VonUlrike Hagenschließen
Bereits im Herbst könnten die USA mächtige ATACMS-Raketen an Kiew liefern, was die ukrainische Gegenoffensive deutlich stärken würde.
Kiew – Die USA könnten bereits im Herbst ATACMS-Raketen an Kiew liefern, was weitreichende Auswirkungen auf die ukrainische Gegenoffensive haben könnte. US-Nachrichtenberichten zufolge werden die ersten 300-Kilometer-Langstreckenraketen bald in der Ukraine eintreffen. Haben die ATACMS-Raketen das Potenzial, die entscheidende Wende im Ukraine-Krieg zu bringen?
ATACMS: Bringen die mächtigen Raketen die Wende im Ukraine-Krieg?
Bereits am 9. Juni hatte der Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten des US-Repräsentantenhauses eine Resolution verabschiedet, in der die Regierung von Präsident Joe Biden aufgefordert wird, unverzüglich Langstreckenraketen an die Ukraine zu liefern. In der Resolution wird insbesondere das taktische Raketensystem ATACMS vom US-amerikanischen Hersteller Lockheed Martin erwähnt, das es den Kiewer Streitkräften ermöglichen würde, russische Ziele in einer Entfernung von über 300 Kilometern zu treffen.
„Entscheidend für ukrainische Gegenoffensive“: ATACMS treffen Ziele in 300 Kilometern Entfernung
Die Resolution forderte den Transfer von Waffensystemen mit Langstreckenfähigkeiten an das vom Krieg zerrissene Land, damit der Konflikt nicht weiter verlängert und noch mehr Schaden angerichtet werde. „ATACMS sind entscheidend für den Erfolg der ukrainischen Gegenoffensive“, sagte der Ausschussvorsitzende Michael McCaul laut The Defense Post, „Ich habe das schon immer kritisiert – wenn wir ihnen helfen wollen, müssen wir uns entweder voll engagieren oder uns zurückziehen“.
Die Regierung Biden indes sträubt sich weiter dagegen, Langstreckenwaffen nach Kiew zu schicken, weil sie befürchtet, dass diese für Angriffe auf Territorium in Russland eingesetzt werden und den Konflikt weiter eskalieren könnten.
Technische Daten des ATACMS (Army Tactical Missile System):
- Entwickler und Hersteller: Lockheed Martin
- Reichweite: Die maximale Reichweite des ATACMS variiert je nach Ausführung, beträgt jedoch maximal 300 Kilometer (ca. 186 Meilen) für die Block I-Version.
- Nutzlast: Die Rakete kann verschiedene Arten von Nutzlasten tragen, darunter Submunitionen, Sprengköpfe oder andere spezialisierte Nutzlasten. Aktuelle Versionen tragen einen 221 Kilogramm schweren Gefechtskopf mit Sprengstoff (WDU18-Sprengkopf der 500-Pfund-Klasse mit Splitterwirkung).
- Größe: Die Rakete wiegt 1.670 Kilogramm, ist vier Meter lang und hat einen Durchmesser von 61 Zentimetern.
- Waffenplattformen: ATACMS-Raketen können von den Raketensystemen M270 Multiple Launch Rocket System (MLRS) und M142 High Mobility Artillery Rocket System (HIMARS) abgefeuert werden.
- Genauigkeit: ATACMS ist bekannt für seine hohe Präzision. Es kann Ziele mit einer Genauigkeit von etwa zehn Metern (ca. 33 Fuß) oder besser treffen.
- Geschwindigkeit: Die Geschwindigkeit der ATACMS-Rakete beträgt ungefähr Mach 3, was etwa 2.301 Kilometer pro Stunde (ca. 1.430 Meilen pro Stunde) entspricht.
- Zieltypen: Das ATACMS-System kann eine Vielzahl von Zielen bekämpfen, einschließlich feindlicher Truppenkonzentrationen, logistischer Einrichtungen, Raketenstellungen, Artilleriepositionen und anderer hochwertiger Ziele. Die neueste Version der ATACMS hat auch einen Annäherungssensor, mit dem der Gefechtskopf bei Bedarf auch vor dem Einschlag über dem Ziel in der Luft (Airburst), gezündet werden kann.
- Lenksystem: ATACMS ist mit einem inertialen Navigationssystem (INS) ausgestattet, das mit GPS-Updates kombiniert wird, um eine präzise Zielerfassung zu ermöglichen.
- Quelle: Lockheed Martin
Über das 1991 entwickelte, aus Langstrecken-Lenkflugkörpern bestehende „Army Tactical Missile System“ (ATACMS) verfügen derzeit die USA, Südkorea, Griechenland, die Türkei und Polen. Die Ukraine bittet die US-Regierung schon länger um Unterstützung durch die hocheffektiven Präzisionswaffen. Präsident Wolodymyr Selenskyi bezeichnete sie als unerlässlich für die Bekämpfung des „russischen Terrors“, berichtet das Nachrichtenportal Kiew Independent.
Die bisher von den USA gelieferte Waffe mit der größten Reichweite im ukrainischen Bestand ist die HIMARS-Rakete, die Ziele in einer Entfernung von bis zu 80 Kilometern treffen kann. Nun berichten führende US-Beamte gegenüber ABC News, auch Langstreckenflugkörper seien „auf dem Tisch“ und würden wahrscheinlich in ein bevorstehendes Sicherheitspaket aufgenommen. Eine endgültige Entscheidung sei jedoch noch nicht getroffen worden. Es könne also Monate dauern, bis die Ukraine die Raketen erhalte, so ein Funktionär.
Langstreckenflugkörper „auf dem Tisch“: Viermal so große Reichweite wie HIMARS- und MLRS-Systeme
Die US-Regierung hat die Bitten des ukrainischen Präsidenten um diese Waffen bisher abgelehnt, selbst nachdem das Vereinigte Königreich und Frankreich vergleichbare Storm-Shadow-Raketen sowie Langstreckenraketen vom Typ SCALP geschickt hatten. Die Lieferung von ATACMS an die Ukraine kann die Reichweite der aktuellen M142 HIMARS- und M270 MLRS-Plattformen vervierfachen, die sich ohnehin schon zu einem entscheidenden Faktor in der Verteidigung entwickelt haben, wie die Kiew Post berichtet.
Mit diesen hätten die ukrainischen Streitkräfte eine Reihe von gegnerischen Munitionslagern und Kommandozentralen sowie Hunderte von gepanzerten Fahrzeugen, Artillerie- und Flugabwehrsystemen, Radarstationen und deren Besatzungen zerstören können. Derzeit haben die ukrainischen Streitkräfte in ihrer Gegenoffensive jedoch mehr als erwartet damit zu kämpfen, die stark verteidigten russischen Linien zu durchbrechen und haben mit russischen Drohnenangriffen zu kämpfen. Damit wächst auch der politische Druck auf Washington in Bezug auf die Entsendung von Militärhilfe.
Ukraine-Krieg: ATACMS könnten helfen, russische Stellungen auf der Krim leichter zu bekämpfen
ATACMS könnten den ukrainischen Streitkräften nicht nur eine größere Reichweite beim Beschuss russischer Stellungen, besonders Ziele auf der Krim, leichter zu erreichen. „Ich denke, spezifische Ziele auf der Krim wären Kommando- und Kontrollzentren, logistische Knotenpunkte – insbesondere Munitionseinrichtungen – und Luftwaffenstützpunkte“, erklärte Mick Mulroy, ein ehemaliger CIA-Offizier und stellvertretender Verteidigungsminister laut ABC News.
