China-Expertin im Interview

„China stellt uns vor epochale Herausforderungen“

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Im Interview warnt die China-Expertin Janka Oertel vor einer Invasion Taiwans – und davor, in Deutschland vor Chinas Machtstreben die Augen zu verschließen.

Was will China – und was bedeutet das für uns im Westen? In ihrem soeben erschienenen Buch „Ende der China-Illusion“ blickt die China-Expertin Janka Oertel auf die Ambitionen der Volksrepublik, die unter Staats- und Parteichef Xi Jinping immer aggressiver auftritt. Im Interview fordert die Direktorin des Asien-Programms der Denkfabrik European Council on Foreign Relations einen neuen Umgang mit dem Land – und dass wir als Deutsche bereit sein müssen, die Kosten zu tragen, die ein Wandel in unseren Beziehungen zu China mit sich bringt.

Chinesische Soldaten Anfang 2020 bei einer Militärparade in Peking.
Frau Oertel, Ihr Buch trägt den Titel „Ende der China-Illusion“. Welche Illusionen über China machen sich die Deutschen?
Viele denken noch immer: „So schlimm wird’s schon nicht kommen, vor allem nicht für uns.“ Jetzt aber merken wir langsam, dass Chinas Politik sehr wohl Konsequenzen für uns hat. Weil die chinesische Führung mit lauteren und nicht so lauteren Mitteln nach wirtschaftlicher Dominanz in Bereichen strebt, die für Deutschland besonders wichtig sind, etwa bei der E-Mobilität. Und weil sie die Stabilität in Regionen infrage stellt, die für uns entscheidend sind, etwa in der Taiwanstraße, aber auch etwas indirekter in der Ukraine.
Welche Entwicklung sollte uns in Deutschland am meisten Sorge machen?
Wir werden nicht alle Risiken, die von China ausgehen, eliminieren können. Bei manchen geht das einfacher, etwa bei unserer Abhängigkeit von Grundstoffen für Medikamente. Andere Abhängigkeiten, etwa von Seltenen Erden, die wir für unsere grüne Transformation benötigen, lassen sich nicht so leicht beenden. Wir müssen uns als Gesellschaft deswegen stets fragen, wie wir die Risiken neu abwägen. Nicht einer reinen Marktlogik folgend, sondern als bewusste Entscheidungen. Wie gehen wir mit Blick auf die Geschwindigkeit beim Ausbau der erneuerbaren Energien und den Kampf gegen den Klimawandel mit Importen von chinesischen Solarpaneelen um, wie mit der Frage, wenn hier Zwangsarbeit zum Einsatz kommt?

„Die globalen volkswirtschaftlichen Kosten einer Eskalation in der Taiwanstraße wären enorm“

Eines der größten Risiken für die Weltwirtschaft und auch für Deutschland wäre eine Eskalation in der Taiwanstraße.
Die globalen volkswirtschaftlichen Kosten wären enorm. Wir müssen über Worst-Case-Szenarien – also eine chinesische Invasion oder eine Blockade Taiwans – nachdenken, um diese zu verhindern und darauf vorbereitet zu sein. Welche Güter würden im Falle einer militärischen Eskalation hierzulande nicht mehr zur Verfügung stehen und wie schnell? Wie entwickeln sich die Energiepreise? Was passiert mit den Lieferketten für Halbleiter? Es ist gut, wenn hierzulande Werke für Mikrochips gebaut werden, aber Lieferketten bleiben global. Sollte die Lage schon in Kürze eskalieren, würde uns das zudem ebenfalls kaum weiterhelfen.
Sie glauben, dass China schon bald Taiwan angreifen könnte?
Es wäre unseriös, ein konkretes Datum zu nennen. Ich glaube aber, dass 2024 ein sehr komplexes Jahr wird. Anfang Januar finden in Taiwan Präsidentschaftswahlen statt, später im Jahr dann in den USA – Ausgang offen. Vielleicht befindet die chinesische Führung: Die Situation ist uns zu unsicher, das Risiko eines Scheiterns ist groß. Vielleicht erscheint aber auch auf einmal ein Möglichkeitsfenster offen.
Sie schreiben in Ihrem Buch: „Die chinesische Führung bereitet sich auf einen Krieg vor.“
Das heißt aber nicht, dass sie einen Krieg unbedingt führen will – im Gegenteil. Aber wir sehen Vorbereitungen für eine militärische Eskalation. China rüstet immer weiter auf und strebt eine umfassende Diversifizierung der Energie- und Lebensmittelversorgung an. Die Bevölkerung wird auf schwierigere Zeiten eingeschworen.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

„Sowohl China als auch der Klimawandel stellen uns vor epochale Herausforderungen“

Was also tun?
Die nächsten fünf Jahre sind eine Hochrisikozeit. Entscheidend ist jetzt Deeskalation – von beiden Seiten. Es ist nicht in unserem Interesse, dass manche Politiker im Westen fordern, Taiwan solle sich für unabhängig erklären. Stattdessen benötigen wir mehr Sensibilität für das, was die Taiwanerinnen und Taiwaner selbst wollen.
Sie beschreiben China als „das zweite große Thema neben dem Klimawandel, dem wir uns in Deutschland und Europa in diesem Jahrzehnt stellen müssen“. Was ist mit Russland?
Sowohl China als auch der Klimawandel stellen uns vor epochale Herausforderungen. Auch wenn es sich derzeit nicht so anfühlt: Russland kann uns in Europa zwar massiv unter Druck setzen, aber eine strukturelle internationale Verschiebung herbeizuführen, das gelingt Wladimir Putin derzeit nur dank der Unterstützung durch China.
Wie wichtig ist China für Russland?
Nach der Annexion der Krim 2014 hat sich China noch zurückgenommen – Peking hat sich an Sanktionen gehalten, Xi Jinping ist nicht demonstrativ nach Moskau geflogen, um Putin zu treffen, und China hat die russischen Narrative von einer angeblichen Schuld der Nato an der Eskalation nicht verstärkt. Hätte China sich jetzt genauso verhalten, dann wäre Russland international deutlich isolierter und das russische Regime weit weniger salonfähig. Stattdessen sehen wir nun, dass der Handel floriert, bewusst der diplomatische Schulterschluss gesucht wird und China im großen Stil Autos, Lastwagen oder Schutzwesten an Russland liefert.

„China als Vermittler im Ukraine-Krieg ist eine große Illusion“

Dennoch glauben noch immer viele, China könnte in dem Konflikt eine Vermittlerrolle einnehmen.
Das ist eine große Illusion. Die chinesische Führung hat derzeit kein Interesse an einer Verhandlungslösung, bei der Putins Russland massive Verluste einstecken müsste. Sollte es aber dennoch eines Tages zu Verhandlungen kommen, wird China bereitstehen und sich für den Wiederaufbau der Ukraine anbieten. Deswegen sollen wir schon jetzt überlegen, wie genau so eine Rolle aussehen könnte. Bei Straßen oder Brücken ist das vielleicht weniger relevant als bei der Frage der digitalen Infrastruktur. 
Haben Chinas Unterstützung des russischen Angriffs auf die Ukraine und die Drohgebärden gegenüber Taiwan unseren Blick auf das Land denn nicht grundlegend verändert?
Nur anders über China zu reden, das reicht nicht. Wir müssen auch unser Verhalten ändern. Aber noch immer werden unsere 5G-Netze mit chinesischer Technik ausgebaut, noch immer sind wir bei Grundstoffen für Medikamente von China abhängig. Bei den letzten Regierungskonsultationen musste sich der chinesische Premierminister dann nicht einmal bei einer Pressekonferenz den Fragen von Journalisten stellen – in Deutschland. Und das zum ersten Mal. Unsere Rhetorik hat sich verändert, aber ein echter Mentalitätswechsel hat noch nicht stattgefunden.
Woran liegt das?
Wandel ist immer unangenehm, außerdem schwierig und kostspielig. Einige Leute verdienen viel Geld mit dem China-Geschäft und haben kein Interesse daran, dass sich daran etwas ändert. Die kleine Schwester der Zeitenwende sind die Beharrungskräfte. Und die sind immer noch sehr hoch. Eine Politik, die uns langfristig besser aufstellt, lässt sich politisch nicht leicht verkaufen. Wir müssen aber nicht nur bereit sein, die Kosten eines Wandels zu tragen. Sondern auch überlegen, was es uns kostet, nicht zu handeln.

Rubriklistenbild: © Liu Dawei/Imago

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