Ukraine-Krieg

Gegenoffensive schreitet voran: So macht die Ukraine „den einzigen Vorteil, den Russland hat“ zunichte

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Ein russischer Soldat mit 2B9-Vasilek-Geschossen.
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Die Gegenoffensive der Ukraine nur anhand ihrer Geländegewinne zu beurteilen, greift zu kurz. Die Angriffe auf russische Logistikzentren und Hauptquartiere bringen Kiew dem Krim-Ziel näher.

Kiew – Zu Beginn der russischen Invasion räumten selbst westliche Experten der Ukraine keine hohen Chancen ein. Doch die ukrainische Armee wehrt den Angriff seit bald 600 Tagen erfolgreich ab. Bei der Artillerie konnte Kiew sogar aufholen und hat mittlerweile fast die gleiche Feuerfrequenz wie Russland. Ein klarer Vorteil bleibt der russischen Armee aber: Ihre Masse – etwa die schiere Anzahl ihrer Truppen und der Nachschub der Ausrüstung. Doch offenbar gelingt es der Ukraine in mancher Hinsicht, diese Überlegenheit zu neutralisieren, sagte der ehemalige US-General Ben Hodges dem US-Magazin Newsweek.

Ukraine-Krieg: Russland zahlenmäßig überlegen, doch Vorteil schrumpft

Eigentlich wollte der russische Präsident Wladimir Putin den Ukraine-Krieg schnell gewinnen. Nur Freiwillige und Zeitsoldaten müssen in den Einsatz, lautete sein Versprechen an die Bevölkerung. Im September 2022 kam allerdings eine Teilmobilmachung, offiziellen Angaben zufolge zog Russland dabei 300.000 Männer zum Kriegsdienst ein. Verteidigungsminister Sergej Schoigu gab am vergangenen Donnerstag die Aufstellung neuer Reserveregimenter bekannt, nur mit Freiwilligen, wie es hieß. Deren Zahl soll sich bereits auf mehr als 300.000 weitere Soldaten belaufen. Damit hat Russland sein personelles Potenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Immer wieder hatten Militärexperten aber betont, dass der Gefechtswert einer Armee aus mehr als nur der Anzahl der Soldaten besteht. Auch deren Motivation, Ausbildung und Ausrüstung spielen eine große Rolle. Insbesondere die Moral der russischen Truppen ist zahlreichen Berichten zufolge gering. Zudem geht Russland unter Inkaufnahme hoher Verluste in Gefechte. In der Gegenoffensive zeigt Kiew ein Vorgehen, das den „Vorteil durch Masse“ Russlands aus Sicht des früheren US-Generals Hodges neutralisieren könnte.

Ex-US-General lobt Gegenoffensive: „Neutralisiert den einzigen Vorteil, den Russen haben“

Kiew fokussiere sich in der Gegenoffensive auf Hauptquartiere, Logistikzentren und russische Artillerie – und nicht unbedingt auf territoriale Gewinne. Damit handle die Ukraine richtig, so der Ex-General. Aus dem Westen waren immer wieder auch kritische Stimmen über das langsame Vorankommen der Gegenoffensive laut geworden. „Ich glaube, dass die meisten Leute das in einem falschen Kontext sehen“, sagte Hodges zu Newsweek. „So neutralisiert man den einzigen Vorteil, den die Russen haben - den Vorteil der Masse -, indem man ihnen das Hauptquartier nimmt, die Artillerie, die sie unterstützt und es den Ukrainern erschwert, durch die Minenfelder zu kommen, und schließlich die Logistik, indem man Munition und Transport ausschaltet.“

Die Bedeutung der Landbrücke zur Krim und der Kertsch-Brücke in der Gegenoffensive

Die widerrechtlich besetzte Halbinsel Krim ist mit dem Westen Russland über eine Landbrücke verbunden. Seit Juni 2023 verfolgt die Ukraine das Ziel, diese Landbrücke zu durchtrennen oder zumindest so weit vorzurücken, dass die strategisch wichtige Halbinsel in Reichweite der ukrainischen Artillerie gerät. Könnte dies gelingen und zugleich die Kertsch-Brücke zerstört werden, ließen sich die russischen Truppen von Nachschubrouten abschneiden. Wie die Kriegsexperten der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) am Sonntag (8. Oktober) analysierten, konnten die ukrainischen Angriffe auf Logistikzentren bereits den Nachschub für russische Truppen in den Gebieten Cherson und Saporischschja unterbrechen und hätten bei den russischen Befehlshabern „moralische Erschütterungen“ ausgelöst.

Die Gegenoffensive diene dazu, „bestimmte Ziele auf operativer Ebene zu erreichen, und das geht nicht nur mit Bodentruppen.“ Stattdessen müsse man das einsetzen, was die Nato „Multi-Domain“ nenne, also Operationen über Land, Luft und See, Cyberintelligenz, Informationsdienste und Spezialkräfte. „Das ist die Doktrin der USA, das ist die Doktrin der NATO, und das ist genau das, was die Ukrainer tun“, so Hodges. Die Landoperationen würden auf die endgültige Isolierung der Krim abzielen, so der General weiter. Alles, was die Ukrainer tun, sei auf die Halbinsel gerichtet. „Und der Weg, die Krim zu bekommen, ist, sie zu isolieren, sie unhaltbar zu machen, und dann kann man sie befreien.“

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