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Ist das Atomkraftwerk Saporischschja nach der Explosion des Staudamms in der Ukraine in Gefahr? Die Versorgung mit Kühlwasser kann nicht garantiert werden.
Saporischschja – Tausende Liter Wasser, zahlreiche Tote und Überflutungen: Die Auswirkungen der Explosion des Kachowka-Staudamms haben bereits jetzt weitreichende Auswirkungen auf die vom Ukraine-Krieg erschütterte Region. Während Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag, dem 8. Juni, das Katastrophengebiet besucht hat, bahnt sie eine weitere Zuspitzung der Lage in der Region an: Am ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja wird mit Hochdruck am Auffüllen der Kühlwasserreserven gearbeitet. Infolge der Staudamm-Explosion in der Ukraine hat nämlich der Pegel des Stausees ein kritisches Niveau erreicht und die Versorgung mit Kühlwasser ist gefährdet.
Explosion von Staudamm in der Ukraine: Entwicklung um Kachowka bedroht AKW Saporischschja
Atomkraftwerke werden oft mit aus Flüssen abgezapftem Wasser gefühlt, um die Anlagen zu kühlen. Für den sicheren Betrieb der AKWs ist eine funktionierende Kühlung unabdingbar. Wie dramatisch die Folgen sein können, wenn es zu Ausfällen in den Systemen der Anlagen kommt, zeigte zuletzt etwa das Unglück beim Kernkraftwerk Fukushima nach dem starken Erdbeben im Frühling 2011.
Inmitten des Kriegs in der Ukraine hat das Atomkraftwerk Saporischschja bereits wenige Monate nach Kriegsbeginn eine zentrale Rolle eingenommen. Ukrainische und russische Soldaten lieferten sich in der Region um das AKW in der Ostukraine heftige Kämpfe, immer wieder wurde befürchtet, dass es durch mögliche Granateinschläge zu einer nuklearen Katastrophe kommen könnte. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) reiste unter anderem in die Region, um Strahlenwerte zu überprüfen und Empfehlungen an die Konfliktparteien auszusprechen. Derweil gibt es immer weitere Schock-Berichte aus dem Ukraine-Flutgebiet.
Kühlung von AKW Saporischschja in Gefahr: Explosion von Staudamm sorgt für niedrige Pegelstände
Zwar konnte bisher beim AKW Saporischschja ein GAU angewendet werden, doch durch die jüngsten Entwicklungen um die Explosion des Kachowka-Staudamms, die auch von Putins Propaganda ausgeschlachtet werden, rückt das Kernkraftwerk erneut in den Fokus. Während noch nicht alle Auswirkungen der aktuellen Katastrophe in der Region noch nicht abgeschätzt werden kann, ist klar, dass der Betrieb des AKWs im direkten Zusammenhang mit dem Füllstand des Stausees steht. Das von Russland besetzte Kraftwerk liegt am nördlichen Ende des Wasserreservoirs.
Nach der Explosion war der Wasserstand gravierend abgesunken, sodass eine potenzielle Gefahr für das Atomkraftwerk Saporischschja gesehen wurde. Das Absenken des Pegelstands hatte sich nach seinen Angaben am Mittwoch leicht verlangsamt. Wenn der Pegel unter 12,7 Meter sinke, könne kein Wasser mehr auf das Gelände des Kraftwerks gepumpt werden. Das teilte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, am Mittwochabend mit.
Bisher kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Pegel innerhalb von wenigen Tagen unter diese Marke sinken könnte. Der Wasserstand in dem See sei binnen 24 Stunden um einen Meter gesunken und liege mit Stand Donnerstagmorgen (7.00 Uhr MESZ) bei 13,05 Meter, teilte der staatliche Wasserkraftwerksbetreiber Ukrhydroenergo in Kiew mit.
Kachowka-Staudamm in der Ukraine: Auffangbecken von Atomkraftwerk Saporischschja mit Wasser befüllt
Um der Gefahr zu entgehen, die Kühlung des Atomkraftwerks Saporischschja nicht mehr garantieren zu können, wurde daher begonnen, kontinuierlich Wasser aus dem Stausee in Auffangbecken auf dem Gelände zu pumpen. Laut Grossi wurde das Wasser zur Kühlung der sechs Reaktoren dann für mehrere Monate reichen, wenn die Becken voll seien. Zwar seien die Reaktoren abgeschaltet, aber sie brauchten trotzdem Kühlwasser. Während sich die Lage beim AKW Saporischschja weiter zuspitzt, hat die Ukraine wohl mit Panzer-Attacken eine Offensive gegen Putins Frontlinie gestartet.
Grossi will nach eigenen Angaben kommende Woche selbst nach Saporischschja reisen, um sich ein Bild von der dortigen Lage zu machen. Die IAEA wolle ihr Team in Saporischschja verstärken. Bereits am Mittwoch zeigte sich der Greenpeace-Atomexperte Shaun Burnie alarmiert wegen möglicher Folgen für das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja. Auch er warnte vor den Auswirkungen des Wasserspiegels für die Kühlung der Anlage. Seine Forderung: Das russische Militär müsse die Besetzung des Atomkraftwerks sofort beenden und es dem ukrainischen Personal ermöglichen, die notwendigen Maßnahmen ohne jegliche Einmischung zu ergreifen. (feb/dpa)
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