurückhaltung.

Washington D.C. – Noch am Freitag (12. April) hatte US-Präsident Joe Biden gegenüber dem Iran eine rote Linie gezogen. „Tut es nicht“, lautete Bidens kurze, dennoch klare Botschaft an die iranische Führung. Einen Tag später taten sie es. Mehr als 300 Drohnen und Raketen hat der Iran in Richtung Israel abgefeuert. Es ist das erste Mal, dass Iran Israel von seinem Staatsgebiet aus beschossen hat. Auch mithilfe von US-Luftabwehr konnten die meisten der Flugobjekte bereits außerhalb des israelischen Luftraums abgefangen werden. Die Sorge vor einer weiteren Eskalation des Konflikts ist nun groß.

Der UN-Sicherheitsrat forderte nach einer Dringlichkeitssitzung am Sonntag Zurückhaltung – von allen Parteien. Dass auf den Vergeltungsschlag des Iran keine Vergeltung Israels folgen dürfe, das fordern auch die USA. Berichten des Senders CNN zufolge soll Biden in einem Telefonat mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu noch in der Nacht des iranischen Angriffs versucht haben, den „erfolglosen Angriff“ des Iran als einen Sieg für Israel darzustellen, der eine Reaktion unnötig mache. Obwohl Biden Israel die volle Unterstützung der USA zugesichert hat, zeichnet sich ab, dass diese Unterstützung Grenzen hat. Die Grenze der US-Unterstützung scheint zwischen Verteidigung und Vergeltung zu liegen.

Israel, Tel Aviv: US-Präsident Joe Biden während eines Treffens mit dem israelischen Premierminister Netanjahu (Archivbild)

Auch die US-Administration nannte Spiegel-Berichten zufolge die Abwehr der iranischen Drohnen und Raketen einen „großen strategischen Erfolg“. Ein US-Regierungsvertreter betonte demzufolge, ebenso wie Biden es gegenüber Netanyahu getan haben soll, ein Vergeltungsschlag gegen den Iran sei aufgrund der erfolgreichen Abwehr nicht erforderlich. Im Sicherheitsrat sagte der US-Botschafter Robert Wood laut New York Times, die US-Regierung wolle „keine Eskalation anstreben“ und betonte, dass die Maßnahmen der Vereinigten Staaten nur zur Verteidigung Israels gedient haben sollen.

Nahost-Expertin warnt vor Eskalation in Nahost: „Am Rande eines gefährlichen Abgrunds“

Während die US-Führung auf Zurückhaltung drängt, warnen Expertinnen und Experten vor einer drohenden Gewaltspirale. Die Nahostexpertin Maha Yahya nannte gegenüber CNN den Angriff des Irans einen Wendepunkt im Konflikt zwischen Iran und Israel. „Wir stehen offen gesagt am Rande eines gefährlichen Abgrunds“, sagte die Direktorin der US-Denkfabrik Carnegie Middle East Center.

Den Angriff schätze Yahya bereits als „riesige Eskalation“ ein, sagte sie gegenüber dem US-Sender. Die Nahostexpertin drängte außerdem auf die Einflussnahme der USA und eine regionale Waffenruhe. Anderenfalls könne ein „umfassender Krieg in der gesamten Region“ drohen, mahnte sie.

Israels Ex-Verteidigungsminister droht mit Vergeltung: „Iran zur Rechenschaft ziehen“

In Israel wurden bereits Forderungen nach Vergeltung für den Angriff laut. So hat Benny Gantz, Mitglied des Kriegskabinetts und Israels Ex-Verteidigungsminister, laut Tagesschau gesagt: „Wir werden eine regionale Koalition bilden und den Iran zur Rechenschaft ziehen, zum richtigen Zeitpunkt und so, wie es für uns richtig ist.“

Premierminister Netanyahu hatte am Sonntag ein Kriegskabinett einberufen, das auch über mögliche Reaktionen auf den iranischen Angriff beraten sollte. Entscheidungen seien in Israels Kriegskabinett bislang jedoch noch nicht gefallen.

Teheran sieht Angriff als abgeschlossen an und mahnt Israel und USA

Den Angriff aus Teheran sieht die iranische Führung als Antwort auf den mutmaßlich israelischen Angriff auf die iranische Botschaft in Syrien an, bei der sieben iranische Offiziere getötet wurden. Nach Angaben Israels wurden in der Nacht von Samstag (13. April) auf Sonntag circa 300 Geschosse von Iran nach Israel abgefeuert. Rund 30 Menschen sollen dabei verletzt worden sein.

Die Regierung in Teheran bezeichnete den Angriff auf Israel als „verhältnismäßig“. Auf der Plattform X schrieb die iranische Vertretung der Vereinten Nationen, die Angelegenheit könne als abgeschlossen angesehen werden und warnte Israel und seine Verbündeten davor, auf den Angriff mit einem Gegenschlag zu reagieren. Im iranischen Staatsfernsehen sei auch eine Drohung an die USA ausgesprochen worden, berichtete der Deutschlandfunk. Sollten sich die USA an einer militärischen Antwort Israels beteiligen, könnten auch US-Stützpunkte Ziel eines Angriffs werden, hieß es demnach im iranischen Staatsfernsehen.

Iran will Angriff gegenüber USA angekündigt haben: Washington streitet ab

Am Sonntag sagte der iranische Außenminister Hossein Amirabdollahian, der Iran habe neben einigen weiteren Staaten, auch den USA, 72 Stunden im Voraus mitgeteilt, dass er der Angriff auf Israel starten werde. Ein türkischer Diplomat bestätigte dies gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Das türkische Außenministerium teilte demnach mit, man habe sowohl mit Washington, als auch mit Teheran gesprochen und versucht zu vermitteln.

Die US-Regierung hat die Erzählung bestritten. Zwar sei sie Reuters zufolge über Schweizer Vermittler in Kontakt mit der iranischen Führung gewesen, sei jedoch nicht 72 Stunden im Voraus vor dem Angriff gewarnt worden. Irakische, türkische und jordanische Beamte sagten jeweils, der Iran habe frühzeitig vor dem Angriff gewarnt und im Voraus einige Einzelheiten bekannt gegeben.

Arabische Staaten in Sorge vor Israels Reaktion und weiterer Eskalation

Wie Israel auf den Angriff Teherans reagieren wird, bleibt bislang unklar. Vor dem Angriff sagte der israelische Außenminister Israel Katz, Israel werde „in Iran angreifen“, sollte der Iran Israel direkt angreifen. Auch ein israelischer Armeesprecher soll nach der Sitzung des Kriegskabinetts in Israel gesagt haben: „Wir werden Iran mit Taten antworten, nicht mit Worten.“ Schenkt man den Drohungen des Iran Glauben, würden Taten vonseiten Israels wiederum nicht unbeantwortet bleiben.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

Neben den westlichen Staaten, die den Angriff verurteilten und ihre Sorge vor einer weiteren Eskalation äußerten, zeigten sich auch arabische Staaten wie Saudi-Arabien und Ägypten besorgt und riefen ebenso wie die USA zu Zurückhaltung auf. (pav)

Rubriklistenbild: © Miriam Alster/AP/dpa

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