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Die Rolle Kanadas in der Nato ist weitgehend unterschätzt. Die Militärallianz kann sich seit ihrer Gründung auf das Engagement Ottawas stützen.
Für Kanadas Außenministerin Mélanie Joly ist die Nato „bei der Sicherung transatlantischer Sicherheit wichtiger denn je“. Joly wird in diesen Tagen in Brüssel sein, wo sich die Nato-Außenminister:innen treffen. Kanada ist Gründungsmitglied der Nato und angesichts des Kriegs in der Ukraine militärisch in Europa präsent.
Die Entschlossenheit Kanadas, sich in der Nato zu engagieren, hatte auch Premier Justin Trudeau betont, als er im Sommer vergangenen Jahres am Nato-Gipfel in Litauens Hauptstadt Vilnius teilnahm und zudem Lettland besuchte, wo eine von Kanada seit 2017 geleitete multinationale Nato-Militäreinheit stationiert ist. „Seit nahezu 75 Jahren ist Kanada ein engagiertes Mitglied der Nato. Die Allianz ist ein Eckpfeiler in Kanadas internationaler Sicherheitspolitik“, sagte Trudeau damals.
Kanadas Rolle in der Nato: Stark vertreten im Kampf gegen NS-Deutschland
Kanadas Rolle in der Nato seit ihrer Gründung wird außerhalb militärischer Kreise oft übersehen. Aber für Kanada war es nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig, in einem Verteidigungsbündnis mitzuarbeiten. Denn das Land hatte in beiden Weltkriegen im Vergleich zur seiner Bevölkerungsgröße eine überproportional große Zahl von Soldaten bereitgestellt und gewaltige finanzielle und menschliche Opfer gebracht. Kanadische Truppen waren an der Befreiung Deutschlands von den Nazis beteiligt, auch an der Landung alliierter Truppen in der Normandie.
Am 4. April 1949 gehörte Kanada zu den zwölf Staaten, die das transatlantische Bündnis gründeten. Nach dem Krieg waren kanadische Truppen in Europa stationiert, und nachdem Frankreichs Präsident Charles de Gaulle 1966 den Rückzug Frankreichs aus der Militärstruktur der Nato bekanntgegeben hatte, verlegte Kanada seine Luftstreitkräfte aus Ostfrankreich nach Lahr in Baden-Württemberg. Lahr wurde zu „Little Canada“ in Deutschland.
Zwei-Prozent-Ziel nicht erreicht: Kanada steht dennoch vorbehaltlos hinter der Nato
Nach dem Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina beteiligte sich Kanada an der Nato-Stabilisierungstruppe Sfor, die unter UN-Mandat agierte. Das Land nahm auch an den Nato-Angriffen auf Serbien im Kosovo-Krieg 1999 teil. Gegenwärtig ist die Führung einer Nato-Brigade in Lettland im Rahmen der „Operation Reassurance“ die größte Übersee-Mission der kanadischen Streitkräfte. Die Nato-Truppe, seit 2017 in den baltischen Staaten und Polen stationiert, soll der Abschreckung gegenüber Russland dienen. Kanada ist an dieser 1700 Personen starken Truppe mit 1000 Soldatinnen und Soldaten beteiligt und hat zugesagt, seine Präsenz in den kommenden Jahren zu verdoppeln.
Sowohl liberale als auch konservative Regierungen stehen und standen vorbehaltlos hinter der Nato. Seinen finanziellen Verpflichtungen, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben, ist Kanada nach Nato-Berechnungen aber bisher nicht nachgekommen. Im Sommer 2023 veröffentlichte die Nato Schätzungen, wonach Kanada lediglich 1,38 Prozent für Verteidigung ausgebe. Laut einer Umfrage vom März spricht sich etwas mehr als die Hälfte der Befragten dafür aus, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen. (Gerd Braune)