Kamala Harris befreit die US-Demokraten aus der Verteidigungshaltung
VonPeter Rutkowski
schließen
Hat Kamala Harris das Zeug zur Wahlsiegerin und Präsidentin? Eine Einschätzung.
Neil deGrasse Tyson, der bekannteste Astronom der USA, zählte mal in einer Fernsehshow auf, welche Berufe Abgeordnete in den Vereinigten Staaten üblicherweise hätten: „Banker, Banker, Banker, Jurist, Banker, Banker, Jurist, Banker ...“ Und setzte hinterher: „Wo sind die Wissenschaftler, Ingenieure, ... all die anderen?“ Kamala Harris hätte da nicht den Schnitt des Forschers aus New York gemacht.
Kamala Harris: Vizepräsidentin, Juristin und ehemalige Staatsanwältin
Die heutige Vizepräsidentin der USA hat Politik und Recht studiert, ist Doktorin der Jurispudenz, begann ihre politische Karriere mit einem Praktikum in der Poststelle eines Senators, wurde dann aber zunächst Vize-Bezirksstaatsanwältin. Von dort aus arbeitete sie sich konsequent hoch bis zu ihrem jetzigen Büro im Eisenhower Executive Office Building, einem prächtigen Klotz an der renommierten Pennsylvania Avenue in Washington.
Einwandererkind, Staatsanwältin und Senatorin, die Trump anklagte – Kamala Harris Werdegand
Als Vizepräsidentin ist Harris kaum wirklich in Erscheinung getreten. Während Joe Biden nach dem Wahlsieg 2020 schnell als stete Kraft am Staatsruder charakterisiert wurde, erfahren wie kein Zweiter, unaufgeregt und firm, musste die Presse bei Harris erst etwas suchen. Die Tochter einer indischen Biologin und eines afro-jamaikanischen Ökonomen. wurde 1964 in Oakland, Kalifornien, geboren. Sie war Bezirksstaatsanwältin von San Francisco und Generalstaatsanwältin des Bundesstaats, bevor sie 2017 im liberalen Südwesten der USA zur US-Senatorin gewählt wurde.
Im Januar 2020 eröffnete sie im Senat das erste Amtsenthebungsverfahren gegen den damaligen Bewohner des Weißen Hauses. Das sind die politischen Eckdaten, die alle in Erfahrung bringen konnten. Aber was trieb Harris an, was war ihre Politik? Wo stand sie im Vergleich zu Biden?
Biden-Nachfolgerin Kamala Harris kann locker sein - und eisenhart
Diese Fragen beantworteten sich nicht so schnell. Klar, Harris hielt als Rechtsgelehrte von Haus aus einen klaren Kurs zugunsten der Institutionen der USA, das juristische System des Landes ist ein Ankerpunkt ihrer Politik. Auch klar, sie machte keinen Hehl aus ihrer Herkunft, verbat sich jedoch jede Bevorteilung deswegen. Eine Self-Made Woman typischer US-Bauart. Die standardisierte politische Perlenkette ebenso wie das Regenbogen-Jeanshemd bei einem Christopher Street Day kann man ihr als ernsthafte visuelle Bekenntnisse abnehmen.
Welche politische Tradition verkörpert Kamala Harris?
Viele verweisen, dass Harris alle alten Mauer durchbricht, die sie am Vorankommen hindern: Erste Vizepräsidentin der USA, erste Schwarze in dem Amt, erste Person afro-jamaikanischer Herkunft als Nummer zwei an der Staatsspitze. Eine Bilderbuchkarriere, die allerdings Kratzer bekam, als Harris eigener Anlauf, 2020 Präsidentschaftskandidatin zu werden, deutlich scheiterte. Zudem fragt sich, auf welcher Basis Harris politisch agiert?
Wenn Joe Biden ein geistiger Erbe von John F. und Robert Kennedy ist, welche Traditionslinien verkörpert Harris? Der flammende Aktivismus eines Jesse Jackson, der bedächtige Idealismus eines John Lewis, alles keine Schablonen für Kamala Harris. Vielleicht ähnelt sie noch am ehesten Barack Obama: urban, leger, geradlinig, getrieben, aber kalkulierend und eiskalt strikt, wenn nötig. Dabei als versierte politische Akteurin eine diplomatische Leisetreterin, wenn das eher zum Ziel führt. Laut wird sie, wenn das mehr verspricht.
Kamala Harris: Liberal und staatstragend
Wo nimmt sie kein Blatt vor den Mund? Beim Recht auf Abtreibung, Gewalt gegen Frauen, in der Ehe und gegen Minderheiten– alles, was Trump und Konsorten als „liberal“ oder „woke“ verhasst ist. Wo hält sie den Ball staatstragend flach? In der Außenpolitik pro Transatlantik und pro Ukraine, in der Energiepolitik, wo sie kaum über den „Green New Deal“ (siehe Analyse auf Seite 9) hinausgeht, im Protektionismus gegenüber China. Mit Harris im Weißen Haus müsste Taiwan sich seine Verteidigung nicht erkaufen, wie es Trump vorschwebt.
Kamala Harris muss eigene politische Agenda für die US-Wahl formulieren
Reicht das, um den erlahmten Wahlkampf der Demokraten wieder anzukurbeln? Fürs erste auf jeden Fall, denn diese Frau der politischen Erstplatzierungen gibt der Kampagne eine ganz andere, viel dynamischere Stoßrichtung: Hier wird nicht verteidigt, hier wird um den Sieg gestritten. Und auch nicht geringzuschätzen: Der „alte“ Kandidat mit seinen motorischen und kognitiven Defiziten, der 78-jährige Trump, kann der energischen 59-Jährigen gar nichts an. Umso derber und unfokussierter ergießt sich nun der Hass auf die neue Gegnerin (siehe nebenstehenden Text).
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern
Aber was, wenn der Neuheiten-Bonus aufgebraucht ist? Dann muss Harris mit einer eigenen Agenda punkten, die sie von Biden abhebt und mit unentschiedenen Wähler:innen in Kontakt bringt. Aber nicht als Besserwisserin erscheinen lässt, wie es der zu selbstsicheren Hillary Clinton widerfuhr. Was passiert, wenn man nur das Abziehbild einer vermeintlich verbrauchten Präsidentschaft bleibt? Das zeigte der demokratische Vizepräsident Hubert Humphries 1968, als er als Notnagel für den ermordeten Robert Kennedy nominiert wurde. Und krachend gegen Richard Nixon verlor.