Israel hat die Angriffe gegen den Libanon weiter ausgebreitet. Hisbollah und Israel beschießen einander mit Raketen, Marschflugkörper und Drohnen (Symbolbild).
Die Pager-Attacken im Libanon sollen Teil eines langfristigen Plans Israels gewesen sein. Sollte man nicht eigentlich die Finger vom roten Knopf lassen?
Tel Aviv/Beirut – „Wir stehen am Beginn einer neuen Ära in diesem Krieg, und wir müssen uns darauf einstellen“, erklärte der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant bei einem Besuch eines Luftwaffenstützpunkts im Norden Israels. Mit den Pager-Explosionen im Libanon ist diese neue Ära offenbar Realität geworden.
Der „Red Button“-Plan Israels: „Schwerer Schlag“ für die Führung der Hisbollah
Die Explosionen sollen Teil von Israels „Red Button“-Plan (zu Deutsch „Roter Knopf“) gewesen sein. Laut einem Bericht der Washington Post, der sich auf Informationen von israelischen Beamten stützt, handelt es sich um einen Plan, der in kritischen Momenten aktiviert wird, um maximale Wirkung gegen einen Gegner zu erzielen.
Ein ehemaliger israelischer Beamter erklärte der Washington Post, ein „roter Knopf“ sei „ein Konzept, das man nutzen kann, wenn man es will oder braucht“. Die Detonation der Geräte „war nicht Teil des umfassenden Plans“, der zu Beginn der Operation vorgesehen war, sagte der Beamte, betonte jedoch, dass die Explosionen erhebliche Auswirkungen gehabt hätten.
„Sehen Sie sich das Ergebnis an“, sagte der ehemalige Beamte und verwies dabei auf die Explosionen. Eyal Pinko, ein ehemaliger israelischer Marinekommandeur, bezeichnete den Angriff, laut Washington Post, als „schweren Schlag“ für die Führung der Hisbollah.
Angriff auf Hisbollah: Pager-Explosion war Höhepunkt jahrelanger Bemühungen
Ein ehemaliger Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes erklärte der Washington Post, dass die Explosionen den Höhepunkt jahrelanger Bemühungen darstellen, in die Kommunikations-, Logistik- und Beschaffungsstrukturen der Hisbollah einzudringen. Bevor die Pager mit Sprengstoffen präpariert wurden, sollen der Mossad und andere israelische Geheimdienste bereits ein umfassendes Verständnis darüber erlangt haben, was die Hisbollah benötigt, wo ihre Schwachstellen liegen und mit welchen Scheinfirmen sie in Verbindung steht, sowie deren Standorte und relevante Kontakte.
Daraufhin, sagte der ehemalige Beamte, „muss man eine Infrastruktur von Unternehmen schaffen, in der einer an einen anderen verkauft, der an einen anderen verkauft“ – alles, um näher an die Einkäufer der Hisbollah heranzukommen, die sich auf ihre eigenen Scheinfirmen verlassen, während sie jegliche Verbindung zu Israel verbergen.
Die New York Times berichtete, dass der israelische Geheimdienst nicht nur die betreffenden Geräte entwickelt, sondern auch Scheinfirmen gegründet hat, um die Hisbollah zu täuschen. Die israelische Regierung hat jedoch bislang keine öffentliche Verantwortung für diese Operation übernommen.
Kritik an Israel: Sprengstoff statt Spionagetechnologie
Ein ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter äußerte Kritik an Israels Wahl, Sprengstoffe statt fortschrittlicher Spionagetechnologie einzusetzen. Er sagte der Washington Post, dies spiegele die aggressive Haltung der Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu wider, die möglicherweise nicht die erhofften strategischen Ziele im regionalen Konflikt erreicht. Ralph Goff, ein ehemaliger hochrangiger CIA-Mitarbeiter, ergänzte, dass die USA von Israels Sprengstoffplan nicht informiert waren. Hätten sie davon gewusst, hätten sie versucht, die Operation zu stoppen.
Angriffe im Libanon: Iran warnt Israel mit „gefährlichen Konsequenzen“
Israel hat gleichzeitig die Angriffe gegen den Libanon weiter ausgebreitet. Hisbollah und Israel beschießen einander mit Raketen, Marschflugkörper und Drohnen. Angesichts dessen sieht der libanesische Außenminister Bou Habib die Gefahr eines großen Krieges. Vor dem UN-Sicherheitsrat in New York sagte Habib vergangene Woche: „Entweder zwingt dieser Rat Israel, seine Aggression einzustellen oder wir werden stumme Zeugen der großen Explosion sein, die sich heute am Horizont abzeichnet.“
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Auch die USA erkennt, dass der Nahe Osten kurz vor einem „regionalen Krieg“ stehe. Dies sagte ein US-Beamter gegenüber dem Sender CNN. Die größte Gefahr sei nun ein direkter Eingriff des Iran in den Konflikt. Dies sei bislang nicht geschehen, so der Beamte. Allerdings werde der Iran eingreifen, falls die Hisbollah – der stärkte iranische Stellvertreter im Nahen Osten – vor einer Vernichtung stehe, sagte er weiter.
Der Iran hatte auf die israelischen Angriffe mit einer deutlichen Warnung vor „gefährlichen Konsequenzen“ reagiert. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Nasser Kanani, bezeichnete die israelischen Luftschläge am Montag als „wahnsinnig“ und warnte vor einer „ernsthaften Bedrohung für den regionalen und internationalen Frieden“. Irans Präsident Massud Peseschkian warf Israel vor, auf einen „größeren Konflikt“ abzuzielen. (lw)