Ärger wächst – Lösung gesucht

„Eine Abscheulichkeit“: Orbán-Kritiker will Ungarns EU-Milliarden komplett einfrieren

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Seit Jahren mehren sich herbe Korruptionsvorwürfe gegen Viktor Orbán und seine Vertrauten. Immer mehr Kritiker fordern strengere Strafen.

Immer wieder beklagen EU-Parlamentarier eine enorme Korruption und Vetternwirtschaft in Ungarn. Seit Viktor Orbán 2010 zum zweiten Mal als Ministerpräsident an die Macht gekommen ist, profitieren seine Gefolgsleute auch von EU-Geldern, wie Beobachter meinen.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán spricht während eines Treffens mit US-Präsident Trump im Kabinettssaal des Weißen Hauses.

„Wo der Rechtsstaat, unabhängige Medien und zivilgesellschaftliche Gruppen geschwächt werden, dort blüht die Korruption“, sagte Alexandra Herzog von Transparency International Deutschland. Das veranschauliche Ungarn, das unter Orbáns Führung im Index abgestürzt sei und inzwischen mit 42 Punkten (auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten) und Rang 76 den letzten Platz unter den EU-Staaten belegt.

Korruption in Ungarn: Wie Orbáns Regierung EU-Gelder veruntreut

Ein aktuelles Beispiel ist ein Landhaus, das zuletzt mit fünf Millionen Euro aus dem EU-Strukturförderungsprogramm renoviert wurde. Angeblich, um den lokalen Tourismus zu fördern. Aber: „Nach der Renovierung hat der Staat das Gebäude kostenlos an den führenden ungarischen Mineralölkonzern MOL verscherbelt“, wie Daniel Freund der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagte. Der EU-Abgeordnete gilt als einer der schärfsten Orbán-Kritiker.

Wie viele EU-Gelder Orbán insgesamt zweckentfremdet hat, ist unklar. Feststeht: Seit der Rechtspopulist an der Macht ist, sind 80 Milliarden Euro aus der Europäischen Union nach Ungarn geflossen. Transparency International schätzt, dass davon 25 Prozent für nicht-vorgesehene Zwecke entfremdet wurden.

Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern

Karte der Europäische Union
Die Europäische Union ist eine wirtschaftliche und politische Vereinigung von 27 europäischen Ländern. Insgesamt leben etwa 450 Millionen Menschen im Gebiet der EU. Ursprünglich als Wirtschaftsverbund gegründet, hat sie sich zu einer Organisation entwickelt, die eine Vielzahl von Feldern abdeckt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der europäische Binnenmarkt der größte gemeinsame Markt weltweit. Er ermöglicht die freie Bewegung der meisten Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen. © PantherMedia (Montage)
Römischen Verträge EU
Der Grundstein für die heutige EU wurde am 25. März 1957 gelegt. Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg unterzeichneten damals die Römischen Verträge. Für Deutschland setzten Kanzler Konrad Adenauer (links) und Walter Hallstein, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ihre Unterschriften unter das Dokument. Damit waren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) besiegelt. © dpa
Margaret Thatcher und François Mitterrand
Am 1. Januar 1973 traten Dänemark, die Republik Irland und das Vereinigte Königreich der EG bei. Einfach war das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa nie. Auch Premierministerin Margaret Thatcher (links) war keine Freundin Europas. Mit der Forderung „We want our money back“ setzte die Eiserne Lady 1984 beim Gipfel in Fontainebleau einen Rabatt bei den Zahlungen Großbritanniens in die Gemeinschaftskasse durch. Verhandlungspartner wie der französische Präsident François Mitterrand (rechts) waren machtlos. © Daniel Janin, Gabriel Duval/afp
Militärjunta in Griechenland
Zum 1. Januar 1981 trat Griechenland der Europäischen Gemeinschaft bei. Die Aufnahme des Landes war heftig umstritten. Europa befürchtete, sich einen unangenehmen Partner ins Nest zu holen. So sorgte zum einen das konfliktreiche Verhältnis Griechenlands zur Türkei für Unbehagen. Noch schwerer wog die Diktatur der rechtsextremen Militärjunta, die erst im Juli 1974 zu Ende gegangen war. Ein interner Machtwechsel am 25. November 1973, als Panzer im Athener Zentrum auffuhren (im Bild), konnte den Wandel nicht mehr aufhalten. © Imago
Von wegen grenzenlos - Ärger in Schengen über Grenzkontrollen
1985 unterzeichneten Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten das „Schengener Abkommen“ über den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an ihren gemeinsamen Grenzen. Die weitgehende Reisefreiheit erleichterte das Leben und Arbeiten in anderen europäischen Ländern erheblich. Alle Bürgerinnen und Bürger der EU haben das Recht und die Freiheit, selbst zu entscheiden, in welchem EU-Land sie arbeiten, studieren oder ihren Ruhestand verbringen möchten.  © Harald Tittel/dpa
Franco und Juan Ćarlos
1986 nahm die EG zwei neue Mitglieder auf: Portugal und Spanien. Damit konnten beide Staaten ihre Isolation auf dem Kontinent beenden. Vor allem für Spanien war der Beitritt in die EG ein markanter Wendepunkt, um die Folgen der jahrzehntelangen Diktatur unter Francisco Franco (rechts) zu überwinden. Juan Carlos (links), der zwei Tage nach Francos Tod am 20. November 1975 zum König proklamiert worden war, spielte eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der Diktatur. Bei der Aufnahme des Bildes im Jahr 1971 hatte er noch im Schatten Francos gestanden. © afp
Silvester 1989 am Brandenburger Tor
Eine Erweiterung im eigentlichen Sinne war es nicht. Doch als am 3. Oktober 1990 die Länder der DDR der Bundesrepublik Deutschland beitraten, wurde die EG automatisch um ein gutes Stück größer. Mit der Wiedervereinigung erstreckte sich das gesamte Gemeinschaftsrecht nun auch auf das Beitrittsgebiet. Mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 80 Millionen Menschen ist Deutschland seitdem der bevölkerungsreichste Mitgliedsstaat. © Wolfgang Kumm/dpa
Genscher und Waigel unterzeichnen Maastrichter Vertrag
Anfang der Neunziger war die Zeit reif für einen Wandel. Die Römischen Verträge hatten ausgedient. Am 7. Februar 1992 unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs der EU ein neues Vertragswerk. Für Deutschland unterzeichneten Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) und Finanzminister Theo Waigel (rechts) das Dokument. Der Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union trat am 1. November 1993 in Kraft. Mit dem EU-Vertrag entwickelte sich die europäische Gemeinschaft zu einer politischen Union. © dpa
Volksabstimmung zum EU-Beitritt in Norwegen 1994
1995 nahm die EU drei neue Länder auf. In Österreich, Schweden und Finnland hatten zuvor die Menschen in Volksentscheiden dem Beitritt zugestimmt. Auch Norwegen ließ das Volk in einem Referendum darüber abstimmen. Doch hier sah das Ergebnis anders aus. 52,2 Prozent der Wahlberechtigten in Norwegen votierten in einer Volksabstimmung gegen einen Beitritt.  © Berit Roald/Imago
Tschechien feiert EU-Beitritt
Neun Jahre später kam es zur ersten Osterweiterung. Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und die Republik Zypern der EU bei. Die neuen EU-Länder feierten den Beitritt, in Prag (hier im Bild) und anderen Hauptstädten freuten sich die Menschen über eine Zukunft unter dem Dach der EU. Die Europäische Union setzte sich somit aus 25 Mitgliedstaaten zusammen. © Michal Svacek/afp
Rumänien - EU
Der zweite Teil der Osterweiterung ließ nicht lange auf sich warten. Am 25. April 2005 unterzeichneten Rumänien und Bulgarien den Beitrittsvertrag zur EU. Beide Länder wurden zum 1. Januar 2007 in die Europäische Union aufgenommen. Für die Menschen in Bukarest (hier im Bild) gab es also mehr als nur einen Grund, die Nacht zum Tage zu machen. Die Fläche der EU wuchs mit dieser Erweiterung auf etwas mehr als 4,3 Millionen Quadratkilometer.  © Robert Ghement/dpa
Kroatien wird EU-Mitglied
Schon im Juni 2004 war Kroatien der Status eines offiziellen Beitrittskandidaten verliehen worden. Doch die Verhandlungen verzögerten sich mehrmals, erst sieben Jahre später konnten sie erfolgreich abgeschlossen werden. Kurz danach stimmten 66,3 Prozent der Wahlberechtigten bei einem Referendum für den Beitritt in die EU. Am 1. Juli 2013 war schließlich der Zeitpunkt gekommen, um vor dem Europäischen Parlament in Straßburg die Flagge Kroatiens zu hissen. Die EU bestand damit aus 28 Mitgliedsstaaten. © Frederick Florin/afp
EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp
Banksy-Kunstwerk zu EU und Brexit
Seit dem 31. Januar 2020 besteht die EU nur noch aus 27 Staaten. Nach 47 Jahren verließ das Vereinigte Königreich als erstes Mitgliedsland die Europäische Union. Im Juni 2016 hatte eine knappe Mehrheit in einem Referendum für den Abschied aus der EU gestimmt. Der britische Street-Art-Künstler Banksy kommentierte den Brexit auf seine Art. In der Hafenstadt Dover malte er eine riesige EU-Flagge an eine Hauswand – zusammen mit einem Handwerker, der einen der Sterne entfernt. © Glyn Kirk/afp
Friedensnobelpreis für EU.
2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Herman Van Rompuy, José Manuel Barroso und Martin Schulz (von links nach rechts) nahmen den Preis bei der Verleihung im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2012 in Empfang. © Cornelius Poppe/afp

Der Regierungschef selbst besitzt offiziell kaum etwas. Laut seiner jährlichen Vermögenserklärung verfügt Orbán weder über große Ersparnisse noch über besonders wertvolle Immobilien. Nach Angaben des ungarischen Investigativportals Átlátszó sind seine Verwandten und Freunde dagegen extrem reich. Auch dem Ministerpräsidenten nahestehende Geschäftsleute besitzen enorme Vermögenswerte. Wohl auch, weil ihre Unternehmen immer wieder öffentliche Aufträge erhalten.

Orbáns Schulfreund nun reichster Mann in Ungarn

Beispielsweise schätzt Forbes das Vermögen von Orbáns Schulfreund Lőrinc Mászáros auf drei Milliarden Euro. Vor Orbáns Regierungsübernahme arbeitete der als Heizungsinstallateur. Nun ist er der reichste Mann in Ungarn. Ein weiteres Beispiel ist Orbáns Schwiegersohn István Tiborcz, der im vergangenen Jahr laut der Financial Times sein Vermögen auf 500 Millionen Euro verdoppelt hat. Auch die Firma von Orbáns Vater Orbán Győző floriert seit Jahren. Dort werden Baumaterialien für öffentlichen Bauprojekte in Ungarn gekauft werden.

Der EU-Abgeordnete Daniel Freund (Grüne) gehört zu den schärfsten Kritikern des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.

Orbán sichert sich nach Freunds Einschätzung mit den EU-Mitteln auch politische Macht. So würden öffentliche Projekte an politische Bedingungen geknüpft. „Ungarns Regierung verspricht beispielsweise einem lokalen Bürgermeister Investitionen für seine Schule. Im Gegenzug soll er dafür sorgen, dass sein Dorf brav die Fidesz-Partei wählt“, sagte der Grünen-Politiker.

Korruption in Ungarn: Orbán-Kritiker Freund fordert Einfrieren aller EU-Gelder

Zudem sichert sich Orbán durch die Privatisierung öffentlicher Gebäude – wie beim zuvor erwähnten Landhaus – ab: Falls er eine Wahl und damit seinen Posten als Ministerpräsident verlieren würde, würden Orbán und seine Vertrauten die zuvor erbeuteten Immobilien nicht mehr an den Staat verlieren können, weil sie sich mittlerweile in ihrem Privatbesitz befinden. Ähnlich nehmen Orbáns Vertraute nach Angaben von Freund auch Universitäten und Autobahnen durch Privatisierungen in ihren Besitz.

„Solange Orbáns Regierung Geld klaut und öffentliche Aufträge unfair vergibt, sollte die EU kein Geld mehr in dieses System geben. Die EU-Gelder sollten so lange eingefroren werden, bis das Geld in Ungarn die Menschen erreicht, die es erreichen soll“, sagte Freund unserer Redaktion. Das Mitglied des EU-Haushaltskontrollausschusses hatte vor wenigen Monaten Strafanzeige gegen Orbán erstattet – nach einem digitalen Spähangriff auf sein Büro während des Europawahlkampfes 2024. Ob der ungarische Rechtspopulist tatsächlich direkt oder indirekt hinter der Attacke steckt, ist nicht bewiesen.

EU-Mitglied Ungarn: Parlamentarier nennt fehlende Kontrolle eine „Abscheulichkeit“

Auch der Abgeordnete Moritz Körner forderte Ende November während einer Aussprache im EU-Parlament, die Staats- und Regierungschefs der EU sollten „endlich handeln“, um die Korruption in Ungarn zu bekämpfen. Orbáns Freunde würden in Palästen leben, während die Bevölkerung sich zur ärmsten in der Europäischen Union entwickle. 

„Ich finde das eine Abscheulichkeit, dass die Regeln der Europäischen Union, auch der Einsatz der Gelder der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler in ganz Europa nicht kontrolliert wird, sondern diese Korruption und dieses Beugen der Rechtsstaatlichkeit verteidigt werden“, sagte der FDP-Politiker. Deswegen müsse der Rat endlich agieren: „Wir müssen die Rechtsstaatlichkeit in der Europäischen Union entschieden verteidigen“, fügte Körner hinzu.

Zuletzt hatten sich immer mehr Parlamentarier für die Aussetzung des ungarischen Stimmrechts ausgesprochen. „Ungarn ist de facto keine funktionierende Demokratie mehr und mit Artikel 7 könnten wir den Stimmrechtsentzug begründen“, sagte Terry Reintke, Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europaparlament, der Frankfurter Rundschau. Mit einem sogenannten Artikel-7-Verfahren könnte die EU Ungarns Stimmrecht aussetzen. Dafür müssten alle restlichen 26 Mitglieder im Rat dem Schritt zustimmen.

EU-Rat könnte Ungarns Stimmrecht aussetzen

Möglich ist das, wenn ein Land EU-Werte schwerwiegend und anhaltend verletzt. Das EU-Parlament hatte bereits 2018 ein Verfahren eingeleitet, das allerdings vom Rat blockiert wird.

Sicherheitspolitiker wie Tobias Cremer (SPD) wollen Ungarn das Stimmrecht vor allem entziehen, weil das Land in ihren Augen die Sicherheit der gesamten EU riskiere. Es könne nicht sein, dass sich „Orbán im Europäischen Rat zum Teil schon fast als Sprachrohr Moskaus aufführt und unserer aller Sicherheit immer wieder mit seinen Vetos gefährdet“, sagte das Mitglied des EU-Sicherheitsausschusses unserer Redaktion.

Allerdings gilt ein ungarischer Stimmrechtsentzug als unwahrscheinlich. Niemand in der EU will sich die Blöße geben, sollte eine offizielle Abstimmung scheitern, heißt es immer wieder in EU-Kreisen.

Aufgrund dieser Schwierigkeiten spricht sich Freund für ein anderes Instrument aus: „Orbán versteht die Sprache des Geldes. Deshalb sollte die EU alle Gelder, die für Ungarn bestimmt sind, zurückhalten“, sagte der Grünen-Politiker der Frankfurter Rundschau. Seinen Angaben zufolge sind zurzeit 18 Milliarden Euro eingefroren – unter anderem, weil die ungarische Regierung LGBTQ-Rechte nicht respektiere, das Asylrecht missachte und weil Orbán die staatliche Korruptionsbekämpfung in seinem Land größtenteils zerstört habe. (Quellen: Financial Times, Forbes, Átlátszó, MDR, Transparency International, eigene Recherche)

Rubriklistenbild: © Evan Vucci/dpa

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