VonJana Stäbenerschließen
Viele Deutsche haben Angst vor einem Dritten Weltkrieg, scheuen jedoch die Landesverteidigung. Finnen reagieren völlig anders. Was erklärt diesen Kontrast?
Die Kriegsangst in Deutschland ist auf einem Allzeithoch, zeigen aktuelle Umfrageergebnisse des gemeinnützigen Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), die der Frankfurter Rundschau (FR) von Ippen.Media vorab exklusiv vorliegen. 41 Prozent von ihnen stimmten der Aussage, dass sie Angst vor einem Dritten Weltkrieg haben, eher oder vollkommen zu. An der repräsentativen Umfrage von Cemas nahmen zwischen dem 24. April und 18. Mai 2025 2.136 Menschen teil.
Pia Lamberty, die Leiterin des Cemas-Projekts, Psychologin und Autorin, glaubt, dass die „Furcht vor Krieg zu einer wabernden Angst“ geworden ist, weil die meisten Menschen nicht gelernt haben, richtig mit ihr umzugehen. Das könne anfällig für Desinformation und Verschwörungsideologien machen. „Aus der Forschung wissen wir, dass Ängste ein Einfallstor für Radikalisierungsprozesse sein können“, sagt sie der FR.
Ängste als Einfallstor: Vertrauen in Regierung in Deutschland unterdurchschnittlich
42 Prozent der Befragten vermuten, dass wirtschaftliche Interessen, etwa der Rüstungsindustrie, die aktuelle Kriegspolitik antreiben. 38 Prozent glauben, dass politische Eliten die Angst vor Krieg nutzen, um militärische Ausgaben zu rechtfertigen. Die Berichterstattung der Medien über Krieg sehen 37 Prozent skeptisch. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) lag Deutschland 2023 mit 36 Prozent hohem oder mittelhohem Vertrauen in die Regierung drei Prozent unter dem OECD-Durchschnitt.
Von den von Cemas-Befragten wünscht sich mehr als die Hälfte (53 Prozent), dass die Regierung mehr über mögliche Kriegsgefahr in Deutschland aufklärt. „Menschen möchten an die Hand genommen werden, um mit dieser Bedrohung umzugehen. Das passiert bisher kaum“, sagt Lamberty. Doch wie könnte das aussehen? In Finnland fürchten 44 Prozent der 15- bis 29-Jährigen die Nähe zu Russland. Doch das Vertrauen in die Regierung lag 2023 mit 47 Prozent acht Prozent über dem OECD-Schnitt.
Kriegsangst: Was kann sich Deutschland von Finnland abschauen?
Eine der größten Gefahren für Demokratien sind Desinformationen. In Finnland können die sogar Sechsjährige entlarven. „Ein hohes Vertrauen in die Demokratie ist der Schlüssel“, sagt Leo Pekkala gegenüber der FR. Er ist stellvertretender Direktor des Nationalen Audiovisuellen Instituts Finnlands (KAVI) und leitet dort seit 2012 den Bereich Medienkompetenz. „Dieses Vertrauen unterscheidet uns von vielen anderen Ländern und ist eine Grundlage dafür, dass Medienkompetenz in der Bevölkerung überhaupt eine Chance hat.“
Medienkompetenzbildung beginne in Finnland schon im Kindergarten, das Fach stehe offiziell auf dem Lehrplan, sagt Pekkala. Um Erwachsene zu erreichen, arbeite das KAVI eng mit lokalen Behörden und nicht-staatlichen Organisationen zusammen. Öffentliche Bibliotheken seien hier zentrale Orte. „In jeder finnischen Gemeinde gibt es entweder eine Bibliothek oder einen Bibliotheksbus, der selbst abgelegene Gebiete erreicht. Dort lernen Senioren die Nutzung des Internets oder zu verstehen, dass nicht alles, was sie online sehen, wahr ist.“
Er merkt aber an, dass es in Finnland mit nur 5,6 Millionen Einwohnern deutlich leichter sei, einheitliche Medienkompetenzmaßnahmen einzuführen. „Deswegen gibt es kein Geheimrezept, das Deutschland kopieren könnte. Medienkompetenzbildung muss an den spezifischen kulturellen Kontext angepasst werden.“
Krieg in Europa: „Natürlich haben wir da Angst – das ist menschlich“
„Medienkompetenzbildung ist wichtig, aber sie allein wird im Informationskrieg nicht reichen“, sagt Saara Jantunen-Paju der FR. Nicht nur Desinformationskampagnen seien gefährlich, sondern auch reale Drohungen, beispielsweise mit Nuklearwaffen. „Obwohl wir wissen, dass sie gezielt Angst verbreiten sollen, können wir uns dem nicht entziehen“, sagt die Militärwissenschaftlerin, die seit drei Jahren in der Abteilung für Kommunikation des finnischen Premierministers arbeitet.
Dass 41 bis 44 Prozent der Bevölkerung Kriegsangst haben, sei „ein völlig normales Level“, findet sie. Gaza-Krieg, Ukraine-Krieg und Machthaber wie Wladimir Putin und Donald Trump: „Natürlich haben wir da Angst – das ist menschlich.“ Das größte Problem sei nicht die Angst, sondern wenn wir mit dieser Angst nicht richtig umgingen. „Was ignoriert wird, wächst. Wenn wir die Angst aber nutzen, um uns vorzubereiten und handlungsfähig zu bleiben, dann kann sie uns stärken“, sagt Jantunen-Paju.
Sie spricht von einer „interessante Dynamik“, wenn es um Angst und das daraus resultierende „Prepping“ gehe, das gerade in Deutschland belächelt oder sogar als verschwörungstheoretisch abgetan werde. „Prepping ist kein Verschwörungswahn. Es bedeutet, Werkzeuge zu haben, um mit Krisen umgehen zu können.“ In Finnland seien viele Menschen für den Notfall vorbereitet. Allein aufgrund der Infrastruktur und den kalten Wintern hätten viele Finnen ein Notfallradio, Batterien oder Vorräte in ihrem Haus. Und: Finnland hat immer noch die Wehrpflicht.
Welche die Rolle die Wehrpflicht beim Umgang mit Kriegsangst spielen kann
Deutschland hat die Wehrpflicht 2011 abgeschafft. Ende August 2025 hat das Merz-Kabinett einen Gesetzentwurf zur Wehrerfassung junger Männer und eines neuen, zunächst freiwilligen Wehrdienstes beschlossen. Wenn es nicht gelingt, genug Freiwillige zu gewinnen (und der Bundestag zustimmt), kann dem Gesetzentwurf zufolge eine verpflichtende Option eingeführt werden.
Laut Cemas-Daten haben nur acht Prozent der Befragten schon einmal daran gedacht, sich bei der Bundeswehr als Freiwillige zu melden, um ihren Beitrag zur Sicherheit Deutschlands zu leisten. Rund 58 Prozent stimmen der Aussage „Ich würde mein Land militärisch verteidigen, wenn es angegriffen würde“ überhaupt nicht oder eher nicht zu. Umfragen der Bundeswehr zur Verteidigungsbereitschaft kommen zu einem anderen Ergebnis. Der Unterschied dürfte vor allem auf die Methodiken zurückzuführen sein.
In Finnland ist so eine niedrige Verteidigungsbereitschaft undenkbar: „Die Menschen wissen, dass sie sich auf die Institutionen verlassen können, aber sie wissen, dass sie ihren Teil dazu beitragen müssen, zum Beispiel mit der Wehrpflicht“, sagt Saara Jantunen-Paju. Diese spielt ihrer Meinung nach eine „entscheidende Rolle“ beim Umgang der Finnen mit Kriegsangst. „Wenn jemand weiß, was seine Aufgabe in einer Krise oder im Krieg wäre, fühlt er sich weniger hilflos“, sagt die Militärwissenschaftlerin. „Wir in Finnland haben gelernt, dass Vorbereitung ein Gefühl von Kontrolle gibt. Und dieses Gefühl ist entscheidend, um Angst zu reduzieren. Es geht nicht darum, paranoid oder hysterisch zu sein. Es geht darum, vorbereitet zu sein.“
Rubriklistenbild: © IMAGO/Martin Bertrand




