VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Die Front hält. Die Front bröckelt – beides bleibt möglich. Fakt ist, dass die USA der Ukraine Geduld abverlangen. Bis zum Sommer oder dem Jahresende.
Washington D.C. – „Wir haben uns die Lage in der Ukraine schöngeredet“, sagte Markus Reisner kürzlich gegenüber der Zeit. Der Oberst des österreichischen Bundesheeres ist seit Beginn des Ukraine-Krieges omnipräsent auf allen Kanälen, seine Meinung zum Verlauf der Invasion von Russlands Truppen äußerst geschätzt. Aktuell hält der Beobachter den Gefechtsverlauf noch für so weit kontrollierbar, „dass es die Ukraine schaffe, sich auf die erwartete Sommeroffensive der Russen vorzubereiten“, wie der österreichische Standard schreibt. Diese Meinung vertreten auch die USA, wie jetzt die New York Times meldet: US-Offizielle gehen davon aus, dass die ukrainische Verteidigung an umkämpften Abschnitten bröckeln werde, Russland aber in Schach gehalten werden könne.
Im Sommer, spätestens aber zum Ende des Jahres sollten die frischen Waffen aus den USA die Front stabilisieren helfen. Allerdings fehlen in der Prognose belastbare Hinweise darauf, dass die Ukraine aufgrund der Waffenlieferungen den Aggressor erkennbar zurückschlagen könnte. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, hat die Direktorin des Nationalen US-Geheimdienstes, Avril Haines, dem Streitkräfteausschuss des Senats mitgeteilt, dass Russland die Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine intensiviert habe, um sowohl Kiews Fähigkeit zu behindern, Waffen und Truppen zu bewegen, als auch um die Produktion von Rüstungsgütern zu verlangsamen und die Regierung um Präsident Wolodymyr Selenskyj zu zwingen, über Verhandlungen nachzudenken.
Schlechte Nachrichten aus den USA: Munition und schwere Waffen könnten später kommen
Diese Angriffe sollten beherzigt werden, warnte Ralph F. Goff gegenüber der New York Times. Der frühere US-Geheimdienstler bezieht sich auf Drohungen des russischen Verteidigungsministers Sergei Shoigu, dass sich die Russen auch auf Logistik-Hubs und Depots für westliche Waffen einschießen würden. Das Blatt berichtet ebenfalls vom großen Aufatmen ukrainischer Soldaten über den versprochenen Nachschub; sie würden aber gespannt darauf warten, was letztendlich ankommt und vor allem: wann sie das Material in Händen hielten. Darüber bestehen geteilte Meinungen. Während die Süddeutsche Zeitung Mitte April noch titelte „Versandfertig an der Grenze – die US-Hilfe könnte binnen Tagen in der Ukraine ankommen“, zitiert die NYT jetzt anonyme offizielle Quellen, dass die schwereren Waffen und auch ein Teil der Munition direkt aus den USA geliefert würden und erst im Sommer ankämen. Oder sogar noch später.
Am Beispiel der Patriot-Systeme rechnen die NYT-Informanten sogar noch mit zusätzlicher Verzögerung von deren Einsatzbereitschaft durch das Training der ukrainischen Mannschaften. „Wir können keine Waffensysteme wie die Patriot ausliefern, ohne deren Besatzungen daran auszubilden“, sagt Jan-Henrik Suchordt in der NYT. Aktuell startet der Bundeswehr-Oberst der Flugabwehr mit einem sechswöchigen Training von rund 70 ukrainischen Soldaten. Nach Abschluss sollen die mobilen Abschussrampen und Radar-Stationen innerhalb von zwei Tagen zu einem Logistik-Hub in Polen verlegt und dann an ukrainische Offizielle übergeben werden. Dann wird der Juni fast abgelaufen sein, oder der Juli bereits begonnen haben. Auch die F-16 sollen laut aktuellen Berichten erst im Sommer einfliegen, wie die New York Times schreibt; darum gebettelt hatte die Ukraine bereits bei Ausbruch des Krieges. Und erhalten werden sie jetzt wohl lediglich eine Handvoll Flieger.
„Für mich persönlich ist die wichtigste Lektion, dass man nicht wirklich erwarten sollte, auf jemand anderen zu zählen“, sagte der neue Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. „Ich habe gelernt, mich nicht auf die Hilfe anderer zu verlassen. Letztlich liegt alles in unserer alleinigen Hand.“
Die dunklen Wolken über der Ukraine werden also vorerst bleiben. Der Österreicher Reisner, den das deutsche Reservisten-Magazin loyal im vergangenen Jahr als den „Kriegserklärer“ betitelt hatte, war am westlichen Zaudern immer schon verzweifelt: Er hat gegenüber der Zeit damit gehadert, dass der Westen offenbar gemeint habe, die Ukraine, wie er sagt, quasi „aus der Westentasche“ unterstützen zu können. In der britischen Times klagt Generalleutnant Oleksandr Pavliuk ebenfalls über die schleichende Dynamik des Westens: „Für mich persönlich ist die wichtigste Lektion, dass man nicht wirklich erwarten sollte, auf jemand anderen zu zählen“, sagte der neue Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. „Ich habe gelernt, mich nicht auf die Hilfe anderer zu verlassen. Letztlich liegt alles in unserer alleinigen Hand.“
In Estland will dessen Geheimdienst allerdings einen Silberstreif am Horizont gesichtet haben, wie der Estnische Nationalrundfunk berichtet: Russland versuche mit seinen intensiveren Angriffen „das letzte Zeitfenster bis zum Eintreffen westlicher Militärausrüstung und Munition auszunutzen“, sagte Oberst Ants Kiviselg. Der Geheimdienst-Chef ist nach dem Medienbericht überzeugt, „dass die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs der ukrainischen Front immer noch abnimmt“. Die Beobachter schielen gespannt auf den Kalender: Der 9. Mai könnte die russischen Rohre zum Glühen bringen. Dieser Tag wird in Russland als „Tag des Sieges“ der Sowjetunion über Nazi-Deutschland begangen, wie der Deutschlandfunk berichtet, aber mit einer eigenen geschichtlichen Deutung: Der Staat konstruiere Heldengeschichten, statt an Leid zu erinnern, sagen Thielko Grieß und Florian Kellermann.
Schlechte Stimmung in der Ukraine: Nach dem 9. Mai könnten Russlands Rohre glühen
Dem britischen Economist hatte Generalmajor Vadym Skibitsky seine Bedenken ob des anstehenden Datums anvertraut. Der stellvertretende Leiter des Militärgeheimdienstes der Ukraine erwarte, dass Russland seinen Plan zur „Befreiung“, wie er dem Economist sagte, aller östlichen Donezk- und Luhansk-Regionen der Ukraine forcieren und sein weiteres Vorgehen davon abhängig machen werde. „Die Geschwindigkeit und der Erfolg des Vormarsches werden darüber entscheiden, wann und wo die Russen als Nächstes zuschlagen“, sagte Skibitsky. Der 9. Mai könnte nach Einschätzung des Deutschlandfunks Russlands Handeln tatsächlich dynamisieren.
Russland befinde sich nach eigenem Denken in der Defensive gegenüber dem aus Washington, Warschau und Kiew gesteuerten Nazismus; das jedenfalls würde auch der russischen Bevölkerung über die verschiedenen Kanäle vom Plakat bis in die Sozialen Netzwerke hinein eingebläut. Mehr als propagandistische Offensiven können amerikanische Offizielle laut Aussagen in der NYT aber kaum erkennen. Russland müsste demnach mehr Kräfte nachziehen, um mehr zu erreichen, als lediglich anzudeuten, was sie militärisch erreichen könnten. Allerdings hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj während eines Treffens mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg angedeutet, das seine eigenen Frontkräfte immer noch bei weitem unterversorgt seien.
Positive Prognose der Briten: Putins Truppen halten nur noch bis 2026 durch
Frohe Kunde kommt vielleicht aus dem Vereinigten Königreich: Das Royal United Services Institute für Verteidigungs- und Sicherheitsstudien spricht von einem zweijährigen Zeitkorridor, in dem der Kriegsverlauf auf des Messers Schneide stünde. Demnach müsste die Ukraine die Russen nicht schlagen können, sondern nur so lange gegenhalten, bis die russischen Kräfte ausgeblutet seien: Würde der Westen weiterhin genügend Munition liefern und die Ausbildung garantieren, „um die russischen Angriffe im Jahr 2024 abzuschwächen, ist es unwahrscheinlich, dass Russland im Jahr 2025 nennenswerte Erfolge erzielt“, wie das RUSI schreibt. Würden sich die Russen dann wiederholt offensiv die Zähne ausbeißen, „bedeutet dies, dass es schwierig sein wird, Kiew bis 2026 zur Kapitulation zu zwingen“.
Wladimir Putin: Das Macho-Image des russischen Präsidenten




Der britische Premierminister Rishi Sunak hatte noch Ende April weitere britische Hilfe zugesagt und geäußert, der Westen dürfe sich keine Selbstzufriedenheit leisten, allerdings hatte sich Oleksandr Pavliuk in der britischen Presse niedergeschlagen gegeben. Gegenüber der Times sagte der ukrainische Oberbefehlshaber, im sei inzwischen klar, „dass die Russen ihre Toten nicht zählen. Bisher werden die Särge der Soldaten größtenteils in die Provinzen zurückgebracht, und ihr Tod hat keinen Einfluss auf die allgemeine Meinung Russlands“.
US-Offizielle bleiben laut der NYT aber dabei, dass sie weiterhin Zeit bräuchten, um zu klären, wo für sie die Schmerzgrenze liege – selbst bei Schützenpanzern wie dem Bradley oder Humvee-Transportern. Sie könnten halt nicht liefern, was die eigenen Bestände auslaugen würde. Das sei die Realität.
