Kabinett beschließt Ausweitung der Kämpfe: Israel will Gaza-Stadt einnehmen
VonPaula Völkner
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Israels Führung beschließt die Einnahme der Stadt Gaza. Zuvor war über die Einnahme des gesamten Gazastreifens spekuliert worden.
Update vom 8. August, 5.00 Uhr: Rund 22 Monate nach Beginn des Gaza-Kriegs hat sich Israels Führung für eine weitere Verschärfung der Kämpfe entschieden. Das israelische Sicherheitskabinett stimmte einem Plan zur Einnahme der Stadt Gaza zu, wie das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am frühen Morgen mitteilte. Das Gremium billigte nach stundenlangen Beratungen einen entsprechenden Militäreinsatz.
Das Sicherheitskabinett beschloss nach Angaben des Büros des Ministerpräsidenten zudem fünf Prinzipien, um den Krieg im Gazastreifen zu beenden. Dazu gehörten unter anderem die militärische Kontrolle des Küstengebiets durch Israel und die komplette Entwaffnung der islamistischen Hamas sowie die Entmilitarisierung des Gazastreifens. Anschließend solle dort außerdem eine alternative Zivilregierung aufgebaut werden.S
eit Anfang der Woche war über eine komplette Einnahme des Gazastreifens durch Israel spekuliert worden. Die nun angekündigten Pläne gehen der offiziellen Mitteilung zufolge vorerst nicht so weit.
Krieg in Nahost: Proteste in Israel gegen Ausweitung der Kämpfe in Gaza
Update, 22.45 Uhr: Während das israelische Sicherheitskabinett über das weitere Vorgehen im Gaza-Krieg beraten wird, haben in Jerusalem und Tel Aviv sowie weiteren israelischen Städten Tausende gegen eine von der Regierung geplante Ausweitung der Kämpfe im Gazastreifen demonstriert. In Jerusalem versammelten sich Demonstranten vor dem Amtssitz von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Sie forderten ein Abkommen, in dessen Zuge die noch immer festgehaltenen Geiseln freigelassen werden sollen.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Die Mutter einer Geisel sagte einem Bericht des Portals ynet zufolge: „Die Regierung muss ein umfassendes Abkommen auf den Tisch legen, das alle 50 Geiseln nach Hause bringt, um den Krieg im Austausch für die letzte Geisel zu beenden.“ Wie israelische Medien berichteten, versuchte die Polizei die Menschen bei einigen Protesten in Tel Aviv mit Wasserwerfern auseinanderzutreiben. Demnach gab es mindestens fünf Festnahmen.
Israels Sicherheitskabinett berät über Ausweitung des Gaza-Kriegs – IDF veröffentlicht Räumsaufruf
Update, 19.44 Uhr: Noch während der Beratungen über eine Ausweitung des Gaza-Kriegs hat die israelische Armee einen Räumungsaufruf für zwei Viertel in der Stadt Gaza veröffentlicht. Ein Militärsprecher forderte in arabischer Sprache die Einwohner der Altstadtviertel Daradsch und Tuffah dazu auf, sich sofort in Richtung Süden in die humanitäre Zone in Al-Mawasi zu begeben.
In dem X-Post des Militärsprechers hieß es, das Militär führe Einsätze in allen Gebieten durch, in denen „terroristische Aktivitäten“ stattfänden und von denen aus Raketen auf israelisches Territorium abgefeuert würden. Zuvor fing die Luftwaffe ein aus dem nördlichen Teil des Küstenstreifens abgefeuertes Geschoss ab. Rund um den Grenzort Nir Am gab es Raketenalarm.
Erstmeldung: Jerusalem – Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat Medien-Berichte bestätigt, wonach die israelische Armee vorhat, die Kontrolle über den ganzen Gazastreifen zu übernehmen. Gegenüber dem US-Sender Fox News erklärte Netanjahu am Donnerstag (7. August), Israel wolle das Gebiet jedoch nicht dauerhaft halten.
Gaza-Krieg: Netanjahu will Gazastreifen einnehmen, aber nicht halten – Entscheidung heute
Israel wolle den Gazastreifen anschließend an arabische Streitkräfte übergeben, die ihn „ordnungsgemäß regieren“ würden. „Wir wollen ihn nicht behalten. Wir wollen einen Sicherheitsbereich. Wir wollen ihn nicht regieren“, erklärte Netanjahu. Eine Entscheidung der israelischen Führung zu einer vollständigen Eroberung des abgeriegelten Palästinensergebiets steht jedoch noch am Abend bevor.
Ein entsprechender Plan, über den das Sicherheitskabinett laut israelischen Medienberichten am heutigen Abend entscheiden soll, sieht angeblich zunächst die Einnahme der Stadt Gaza im Norden des Küstengebiets vor. Die Armeeführung und die Opposition warnen vor einer vollständigen Einnahme des Gazastreifens. Medien hatten bereits zuvor berichtet, dass Netanjahu dennoch zu dem Plan neige.
Ausweitung des Gaza-Kriegs? Israel wäre für Leben aller Menschen im Gazastreifen verantwortlich
Israels Armee kontrolliert bereits rund 75 Prozent der Fläche des durch den Krieg weitgehend verwüsteten Küstengebiets. Militärisch gesehen wäre es für die Streitkräfte nicht schwierig, auch den Rest des Gazastreifens zu erobern, sagten israelische Sicherheitsanalysten der US-Zeitung Wall Street Journal.
Die eigentliche Herausforderung würde demnach im Anschluss einer vollständigen Besetzung des Gebiets beginnen. Israel wäre fortan für das Leben der gesamten Bevölkerung des Gazastreifens verantwortlich, einschließlich ihrer Versorgung mit Lebensmitteln, medizinischen Dienstleistungen, Bildung und sanitären Einrichtungen.
Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist katastrophal: Die Versorgungslage für die rund zwei Millionen Palästinenser in dem abgeriegelten Küstengebiet verschlechterte sich zuletzt dermaßen, dass UN-Organisationen und Experten vor einer Hungersnot warnen. (pav/dpa)