Nach Prigoschins Tod: Kreml holt zum Rundumschlag aus
VonFabian Müller
schließen
Im Fall des bei einem Flugzeugabsturz getöteten Söldner-Chefs Jewgeni Prigoschin weist der Kreml um Wladimir Putin weiter jede Schuld von sich.
Moskau – Nachdem der Chef der Wagner-Gruppe Jewgeni Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, weist der Kreml jede Schuld von sich. Am Mittwoch räumte Moskau ein, dass es sich bei dem Unglück möglicherweise nicht um einen Unfall handeln könnte – über mögliche Verursacher sei jedoch noch nichts bekannt.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte: „Es ist offensichtlich, dass verschiedene Versionen in Betracht gezogen werden“, darunter auch eine „vorsätzliche Gräueltat“. Peskow ergänzte: „Warten wir die Ergebnisse unserer russischen Ermittlungen ab.“
Nach Tod von Jewgeni Prigoschin: Kreml weist Schuld von sich - und teilt aus
Unklar ist derweil noch, wem der Kreml die Schuld zuweisen wird. Es gab aber, so berichtet die US-amerikanische Seite The Daily Beast, Hinweise darauf, dass Moskau versuchen könnte, dem Westen die Schuld an Prigoschins Tod zu geben. Auch auf X, dem ehemaligen Twitter, machte eine russische Troll-Armee Stimmung gegen die Ukraine und westliche Staaten in Bezug auf Prigoschin.
Wagner-Chef Prigoschin und mehrere Mitglieder der Söldner-Armee befanden sich am 23. August auf einem Flug von Moskau nach St. Petersburg, als der Privatjet abstürzte. Der Vorfall ereignete sich zwei Monate, nachdem Prigoschin eine Meuterei in Russland angezettelt hatte. Beobachter halten das Szenario für realistisch, dass Russlands Präsident Wladimir Putin Rache geübt haben könnte.
Nach Prigoschins Tod: Kreml verwässert Aufklärung – und will so Verwirrung säen
Die Lancierung der Version der Geschichte, jemand anderes als Russland stecke hinter dem Versuch, Prigoschin zu töten, sei ein klassischer Versuch, die öffentlichen Diskussion insofern zu verunsichern, dass unklar sei, was die Wahrheit ist, sagte Larry Pfeiffer, ein ehemaliger Mitarbeiter des Weißen Hauses und Stabschef des CIA-Direktors, gegenüber The Daily Beast. Und weiter in Richtung Russland: „Für sie ging es schon immer um plausible Bestreitbarkeit. Sie wollen in der Lage sein, genügend Zweifel zu säen.“ Das verursache Chaos und Verwirrung.
John Herbst, ehemaliger Botschafter der USA in der Ukraine, sagte der Seite: Obwohl es so aussehe, als ob Putin der Mann hinter dem Auftragsmord war, will er wahrscheinlich nicht den vollen Ruhm für sich beanspruchen, um seinen Ruf in der Heimat zu wahren.
Prigoschin stirbt bei Flugzeug-Katastrophe – Bilder vom Unglücksort
Viele Russen haben Prigoschin in den vergangenen Tagen gedacht und Blumen an seinem Grab in St. Petersburg niedergelegt. Putin ist sich wahrscheinlich bewusst, dass der Wagner-Chef bei vielen Russen beliebt war. Diesen Teil der Bevölkerung will er nicht verprellen, indem er die Verantwortung für Prigoschins Tod übernimmt, glaubt Herbst. Seine Taktik: die Öffentlichkeit weiter im Unklaren lassen, so könnte die Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt werden.
Kreml sendet Botschaft: Nicht mit Putin anlegen
Hinter den Kulissen bleibt die Botschaft diese: Lege dich nicht mit Putin an. Es gebe in Russland den Versuch, „bestimmten Kreisen deutlich zu machen, dass man Putin nicht in die Quere kommen kann. Prigoschin hat den Preis dafür bezahlt“, so Herbst. Ob der Kreml irgendwann einen Verantwortlichen präsentieren wird, ist noch unklar.
Für Putin könnte es auch von Vorteil sein, die Öffentlichkeit nie darüber vermeintlich aufzuklären. „Die Hauptsache ist, dass es all diese verschiedenen Möglichkeiten gibt, um Zweifel zu säen. Wenn man mehrere Möglichkeiten hat, ist es einfacher, nicht reagieren zu müssen“, so Herbst: „Putin lebt – er gedeiht sogar in dieser Welt der Zweideutigkeit.“ (fmü)