Krise in Israel: Netanjahus Regierung wankt wegen Wehrpflicht
VonFelix Busjaeger
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Benjamin Netanjahu besucht US-Präsident Trump. Es geht unter anderem um die Waffenruhe in Gaza. Doch in Israel droht eine andere Krise.
Tel Aviv – 21 Monate Kämpfe im Gazastreifen – doch jetzt ist eine Waffenruhe so nah wie lange nicht. Der Druck ist groß: Die Regierung um Benjamin Netanjahu sieht sich zunehmend internationaler Kritik ausgesetzt. Hintergrund ist das Vorgehen des Militärs in Gaza. Der wichtigste Verbündete im aktuellen Konflikt bleibt währenddessen die US-Regierung. Aktuell steht ein Besuch Netanjahus bei Donald Trump im Mittelpunkt. Den Republikaner ließ der israelische Ministerpräsident allerdings warten. Dies liegt wohl am wachsenden innenpolitischen Druck in Tel Aviv.
Vor Besuch bei Trump: Netanjahu droht Regierungskrise in Israel
Trump hofft zeitnah auf einen Deal für eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas. „Ich glaube, wir stehen kurz vor einer Einigung zu Gaza. Wir könnten es diese Woche schaffen“, teilte der US-Präsident am Sonntag, dem 6. Juli, mit. Auch Netanjahu zeigte sich zuletzt zuversichtlich. „Wir arbeiten daran, den viel diskutierten Deal zustande zu bringen, zu den Bedingungen, denen wir zugestimmt haben“, sagte er vor dem Abflug zum Trump-Besuch.
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Kurz zuvor hatte er Forderungen der Hamas nach Änderungen an Katars Vorschlag als „inakzeptabel“ bezeichnet, dennoch aber eine Delegation zu neuen indirekten Gesprächen über einen Deal in die katarische Hauptstadt Doha geschickt. Erwartet wird, dass beim US-Besuch von Netanjahu bei Präsident Trump auch der Iran Thema sein wird. Es ist bereits sein drittes Treffen mit US-Präsident Trump in sechs Monaten. Die verbündeten USA fungieren gemeinsam mit Katar und Ägypten als Vermittler zwischen Israel und der Hamas, da diese nicht direkt miteinander reden.
US-Besuch bei Trump und Gespräche über Waffenruhe: Lage von Wehrpflicht-Debatte in Israel überschattet
Trotz der Brisanz und der Lage Israels im Krieg verzögerte sich allerdings Netanjahus Abflug. Hebräischsprachigen Medien zufolge ist dies auf eine sich anbahnende Krise in seiner Koalition zurückzuführen, da ultraorthodoxe Mitglieder seiner Regierung die Vorlage eines aktualisierten Entwurfs eines umstrittenen Gesetzes fordern. Dieser soll die Wehrpflicht von Studenten der Jeschiwa-Hochschule, eine Einrichtung zur Lehre der Tora und anderer rabbinischer Schriften, regeln.
Das Büro des Premierministers bestritt auf Nachfrage der Times of Israel, dass der Gesetzentwurf der Grund für die Verzögerung sei. Ursächlich sei vielmehr eine Sicherheitsberatung, an der der Premierminister derzeit teilnehme. Seit Jahren wird in Israel über die Ausnahmeregelung für Haredim gestritten. Die Wehrpflicht gilt zwar formal für alle, doch ultraorthodoxe Männer konnten sich bislang nahezu vollständig entziehen – ein Kompromiss, der nun ins Wanken gerät.
Netanjahu besucht Trump: In Israel steht wegen der Wehrpflicht derweil die Regierung auf der Kippe
Für Netanjahu steht viel auf dem Spiel: Lässt er den Reformplan fallen, droht der Koalitionsbruch. Treibt er ihn durch, riskiert er Massenproteste seiner ultraorthodoxen Partner. Zugleich hat sich die Lage in Israel gravierend verändert. Knapp 21 Monate nach dem Überfall der Hamas scheinen viele Menschen kriegsmüde, israelische Medien berichten immer wieder davon, dass sich Reservisten nicht mehr zum Militärdienst zurückmelden.
Wie die FAZ schreibt, seien die meisten ausgebrannt, leiden unter den Folgen traumatischer Erlebnisse, haben Beruf und Familie über Monate vernachlässigt. Dennoch hat nun das israelische Militär angekündigt, bis Ende des Monats 54.000 Einberufungsbefehle an ultraorthodoxe junge Männer zu verschicken. Diese würden an Religionsstudenten ergehen, deren Befreiung vom Wehrdienst nicht mehr gelte.
Wehrdienst in Israel: Ultraorthodoxe Juden verweigern Militärdienst – Netanjahu in Zwickmühle
Viele ultraorthodoxe Juden empfinden den Militärdienst als Bedrohung ihres frommen Lebensstils, unter anderem weil Frauen und Männer gemeinsam dienen. In den letzten Monaten ausgestellte Einberufungsbefehle ignorierten sie zumeist. Netanjahu bringt dies nun in ein Dilemma: Entwürfe, die ernsthafte Sanktionen vorsehen, weisen die ultrareligiösen Partner in der Regierungskoalition zurück. Sollten solche etwa mit den Stimmen der Oppositionsparteien im Parlament gebilligt werden, drohen die Ultrareligiösen mit dem Bruch der Koalition.
Die Armee will nun auf der Grundlage des Entscheids des Obersten Gerichtshofs eine große Zahl von Religionsschülern ins Militär einberufen. In der Mitteilung vom Sonntag betont das Militär, dass es die Durchsetzung von Maßnahmen gegen Wehrdienstverweigerer und Deserteure verschärfen werde. Es ist aber fraglich, ob das Militär diese Drohung gegenüber den Strenggläubigen wahrzumachen vermag. Schon in den vergangenen zwei Jahren hatte die Armee 23.000 Einberufungsbefehle für sie ausgestellt, nur wenige hundert folgten ihnen. Keiner der Verweigerer wurde festgenommen.
Israels Wehrpflicht überschattet Netanjahus Besuch bei Trump
Ob das Thema der israelischen Wehrpflicht auch beim Trump-Besuch in Washington eine Rolle spielt, ist unklar. Allerdings dürfte die US-Regierung auf die aktuelle Entwicklung genau blicken: Netanjahu braucht innenpolitische Stabilität, um den Gaza-Deal mit den USA zu verhandeln. Eine offene Flanke in der Koalition würde seine Verhandlungsposition schwächen.
Entscheidend wird nun sein, ob die Ultraorthodoxen die direkte Konfrontation wegen der Wehrpflicht suchen – oder ob Netanjahu ihnen ein Schlupfloch anbietet. Der Streit um die Wehrpflicht ist mehr als ein Regierungskonflikt – er ist ein Spiegel gesellschaftlicher Spannungen in Israel. Für Netanjahu steht dabei weit mehr auf dem Spiel als der Zusammenhalt seiner Koalition. (fbu/dpa)