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Israel: Jeder einzelne Kriegstag kostet

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Der Krieg macht in Israel vor allem kleinen Geschäften zu schaffen.
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Israels Wirtschaft könnte nach dem Angriff auf den Iran in eine Rezession rutschen. Von Maria Sterkl

Die Iran-Offensive Israels, gepaart mit dem andauernden Krieg in Gaza, droht Israel in eine Rezession zu stürzen. Das sagt der israelische Wirtschaftswissenschaftler und frühere Vize-Gouverneur der israelischen Nationalbank, Zvi Eckstein, im FR-Gespräch.

Ein belastender Faktor sind die Infrastrukturschäden infolge der iranischen Angriffe. Zwar funktioniert Israels Luftabwehr gut, die Quote der abgewehrten Raketenangriffe liegt bei jenen der früheren iranischen Angriffe im April und Oktober des Vorjahres. Diese Operation unterscheidet sich aber fundamental von den früheren militärischen Auseinandersetzungen mit dem Iran: Sie beschränkt sich nicht auf wenige Stunden – und womöglich nicht einmal auf Wochen. Zudem zielt der Iran ganz bewusst auf zivile Infrastruktur ab. Raketenabwürfe auf dicht besiedeltes Wohngebiet sorgen für massiven Schaden, der erst wieder behoben werden muss. Dazu kommen Kosten für die Entschädigung der Betroffenen: Allein in den ersten vier Tagen mussten rund 2000 Israelis evakuiert und auf Staatskosten in Hotels untergebracht werden.

Schwer abzuschätzen ist, welchen Schaden die iranischen Angriffe bei der strategischen Infrastruktur verursachen werden. Immer wieder gab es Warnungen von Fachleuten, dass etwa die Strominfrastruktur äußerst schlecht gegen Angriffe geschützt sei. Ähnliches gelte für die Ölindustrie, sagt Eckstein. Bislang halte sich der Schaden aber in engen Grenzen. „Wir sehen, dass die iranischen Raketen nicht besonders präzise sind.“

Israels Wirtschaftsleistung wird durch den Krieg gebremst, weil viele Kleinbetriebe geschlossen bleiben. Das Heimatfrontkommando verbietet alle beruflichen Tätigkeiten, die nicht essenziell sind. Zudem sind Ämter, Schulen und Universitäten geschlossen, der Flughafen Tel Aviv ist gesperrt. Die Situation sei mit dem Lockdown in der Covid-Pandemie vergleichbar, sagt Eckstein, der das Aaron-Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Reichman in Herzliya leitet.

Diesmal außergewöhnlich hohe Kriegskosten

Israels Kriegskosten sind diesmal außergewöhnlich hoch: Anders als bei den Angriffen der Hamas und der Hisbollah kommen diesmal häufig die extrem teuren Raketenschutzschilder „Arrow 2“ und „Arrow 3“ zum Einsatz, da der Iron Dome gegen schwere ballistische Raketen nicht ankommt. Eine einzige Abwehrrakete des „Arrow 3“-Systems soll laut Schätzungen bis zu vier Millionen Dollar kosten. Laut Ecksteins Berechnungen macht die laufende Bestückung dieser Schutzschilder allein schon 75 Prozent der Kriegskosten aus. Jeder einzelne Tag belastet also nicht nur die Zivilbevölkerungen in Israel und im Iran, sondern auch das Budget. Insgesamt könnten sich die Kriegskosten auf 40 Milliarden israelische Schekel (rund zehn Milliarden Euro) belaufen, sagt Eckstein.

Die Berechnungen basieren auf der Annahme, dass der Krieg gegen den Iran einen Monat dauert. Sollte sich der Krieg länger hinziehen, wäre die Belastung für die Wirtschaft größer.

Ecksteins Institut rechnet für das laufende Jahr mit einem negativen Wirtschaftswachstum von zwei Prozent. Zum Vergleich: Israels Nationalbank hatte ein Wachstum von 3,5 Prozent vorausgesagt. Für die Kluft ist aber nicht nur der Irankrieg verantwortlich, sondern auch der Optimismus der israelischen Nationalbank. Sie war davon ausgegangen, dass der Krieg in Gaza im dritten Quartal des laufenden Jahres bereits zu Ende sein wird. Nun erscheint das unrealistisch.

Wenn der Output der israelischen Wirtschaft stark einbricht, die Steuereinnahmen also sinken, die Ausgaben für den Krieg aber explodieren, dann ist ein sprunghafter Anstieg der Staatsverschuldung die logische Folge. Gemessen an der Wirtschaftsleistung Israels könnte sie sich verdoppeln, schätzt der Experte. „Das ist viel – aber es ist zu bewältigen“, sagt Eckstein. Das Land verfüge über ausreichend Reserven, um den Einbruch zu überbrücken.

Dazu kommt, dass sich der Hightech-Sektor, der oft als die Lokomotive der israelischen Wirtschaft bezeichnet wird, überraschend gut schlägt. Obwohl die Beschäftigung in diesem Sektor im vergangenen Jahr um ein Prozent zurückgegangen ist, ist der Output sogar um ein Prozent gestiegen.

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