„Bruchlinien“ in Russland

Nach Wagner-Meutererei: Warum sich Putin nicht an Prigoschins Komplizen rächen kann

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Der russische General Sergej Surowikin (m.) war auch in die Meuterei der Wagner-Gruppe verwickelt. (Archivfoto)
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Der Kreml kämpft mit den Folgen des missglückten Wagner-Putsches. Die Bestrafung der Schuldigen könnte schwer Folgen für Russland haben.

London/Moskau – Mit seinem Putschversuch hat Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin die russische Führung in Not gebracht. Die „Risse“ in Putins Machtgefüge sind tief - doch Prigoschin ist längst nicht mehr die einzige Persona non grata in den Kreisen des Kreml. Die Rache an seinen „Verrätern“ gestaltet sich für Präsident Wladimir Putin nun schwierig. Auch der russische General Sergej Surowikin war womöglich in die Meuterei der Privatarmee verwickelt. Seine Bestrafung könnte weitreichende Folgen haben und die Nation spalten.

Strafe für Surowikin könnte für Spaltung sorgen: „Bruchlinien“ in Putins Führungsriege

Angeblich wurde er schon verhaftet und in ein Internierungslager gebracht – sicher ist sich über den Aufenthaltsort des prominenten russischen Generals jedoch außerhalb des Kreml niemand. Eine Bestrafung Surowikins wegen seiner Verwicklung in die Wagner-Meuterei wäre nach britischer Ansicht für die russische Führung aber riskant. Im Geheimdienst-Update des britischen Verteidigungsministeriums am Mittwoch (5. Juli) heißt es, der General sei trotz seines „brutalen Rufs“ weiter „einer der angesehensten ranghohen Offiziere des russischen Militärs“.

Surowikin gilt in Russland und dem Westen als skrupelloser Befehlshaber. „Jede offizielle Strafe gegen ihn dürfte spaltend wirken“, heißt es aus London. Dass nun hohe Offiziere unter Verdacht stünden, zeige, „wie Prigoschins gescheiterter Aufstand die bestehenden Bruchlinien innerhalb der nationalen Sicherheitsgemeinschaft Russlands verschärft hat“.

Das britische Ministerium betonte, Surowikin, der Chef der russischen Luft- und Weltraumkräfte und ehemals Oberkommandierender im Ukraine-Krieg, sei seit dem Wagner-Aufstand am 23. und 24. Juni nicht mehr öffentlich gesehen worden. Er soll als Verbindungsmann zwischen Prigoschin und dem russischen Verteidigungsministerium fungiert haben. Auch der russische Vize-Verteidigungsminister Junus-bek Jewkurow sei zuletzt auffällig abwesend gewesen. Ein Video zeigte den Verteidigungsminister zuletzt im Gespräch mit Prigoschin, während der Wagner-Einheiten kampflos die südrussische Stadt Rostow am Don und das dortige Hauptquartier besetzt hatten.

Nach Wagner-Aufstand: Inhaftiertung von Surowikin bislang nicht bestätigt

„Berichte über Surowikins Festnahme können nicht bestätigt werden, aber die Behörden werden seine lange Verbindung mit Wagner, die bis zu seinem Dienst in Syrien 2017 zurückreicht, wahrscheinlich misstrauisch sehen“, schrieb das britische Ministerium. Auch wenn sich der Kreml selbst noch nicht zu Surowikins Verbleib geäußert hat, berichteten russische Blogger dem Nachrichtenportal The Moscow Times von einer Inhaftierung des Generals.

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Nach dem Befehligen der russischen Truppen in Syrien eilte Surowikin ein gewaltiger Ruf voraus. Während seines syrischen Einsatzes soll er für die Bombardierung Aleppos mitverantwortlich gewesen sein, was ihm in Russland den Spitznamen „General Armageddon“ einbrachte. Von Oktober 2022 bis in den Januar 2023 war er mit der Aufgabe betraut, sämtliche Truppen in der Ukraine zu koordinieren und aufeinander abzustimmen.

Prigoschin und General Surowikin - ungebrochene Nähe?

Laut Russland-Experte Stephan Laack erhielt Surowikin vor allem aus ultranationalistischen Kreisen Zuspruch. Doch schon im vergangenen Jahr habe es auch Skepsis über den militärischen Fähigkeiten des Generals gegeben. „Bevor er auf den Posten des Kommandeurs der russischen Truppen in der Ukraine gehievt wurde, hatte er das Kommando über die russischen Truppen im Süden der Ukraine und somit auch den Rückzug aus Teilen der annektierten Region Cherson zu verantworten“, sagte Laack der ARD- „Tagesschau“.

Nach seiner Degradierung zu Beginn des Jahres zum stellvertretenden Generalstabschef, kamen schnell Zweifel an der Loyalität des Generals gegenüber Putin auf. Unterstützung erfuhr Surowikin vor allem durch Prigoschin. Der Wagner-Chef forderte weitere Zusammenarbeit zwischen seiner Söldnertruppe und dem ehemaligen Generalstabschef. Laut dem Russland-Experten Laack sah Prigoschin in Surowikin einen „intelligenten, ausgebildeten und erfahrenen Heeresführer“. (aa/dpa)

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