50000 schwangere Frauen harren im Gaza-Streifen aus, täglich werden 190 Babys geboren. Ihnen und ihren Müttern fehlt es an allem.
Gaza – Seit fünf Monaten tobt der Krieg im Gazastreifen. Frauen und Mädchen leiden unter ihm auf vielfache Weise und tragen Risiken, von denen Männer zumeist verschont bleiben.
Das zeigte sich schon beim Überfall der Hamas auf Israel, der den aktuellen Krieg ausgelöst hatte. Im Zuge des Massakers im Süden Israels schossen die Terroristen nicht nur auf alles, was sich bewegte und setzten Häuser mitsamt ihren Bewohner:innen in Brand. Sie verübten auch schwere sexualisierte Gewalt an Frauen. Das wurde nun auch durch einen UN-Bericht noch einmal bestätigt. Es ist eines der schwersten Kriegsverbrechen, das ihre Wurzeln in der patriarchalen Auffassung trägt, dass die Körper von Frauen ein Mittel zum Zweck sind – in diesem Fall liegt der Zweck in der Erniedrigung eines ganzen Volkes.
„Die Gräuel wurden zwar an Männern und Frauen verübt, ihre Auswirkungen treffen Frauen aber schwerer“, sagt Reem Alsalem, jordanische UN-Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen und Mädchen.
Gaza: Zwei von drei Getötetn sind Frauen und Kinder
Auch im Gazastreifen leiden Frauen in besonderem Maße unter den Kämpfen und der humanitären Katastrophe, die mit dem Krieg einhergehen. Sie sind es, die nicht nur ihr eigenes Überleben, sondern auch das ihrer Kinder sichern müssen. Oft vergeblich: Von den über 30.000 Toten im Gazastreifen sind laut UN-Angaben 67 Prozent Frauen und Kinder.
Bevor sie zu Tode kamen, waren viele von ihnen bereits vier oder fünf Mal geflohen. Jedes Mal hatten die Orte, an denen sie mit ihren Kindern Zuflucht gefunden hatten, sich schließlich als unsicher erwiesen. „Die Frauen, die in diesem Konflikt getötet wurden, kommen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen: Es sind Journalistinnen, Ärztinnen und Pflegerinnen, UN-Mitarbeiterinnen und Mitglieder zivilgesellschaftlicher Organisationen“, sagt Alsalem.
In der humanitären Katastrophe treffen Frauen und Mädchen besondere Herausforderungen. Sie leiden nicht nur wie alle anderen an Hunger und Durst, fehlender medizinischer Versorgung und Seuchen. Es gibt auch de facto keinen Zugang zu Monatshygiene. In den Hilfslieferungen liegt der Fokus oft auf Lebensmittel und Medizin, um den akuten Hunger und die sich ausbreitenden Seuchen im Zaum zu halten. Es fehlt an Hygienematerial wie Binden. Menstruierende Frauen greifen laut der Menschenrechtsorganisation Gisha daher oft zu Stofflappen, die entweder gar nicht oder in schmutzigem Wasser gewaschen werden.
Kein Platz in Krankenhäusern im Gazastreifen
Viele Frauen erkranken an Infektionen, sie kommen mit Fieber in Kliniken und Krankenhäuser. Dort werden sie oft weggeschickt, weil die wenigen noch funktionierenden Krankenhäuser ihren Fokus auf lebensrettende Maßnahmen legen.
Besonders schwer betroffen sind die mehr als 50.000 Schwangeren in Gaza. Die anhaltende Unterversorgung mit Nahrung und sauberem Wasser führt laut Angaben der Al-Helal-Geburtenklinik zu einem gehäuften Auftreten von Fehlgeburten und Stillgeburten. Viele Babys kommen aufgrund von Komplikationen so früh auf die Welt, dass sie nicht am Leben erhalten werden können.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Laut UN-Angaben bringen jeden Tag durchschnittlich 180 Frauen in Gaza ein Kind zur Welt. Humanitäre Helferinnen erzählen von Entbindungen unter schwersten Bedingungen – im Freien, in öffentlichen Toiletten, in überfüllten Massenlagern.
USA und EU fordern „sofortigen Waffenstillstand“
Selbst jene Frauen, die das Glück haben, in einem Krankenhaus entbinden zu können, sind dort meist unterversorgt, wie aus einem Artikel in der Fachzeitschrift „The Lancet“ hervorgeht. Es fehlt an Medikamenten und Anästhesie, medizinisch notwendige Kaiserschnitte werden vielfach ohne jede Betäubung durchgeführt. Für jene Frauen, die während des Geburtsvorgangs viel Blut verlieren, gibt es keinen Zugang zu Blutkonserven. Da es an Betten und Ärzten akut mangelt, werden Frauen meist sofort nach der Geburt aus dem Krankenhaus entlassen. In den überfüllten Flüchtlingsunterkünften sind sie und die Neugeborenen Seuchen, Kälte, Hunger und Dehydrierung ausgesetzt. Zudem fehlt es an Windeln und Milchpulver für die Säuglinge. „Das macht uns besonders große Sorgen, weil Trauma und Stress oft bewirken, dass die Mutter keine Milch produzieren“, sagt Hiba Tibi von der Hilfsorganisation Care. Niemand weiß, welche Langzeitschäden die Neugeborenen aufgrund der humanitären Katastrophe davontragen.
Nach US-Vizepräsidentin Kamala Harris fordert nun auch ein Vertreter der EU-Kommission einen „sofortigen Waffenstillstand“. Der EU-Kommissar für Krisenmanagement und humanitären Schutz, Janez Lenarcic, bezeichnet die Lage in Gaza in einem Pressegespräch in Jerusalem als „unerträglich“: „Menschen leiden Hunger – das muss aufhören.“ (Maria Sterkl)