Verwirrspiel um Beerdigung

Russland gespalten: Putin zieht nach Prigoschin-Tod alle Register

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Das Porträt des mutmaßlich gestorbenen früheren Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin bei einer informellen Gedenkfeier in Moskau (28. August 2023).
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Der Kreml versucht alles, um einen „Märtyrerstatus“ von Jewgeni Prigoschin zu verhindern. Das Verwirrspiel um die Beerdigung des Ex-Wagner-Chefs war laut US-Kriegsexperten Teil des Plans.

Moskau – Der Chef der Wagner-Gruppe ist tot. Jewgeni Prigoschins Beerdigung fand am Dienstag (29. August) in St. Petersburg weitgehend geheim und ohne militärische Ehren statt. Kriegsexperten der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) sehen darin den Versuch des Kreml, die Berichterstattung darüber kleinzuhalten. Die Führung in Moskau wolle verhindern, dass Prigoschin zum „Märtyrer“ gemacht werde, so der ISW-Bericht vom Mittwoch.

Verwirrspiel um Prigoschin-Beerdigung: Plan offenbar in Geheimdiensttreffen erarbeitet

Der Kreml sei über Prigoschins Anziehungskraft in Russland besorgt, analysierte das ISW. Deshalb habe man die Beerdigung absichtlich geheim gehalten. Es habe ein Geheimdiensttreffen gegeben, bei dem eine entsprechende Strategie entwickelt worden sei, wie zwei russische Beamten der Moscow Times mitteilten. Demnach seien der erste stellvertretende Stabschef der russischen Präsidialverwaltung, Sergej Kirijenko, sowie verschiedene Geheimdienst-Beamte zusammengekommen, um „jede Möglichkeit des öffentlichen [...] Protests zu verhindern und die Öffentlichkeit über den Ort von Prigoschins Beerdigung in die Irre zu führen“, so die US-Kriegsexperten.

Am Tag der Beerdigung habe es zudem viele widersprüchliche Angaben und Berichte über den Ort der Zeremonie gegeben, so die Analyse weiter. Offizielle Kanäle des Kreml hätten fast vollständig darüber geschwiegen, „wahrscheinlich auch als Teil der vom Kreml geplanten ‚Berichterstattung‘ über die Beerdigung“, hieß es. Die haltlosen Spekulationen mehrerer Telegram-Kanäle, Prigoschin könnte den Absturz überlebt haben, seien womöglich ein Ablenkungsmanöver gewesen.

Nach Prigoschins Tod: Druck auf russische Militärblogger steigt

Die pro-russischen Militärblogger spielen keine unbedeutende Rolle in der Berichterstattung Moskaus. Angesichts des Todes von Prigoschin steigt nun offenbar der Druck: Der Kreml versuche nun, jene ultranationalistischen Militärblogger zu identifizieren, die bislang nicht offensichtlich mit dem früheren Wagner-Chef oder seiner Söldnerarmee in Verbindung stünden, aber „ungehorsam gegenüber dem Regime oder dem Militär fördern“, so das ISW.

Die US-Kriegsexperten beriefen sich dabei auf eine Mitteilung eines pro-russischer Militärbloggers, der berichtete, Besuch von „aggressiven Werbern für Telegram-Kanäle“ bekommen zu haben. Dieser habe ihn überzeugen wollen, Werbung für bestimmte Telegram-Kanäle zu machen, die den Tod der Wagner-Führungsriege in fast „beleidigender Weise“ diskutierten. Als er sich weigerte, habe man ihm vorgeworfen, „die Rebellion zu unterstützen und sich gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und die russische Verfassung zu stellen“, so der ISW-Bericht.

Ukraine-Krieg: ISW berichtet von möglicher Selbstzensur der pro-russischen Militärblogger

Eine Spaltung der russischen Gesellschaft würde den russischen Kriegsanstrengungen nicht helfen, kommentierte der vom ISW zitierte Militärblogger. Aus Sicht der US-Denkfabrik deute der Vorfall darauf hin, dass prominente Militärblogger ihre Diskussionen über den Tod Prigoschins selbst zensieren und sich bei der Berichterstattung über dieses Thema am Kreml orientieren.

Zwei Monate, nachdem er eine Meuterei in Russland angezettelt hatte, war Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. In Kommentaren unabhängiger russischer Medien ist immer wieder von einem gezielten Anschlag des Kreml auf den Wagner-Chef die Rede. Moskau weist indes zurück, etwas mit der Flugzeugkatastrophe zu tun zu haben.

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