Neue Bedrohung

Krise in Karelien: Russland marschiert an Finnlands Grenze auf

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Selbstbewusst: Finnische Truppen feierten den 105. Unabhängigkeitstag Finnlands mit einer Nationalparade am 6. Dezember 2022 – Russland verstärkt aktuell seine Truppen an der Grenze. Finnland steht also kurz davor, erneut um seine Unabhängigkeit kämpfen zu müssen (Archivfoto).
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Panzerhallen, neue Strukturen und massive Rekrutierung: Ähnlich wie Stalin ist Putin drauf und dran, den nächsten „Winterkrieg“ vom Zaun zu brechen.

Petrosawodsk – „Es gibt Grautöne zwischen Frieden und Krieg. Das ist die neue Normalität im Zusammenleben mit Russland“, sagt Jarno Limnell. Das Wall Street Journal (WSJ) hat den finnischen Parlamentarier kürzlich zitiert, weil Limnell wiederholt auf Russlands subtil hybriden Krieg gegen Finnland hinweist. Wie das WSJ jetzt nachlegt, wird Wladimir Putins Invasionsarmee parallel zum Ukraine-Krieg auch gegen Finnland offensiv.

In der russischen Stadt Petrosawodsk soll Russland einen bestehenden Militärstützpunkt erweitern. Damit könne der Kreml rund 160 Kilometer östlich der Grenze zum zweitjüngsten Nato-Partner Finnland innerhalb der kommenden Jahre eine Basis für Zehntausende Soldaten geschaffen haben, mutmaßt WSJ-Autor Thomas Grove. Prekär wird dieser Umstand vor dem Hintergrund, dass die Nato Mitte 2024 beschlossen hat, eines ihrer beiden Hauptquartiere im finnischen Mikkeli einzurichten – ein für Russland doppelter Affront.

Signal an Putin: „In Mikkeli ist ein sogenanntes hoch einsatzbereites Nato-Unterhauptquartier stationiert“

Im August hatte das Magazin Iltalehti berichtet, in Mikkeli würde ein Unterstab der Nato-Landstreitkräfte eingerichtet – von dort geleitet würden dann die Ausbildung und die Operationen einer Nato-Brigade von bis zu 5.000 Soldaten aus Finnen und Norwegern zum Schutz der finnischen Grenze. Die würde parallel zu den finnischen Streitkräften operieren. Wie das Magazin Nordic Defense Review (NDR) zeitgleich schreibt, hätte Mikkeli als Standort den Zuschlag bekommen aufgrund seiner strategischen Lage und der dort bestehenden militärischen Strukturen, so NDR.

„Finnland wurde zum Friedhof der Roten Armee.“

Stefan Gagstetter, 3sat Kulturzeit

Mikkel liegt Luftlinie rund 400 Kilometer vom russischen Petrosawodsk entfernt. Außerdem lag in der heute etwas mehr als 50.000 Einwohner zählenden Stadt das Hauptquartier des finnischen Oberbefehlshabers Carl Gustaf Emil Mannerheim während des finnischen-russischen Krieges, auch genannt „Winterkrieg“, von 1939 bis 1940, sowie dessen Fortsetzungskrieg von 1941 bis 1944. In beiden Auseinandersetzungen taten sich die Russen schwer gegen die zäh verteidigenden Finnen – die Stadt hat also für deren Moral eine erhebliche Bedeutung.

Laut der NDR werde das dortige Nato-Hauptquartier „einige Dutzend ausländische Offiziere beherbergen, mit der Möglichkeit einer späteren Erweiterung“ – aus diesem Hauptquartier heraus sollen die Vorgeschobenen Landstreitkräfte (Forward Land Forces, kurz FLF) unter schwedischem Kommando regelmäßig üben, um in Krisen schnell reagieren zu können. „In Mikkeli ist ein sogenanntes hoch einsatzbereites Nato-Unterhauptquartier stationiert, das rund um die Uhr in operativer Alarmbereitschaft ist“, schreibt Lauri Nurmi für Iltalehti. Womöglich zieht Putin in Petrosawodsk also lediglich nach. Oder er eskaliert gerade dort gezielt.

Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des Bündnisses

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Gegründet wurde die Nato am 4. April 1949 in Washington, D.C. Zunächst zwölf Staaten unterzeichneten den Nordatlantikvertrag: Belgien, Dänemark, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Portugal und die USA. Sie wurden zu den Gründungsmitgliedern der Nato. Hier präsentiert Gastgeber und US-Präsident Harry S. Truman das Dokument, das die Grundlage für das Verteidigungsbündnis bildet. Der erste Oberkommandeur war der US-Amerikaner Dwight D. Eisenhower, der nach seiner Zeit bei der Nato Truman im Amt des US-Präsidenten beerben sollte. © imago
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In den ersten Jahren nach ihrer Gründung stand die Nato ganz im Dienste der Abwehr der sowjetischen Gefahr. 1952 fanden in Deutschland zahlreiche Manöver der Mitgliedsstaaten statt, unter anderem überwacht vom zweiten Oberkommandeur der Nato, Matthew Ridgway (2.v.l.) und dem damaligen französischen Botschafter in Deutschland, Andre Francois-Poncet (3.v.r.). © imago
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Im Jahr 1952 traten zwei weitere Länder der Nato bei: Griechenland und die Türkei. Die Anzahl der Nato-Mitglieder stieg also auf 14. Noch im selben Jahr fanden die ersten Manöver des Verteidigungsbündnisses statt. Beteiligt waren neben Einheiten Großbritanniens und der USA auch Kampftaucher, sogenannte Froschmänner, der türkischen Marine. © imago
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Im Jahr 1954 beschlossen die Nato-Mitgliedsstaaten auch der Bundesrepublik Deutschland den Beitritt anzubieten. Der britische Außenminister Anthony Eden reiste nach Paris, um im Palais de Chaillot die Vereinbarung zu unterzeichnen. Ein Jahr später, 1955, wurde die BRD als 15. Mitglied der Nato in das Verteidigungsbündnis aufgenommen. © UPI/dpa
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Kurz nach Gründung durchlitt die Nato bereits ihre erste interne Krise. Frankreich entzog bereits 1959 seine Flotte der Nato-Unterstellung. 1966 verabschiedeten sich die Vertreter des Landes aus allen militärischen Organen des Verteidigungsbündnisses. Frankreichs Präsident Charles de Gaulle (l.), hier bei der Beerdigung John F. Kennedys, fürchtete eine Dominanz der USA in der Nato und pochte auf die Unabhängigkeit der französischen Streitkräfte. Das Land kehrte erst im Jahr 2009 wieder als vollwertiges Mitglied in die militärischen Strukturen zurück. © imago
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Im Jahr 1982 fand die nächste Erweiterungsrunde der Nato statt. Spanien wurde das 16. Mitglied des Verteidigungsbündnisses und nahm kurz darauf am Nato-Gipfel in Bonn teil. In der damaligen Bundeshauptstadt kamen die Staatsoberhäupter und Regierungschefs zusammen (v.l.n.r.): Kare Willoch (Norwegen), Francisco Balsemao (Portugal), Leopoldo Calvo-Sotelo (Spanien), Bülent Ulusu (Türkei), Margaret Thatcher (Großbritannien) und Ronald Reagan (USA). © imago
Ihren ersten Kampfeinsatz startete die Nato am 30. August 1995 mit der Operation „Deliberate Force“ gegen serbische Freischärler im ehemaligen Jugoslawien. Offiziell trat die Nato dabei nur als eine Art bewaffneter Arm der UN-Mission im Land auf. Beteiligt waren 5000 Soldaten aus 15 Ländern mit 400 Flugzeugen, darunter 222 Kampfflugzeugen. 54 dieser Maschinen, die rund um die Uhr von drei Flugzeugträgern und 18 Luftwaffenstützpunkten in Europa losflogen, waren F-16 Fighting Falcon (im Bild).
Am 30. August 1995 startete die Nato die Operation „Deliberate Force“ gegen serbische Freischärler im ehemaligen Jugoslawien. Offiziell trat die Nato dabei nur als eine Art bewaffneter Arm der UN-Mission im Land auf. Beteiligt waren 5000 Soldaten aus 15 Ländern mit 400 Flugzeugen, darunter 222 Kampfflugzeugen. 54 dieser Maschinen, die rund um die Uhr von drei Flugzeugträgern und 18 Luftwaffenstützpunkten in Europa losflogen, waren F-16 Fighting Falcon (im Bild). © DOD/USAF/afp
Bei der Operation kam es zum ersten Kampfeinsatz der deutschen Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg. 14 deutsche Tornado-Kampfflugzeuge flogen von Piacenza aus 65 Einsätze. Nach dem Abzug der schweren Waffen durch die Serben und einer Garantie für die verbliebenen Schutzzonen wurde die Luftoperation am 21. September 1995 beendet. Nato-Befehlshaber Leighton Smith (Mitte) und UN-Balkankommandant Bernard Janvier (rechts) konnten sich schon am Tag davor am Flughafen von Sarajevo als Sieger fühlen.
Am ersten Kampfseinsatz der Nato war auch Deutschland beteiligt. Die Bundeswehr schickte Tornado-Kampfflugzeuge in den Krieg in Jugoslawien. Ab Juni 1999 übernahm Deutschland die militärische Führung über einen Sektor des Kosovos im Rahmen der so genannten Kosovo-Friedenstruppe (KFOR). Zu Beginn befanden sich rund 6.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr im Einsatz im Kosovo. © ANJA NIEDRINGHAUS/afp
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Es war der erste Kriegseinsatz der deutschen Luftwaffe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 14 deutsche Tornado-Kampfflugzeuge flogen von Piacenza aus 65 Einsätze im ehemaligen Jugoslawien. Nach dem Abzug der schweren Waffen durch die Serben und einer Garantie für die verbliebenen Schutzzonen wurde die Luftoperation am 21. September 1995 beendet. © dpa
Bereits im Jahr 1998 hatte hatte das Kabinett Kohl gemeinsam mit den Wahlsiegern der Bundestagswahl 1998, Gerhard Schröder und Joschka Fischer, den ersten Einsatz deutscher Soldaten in einem militärischen Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg beschlossen. Außenminister Fischer appellierte: „Wir haben immer gesagt: ‚Nie wieder Krieg!‘ Aber wir haben auch immer gesagt: ‚Nie wieder Auschwitz!‘“ Die Menschen in Deutschland gingen bei Antikriegsdemos gegen den Nato-Einsatz auf die Straße, so wie hier zum Beispiel am 25. März 1999 in Leipzig.
Bereits im Jahr 1998 hatte das Kabinett Kohl gemeinsam mit den Wahlsiegern der Bundestagswahl 1998, Gerhard Schröder und Joschka Fischer, den ersten Einsatz deutscher Soldaten in einem militärischen Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg beschlossen. Außenminister Fischer appellierte: „Wir haben immer gesagt: ‚Nie wieder Krieg!‘ Aber wir haben auch immer gesagt: ‚Nie wieder Auschwitz!‘“ Die Menschen in Deutschland gingen bei Antikriegsdemos gegen den Nato-Einsatz auf die Straße, so wie hier zum Beispiel am 25. März 1999 in Leipzig.  © ECKEHARD SCHULZ/Imago
Seit Anfang 2001 lieferten sich die Rebellen der UCK (Befreiungsarmee im Kosovo), die bereits im Kosovo-Krieg gegen die Serben gekämpft hatten, Kämpfe mit der mazedonischen Armee. Nach Abschluss eines Friedensabkommens stimmte die UCK ihrer Entwaffnung und Auflösung zu und übergab der Nato ihre Waffen. Insgesamt wurden 3875 Waffen der Rebellen eingesammelt und eingeschmolzen.
Seit Anfang 2001 lieferten sich die Rebellen der UCK (Befreiungsarmee im Kosovo), die bereits im Kosovo-Krieg gegen die Serben gekämpft hatten, Kämpfe mit der mazedonischen Armee. Nach Abschluss eines Friedensabkommens stimmte die UCK ihrer Entwaffnung und Auflösung zu und übergab der Nato ihre Waffen. Insgesamt wurden 3875 Waffen der Rebellen eingesammelt und eingeschmolzen. © Louisa Gouliamaki/dpa
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Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erweiterte sich die Nato um Länder der ehemaligen Sowjetunion. Am 12. März 1999 wurden die Flaggen von Polen, Tschechien und Ungarn am Nato-Hauptquartier in Brüssel (Belgien) gehisst. Das Verteidigungsbündnis war damit auf 19 Mitgliedsstaaten gewachsen. © ATTILA SEREN/imago
Im August 2003 übernahm die Nato durch ein Mandat der Vereinten Nationen in Afghanistan das Kommando über internationale Friedenstruppen und läutete damit den ersten Einsatz des Bündnisses außerhalb Europas ein. der Einsatz der International Security Assistance Force (ISAF) war ein sogenannter friedenserzwingender Einsatz unter Verantwortung der beteiligten Staaten im Rahmen des Krieges in Afghanistan von 2001 bis 2014.
Im August 2003 übernahm die Nato durch ein Mandat der Vereinten Nationen in Afghanistan das Kommando über internationale Friedenstruppen und läutete damit den ersten Einsatz des Bündnisses außerhalb Europas ein. Der Einsatz der International Security Assistance Force (ISAF) war ein sogenannter friedenserzwingender Einsatz unter Verantwortung der beteiligten Staaten im Rahmen des Krieges in Afghanistan von 2001 bis 2014.  © SHAH MARAI/afp
Nato-Einsatz in Afghanistan
Am Nato-Einsatz in Afghanistan beteiligte sich auch die deutsche Bundeswehr. Mit gleichzeitig 5.300 stationierten Soldatinnen und Soldaten war es der größte Auslandseinsatz der Bundeswehr. Als Teil der International Security Assistance Force (ISAF) waren deutsche Streitkräfte an mindestens zehn Kampfeinsätzen beteiligt. Zwischen 2001 und 2014 wurden 59 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan getötet. © Michael Kappeler/dpa
Im Februar 2020 unterzeichnete Donald Trumps Regierung mit den Taliban das Doha-Abkommen
Im Februar 2020 unterzeichnete Donald Trumps Regierung mit den Taliban das Doha-Abkommen, das einen vollständigen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan bis Ende April 2021 beinhaltete. Trumps Nachfolger Joe Biden terminierte den Abzug der US-Truppen bis zum symbolischen Stichtag des 11. September. Die verbündeten Nato-Staaten schlossen sich an, und so begann auch die Bundeswehr mit dem Abzug ihrer letzten Streitkräfte aus Afghanistan. © Boris Roessler/dpa
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Im Jahr 2004 fand die bis dato größte Erweiterungsrunde der Nato statt. Der damalige US-Außenminister Colin Powell gab bekannt, dass das Verteidigungsbündnis sieben neue Mitgliedsstaaten auf einen Streich aufnehmen werde: Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien. Die Nato bestand damit aus 26 Mitgliedern. © BENOIT DOPPAGNE/imago
Seit Juni 2005 unterstützt die Nato die Afrikanische Union, u.a. auch die AU-Mission in Somalia (Amisom). Dort kontrolliert die mit der Terrororganisation Al Qaida verbundene islamistische Bewegung Al-Shabaab Teile des Südens und setzt die Scharia in strenger Form durch. Im Rahmen der AU-Mission in Somalia testet ein Panzerfahrer im Januar 2013 seine Lenkung, während er auf einem Stützpunkt an der Front in Lower Shabelle stationiert ist.
Seit Juni 2005 unterstützt die Nato die Afrikanische Union, u.a. auch die AU-Mission in Somalia (Amisom). Dort kontrolliert die mit der Terrororganisation Al Qaida verbundene islamistische Bewegung Al-Shabaab Teile des Südens und setzt die Scharia in strenger Form durch. Im Rahmen der AU-Mission in Somalia testet ein Panzerfahrer im Januar 2013 seine Lenkung, während er auf einem Stützpunkt an der Front in Lower Shabelle stationiert ist. © TOBIN JONES/afp
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Zu ihrem 50-jährigen Bestehen im Jahr 2009 nahm die Nato zwei weitere Mitglieder auf: Albanien und Kroatien. Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßte den albanischen Ministerpräsidenten Sali Berisha bei den Feierlichkeiten rund um die Erweiterung sowie zum Jubiläum auf dem Nato-Gipfel in Straßburg und Kehl. © imago
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Am 5. Juni 2017 wird die Nato um ein weiteres Mitglied erweitert. Montenegro tritt dem Verteidigungsbündnis bei. Das Land hatte sich 2006 von Serbien unabhängig erklärt und wurde inklusive Flagge elf Jahre später in Brüssel am Nato-Hauptquartier begrüßt.  © Gong Bing/imago
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Die vorerst letzte Nato-Erweiterung fand im Jahr 2020 statt. Am 27. März trat Nordmazedonien dem Verteidigungsbündnis bei. Griechenland hatte die Aufnahme des Landes wegen eines Streits über dessen Namen jahrelang blockiert. Nachdem sich beide Länder geeinigt hatten, war der Weg frei für gemeinsame Manöver, wie hier zum Beispiel mit Einheiten der US-Armee in der Nähe von Krivolak. © imago
Im Rahmen ihrer Mission im Irak traniert und unterstützt die Nato die irakischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Am 9. Dezember 2021 trafen sich der irakische Sicherheitsberater Qassem al-Araji (links) und der Nato-Befehlshaber Michael Lollesgaard in der „Grünen Zone“ der Hauptstadt Bagdad. Die USA-geführte Koalition beendete damals ihren Kampfeinsatz und verlegte sich auf eine Ausbildungs- und Beratungsrolle.
Im Rahmen ihrer Mission im Irak traniert und unterstützt die Nato die irakischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Am 9. Dezember 2021 trafen sich der irakische Sicherheitsberater Qassem al-Araji (links) und der Nato-Befehlshaber Michael Lollesgaard in der „Grünen Zone“ der Hauptstadt Bagdad. Die USA-geführte Koalition beendete damals ihren Kampfeinsatz und verlegte sich auf eine Ausbildungs- und Beratungsrolle. © AHMAD AL-RUBAYE/afp
Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat die Nato ihre seit Jahren bestehende Mission für die Luftsicherheit der baltischen Staaten an der Ostflanke des Militärbündnisses noch einmal ausgebaut. Zur Luftraum-Überwachung setzt Frankreich vier Rafale-Kampfflugzeuge ein. Vor dem Start am 25. November 2022 bereitet ein Düsenjägerpilot in Mont-de-Marsan noch einmal sein Flugzeug für die viermonatigen Mission vor.
Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat die Nato ihre seit Jahren bestehende Mission für die Luftsicherheit der baltischen Staaten an der Ostflanke des Militärbündnisses noch einmal ausgebaut. Zur Überwachung des Luftraums setzt Frankreich vier Rafale-Kampfflugzeuge ein. Vor dem Start am 25. November 2022 bereitet ein Pilot in Mont-de-Marsan noch einmal seinen Jet für die viermonatige Mission vor.  © THIBAUD MORITZ/afp
Unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs ist im April 2023 auch Finnland der Nato beigetreten. Der Schritt ist historisch. Finnlands Präsident Sauli Niinistö bezeichnete den Nato-Beitritt als Beginn einer neuen Ära. Finnland hat eine 1340 Kilometer lange Grenze zu Russland. Das nordische Land mit seinen rund 5,5 Millionen Einwohnern hatte zuvor jahrzehntelang großen Wert auf militärische Bündnisfreiheit gelegt. Mit dem Beitritt Finnlands wächst die Nato-Außengrenze Richtung Russland nun auf mehr als das Doppelte an.
Unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs ist im April 2023 auch Finnland der Nato beigetreten. Der Schritt ist historisch. Finnlands Präsident Sauli Niinistö bezeichnete den Nato-Beitritt als Beginn einer neuen Ära. Finnland hat eine 1340 Kilometer lange Grenze zu Russland. Das nordische Land mit seinen rund 5,5 Millionen Einwohnern hatte zuvor jahrzehntelang großen Wert auf militärische Bündnisfreiheit gelegt. Mit dem Beitritt Finnlands wächst die Nato-Außengrenze Richtung Russland nun auf mehr als das Doppelte an. © JOHN THYS/afp
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Und am Horizont ist bereits die nächste Erweiterung der Nato zu sehen. Zusammen mit Finnland hatte sich auch Schweden um einen Beitritt zum Verteidigungsbündnis beworben. Der Aufnahmeprozess läuft. Im baltischen Meer fanden bereits erste gemeinsame Übungen der US Navy und der schwedischen Marine statt.  © IMAGO/U.S. Navy
Droht immer wieder mit einem Austritt aus der Nato: US-Präsident Donald Trump.
Bereits während seiner ersten Amtszeit stellte US-Präsident Donald Trump den Nutzen der Nato für die USA infrage und kritisierte die Verbündeten dafür, zu wenig in ihre Verteidigung zu investieren. Stattdessen würden sich die Staaten der Europäischen Union (EU) auf die militärische Stärke der USA verlassen. Nach seinem Sieg bei der US-Wahl 2024 erneuerte Trump seine Kritik und stellte sogar Artikel 5 des Nordatlantikvertrags infrage. Dieser besagt, dass ein Angriff auf einen Nato-Staat als Angriff auf alle Nato-Staaten gilt. © Anna Ross/Uncredited/dpa/Montage

Russlands neue Karelien-Depots: Petrosawodsk gilt als Drehscheibe des Ukraine-Kriegs

Militärexperten in Russland werteten die Aktivitäten entlang der finnischen Grenze als Teil der Vorbereitung des Kremls auf einen möglichen Konflikt mit der Nato, schreibt das Wall Street Journal über Putins Aktivitäten in Petrosawodsk. Tatsächlich registriert Finnland seit rund zwei Jahren Baubetrieb in der Grenzregion zu Finnland – sowohl am nördlichen Standort Alarkutti, etwa 50 Kilometer von der finnischen Grenze entfernt in Finnisch-Lappland, als auch am Standort der mehr als 260.000 Einwohner zählenden Stadt Petrosawodsk in Karelien. „Die Bauprojekte sind das erste konkrete Zeichen dafür, dass Russland nach Jahren geringer oder gar keiner Entwicklung wieder begonnen hat, in seine Militärstützpunkte in der Nähe von Finnland zu investieren“, berichtet Mika Mäkeleinen vom finnischen Sender YLE.

Marko Eklund beispielsweise vermutet in den neuen Hallen in Petrosawodsk die neue Heimat für Panzer. Der Sender YLE hat dem ehemaligen Major und Angehörigen des Geheimdienstes Satellitenbilder vorgelegt. Die darauf ersichtliche Halle messe seinen Schätzungen zufolge etwa 50 mal 25 Meter, also rund 1.250 Quadratmeter. Bei dichter Belegung könne die Halle beispielsweise etwa 50 Panzerfahrzeuge beherbergen, so Eklund gegenüber YLE; er sehe darin aber eher ein Gebäude für die Wartung von Fahrzeugen oder anderweitiger Ausrüstung.

Eklund hält Petrosawodsk für eine Drehscheibe des Ukraine-Krieges; ihm zufolge werde darin Material von der Front wieder für die Front fit gemacht. Außerdem lagerten auf vielen Freiflächen Transportpanzer, Kampffahrzeuge und Artilleriewaffen, so Eklund „genug, um mindestens eine motorisierte Brigade von 4.000 Soldaten auszurüsten“, wie YLE schreibt. Insofern stünden sich im russischen Depot und seinem finnischen Pendant Mikkeli etwa gleich starke Kräfte gegenüber. Noch!

Putins frühe Drohung: Jeder Schritt Helsinkis in Richtung eines Nato-Beitritts ein „strategischer Fehler“

Die Entwicklung war absehbar. Bereits am Ende des ersten Jahres des Ukraine-Krieges hatte sich das vorher neutrale Finnland zum Nato-Beitritt entschlossen – was heftige Reaktionen in Russland ausgelöst hat: Wladimir Dschabarow vom russischen Föderationsrat hatte gedroht, „jeder Schritt Helsinkis in Richtung eines Nato-Beitritts wäre ein ,strategischer Fehler‘“, wie das Magazin Newsweek berichtet hat. Und auch der damalige russische Oberbefehlshaber Sergej Schoigu hatte eine blitzschnelle Aufstockung seines Militärs angedroht: Moskau wolle, laut Schoigu „ein Armeekorps in der Republik Karelien bilden“, so Newsweek.

Karelien wird durch eine 1.340 Kilometer lange Grenze in einen finnischen und einen russischen Teil getrennt. Entsprechend der Planung eines Armeekorps würden dann rund 20.000 russische Kräfte in dieser Region stationiert werden. Auch das Wall Street Journal berichtet, dass die russische Armee vor allem im Leningrader Bezirk wachsen soll. Dieser Militärbezirk wurde Anfang 2024 aus der Sowjetzeit reanimiert und soll die Republik Karelien umfassen, die Republik Komi und die Verwaltungsbezirke Murmansk, Archangelsk, Wologda, Kaliningrad, Leningrad, Nowgorod und Pskow sowie den Autonomen Kreis der Nenzen und die Stadt St. Petersburg, wie der Barents Observer berichtete.

Russlands neues Ziel: „Kleinere Brigaden werden zu Divisionen mit jeweils rund 10.000 Soldaten werden“

Laut WSJ-Autor Thomas Grove verstärkt sich Russland damit an den Schnittstellen zu Finnland, Estland und Lettland. „Kleinere Brigaden werden sich nach Angaben westlicher Militär- und Geheimdienstvertreter fast verdreifachen und zu Divisionen mit jeweils rund 10.000 Soldaten werden“, so Grove. Als mögliche neue Kaserne betrachtet der WSJ-Autor auch ein ehemaliges Militärkrankenhaus in St. Petersburg, das wohl renoviert und umgebaut würde. Überdies werde offenbar der Verlauf von Eisenbahntrassen genau beobachtet.

„Es gibt etwa ein Dutzend Punkte entlang der russisch-finnischen Grenze, an denen mechanisierte Streitkräfte die Grenze überqueren können“, sagte Major Juha Kukkola gegenüber dem Wall Street Journal. „Wenn man sieht, dass sie neue Gleisköpfe bauen oder alte renovieren, sollte man aufmerksam werden“, wie der Professor an der Nationalen Verteidigungsuniversität in Helsinki ergänzt.

Parallelen zum Ukraine-Krieg möglich: „Finnland wurde zum Friedhof der Roten Armee“

Elf Grenzübergänge bestünden zwischen Finnland und Russland, weist das WSJ aus. Aber Grenzen würden offenbar ihre Bedeutung zusehends verlieren, wie Jarno Limnell befürchtet. Der Parlamentarier hatte gegenüber dem Blatt geklagt, dass nichts mehr sei, wie seit dem Beginn von Finnlands Neutralität nach dem Zweiten Weltkrieg: „Jahrzehntelang haben wir Friedens- und Kriegszeiten getrennt betrachtet. Die Grenzen dieser Konzepte verschwimmen langsam.“ Wenn sie überhaupt je gegolten haben.

Auch der Zweite Weltkrieg hat damit geendet, dass Finnland neutral bleiben konnte – oder musste, weil das Land weite Territorien im Osten an den damals regierenden Diktator Josef Stalin abgetreten hatte. Eine deutliche Parallele zu Putins Praxis gegenüber der Ukraine. Das Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) legt in seinem Ostblog Spezial Ähnlichkeiten zwischen dem finnisch-russischen Winterkrieg und dem Ukraine-Krieg nahe.

Finnlands Neutralität sei bis in die Gegenwart ein Schlüsselelement der Sicherheit der sowjetisch-russischen Außenpolitik gewesen, so der Historiker Christian Streit. Ihm zufolge hätte Stalin sich aufgrund des territorialen Zugewinns abgewandt von seiner Maximalforderung der „Sowjetisierung Finnlands“. Auch hier zeigen sich Parallelen zu den aktuell laufenden Friedensverhandlungen: Streit hatte die Entwicklungen in seinem 2022 veröffentlichten Artikel vorausgesehen und als Ironie bezeichnet, dass ausgerechnet Putins Aggression die Finnen in die nordatlantische Verteidigungsbündnis getrieben und somit die Grenze zum Erzfeind um mehr als 1000 Kilometer verlängert hat.

Wie Autor Stefan Gagstetter in einem Kulturzeit-Beitrag für 3sat verdeutlicht hat, sehen viele Finnen deutliche Parallelen ihres Schicksals zu dem der Ukraine – auch die Überzeugung der russischen Offiziere, der „Winterkrieg“ wäre in drei Tagen zu gewinnen gewesen. Das Gegenteil wurde wahr, wie Gagstetter formuliert: „Finnland wurde zum Friedhof der Roten Armee.“

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