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Der neue Glaubenspräfekt im Vatikan soll offener sein, als seine Vorgänger. Damit übte Papst Franziskus deutliche Kritik an der Arbeit von Joseph Ratzinger.
Rom – In den Vatikan kehrt einfach keine Ruhe ein. Nach der Abschiebung von Erzbischof Georg Gänswein nach Freiburg und den Attacken von „extremen Gruppen“ gegen den künftigen Glaubenspräfekten und Papst-Vertrauten Victor Fernández könnte es in der katholischen Kirche zum nächsten großen Politikum kommen. Denn Papst Franziskus kratzt an dem Erbe seines Vorgängers, Papst Benedikt XVI.
Radikale Zäsur im Vatikan: Papst Franziskus kratzt am Erbe von Papst Benedikt XVI.
Bei Gänswein war es wohl eine Verbannung nach den Enthüllungen über Interna des Vatikans in seinem Buch „Nicht als die Wahrheit“. Nun könnte die Abberufung des ehemaligen Papst-Sekretärs Gänswein nur ein Vorspiel gewesen und gar zur Randnotiz verkommen. Denn die Ernennung von Fernández zum obersten Glaubenswächter durch Papst Franziskus wirkt nach außen wie eine radikale Zäsur.
Schließlich hatte Joseph Ratzinger vor seiner Wahl zu Papst Benedikt XVI, die früher Inquisition genannte Organisation von 1983 bis 2005 geleitet und als oberster Glaubenshüter das heutige Glaubensdikasterium quasi in eine „Glaubenspolizei“ verwandelt, um Irrglauben in der katholischen Kirche entgegenzuwirken.
„Unmoralische Methoden“ im Vatikan: Papst Franziskus zerstört das Erbe von Benedikt
Als wohl zweitwichtigster Mann im Vatikan soll Fernández nach seinem Amtsantritt im September wohl einen neuen Weg einschlagen – rund neun Monate nach dem Tod von Papst Benedikt XVI. Dabei soll nach den Vorstellungen von Papst Franziskus mehr Offenheit und weniger Kontrolle im Fokus des Ministeriums stehen. Einen Seitenhieb gab er in einem offenen Begleitbrief an Fernández auch dem ehemaligen Papst Benedikt und seinen Nachfolgern mit, die Ratzingers starre Linie kritisiert.
In der Vergangenheit habe das Dikasterium „unmoralische Methoden verwendet“ und zu sehr „mögliche Abweichungen von der Doktrin verfolgt“, äußerte der amtierende Pontifex deutliche Kritik an der Arbeit der „Glaubenspolizei“ in früheren Zeiten. Das neue Glaubensministerium solle in Person von Fernández einen Gott darstellen, „der liebt, der vergibt, der rettet, der befreit“.
Deutliche Kritik aus dem Vatikan: Vertrauter von Papst Franziskus beanstandet „Kontrollmechanismus“ seiner Vorgänger
Der Vertraute von Franziskus, der ebenfalls aus Argentinien stammt, gab einen Einblick, wie er seine zukünftige Aufgabe sieht: „Ein harmonisches Wachstum wird die christliche Lehre wirksamer bewahren als jeglicher Kontrollmechanismus.“ Ein weiterer Schuss in Richtung des verstorbenen Ratzinger, dessen Name zwar keine Erwähnung fand, aber auch ohne diesen wurde deutlich, an wessen Adresse die Kritik gerichtet war.
Ob Fernández die Vorstellungen von Papst Franziskus am Ende auch so umsetzen kann, wenn er sein Amt antritt, muss sich erst noch zeigen. Die Konservativen im Vatikan und der katholischen Kirche auf der ganzen Welt werden diese Pläne wohl nicht so einfach hinnehmen. Es ist die erste große Aufgabe, denen sich der Mann, der als 30-jähriger Seelsorger ein Buch über das Küssen geschrieben hatte, wohl in seinem neuen Amt wird stellen müssen. Gesichert ist nur, dass allemal ein steiniger Weg vor ihm liegt.
Rubriklistenbild: © Beata Zawrzel/imago

