Mordende Banden

Krisenherd Haiti: Staatsordnung implodiert - Tausende fliehen

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Haiti leidet unter Gewalt und politischem Chaos. Viele Menschen fliehen, die meisten wollen in die USA. Ein Karibikstaat im Ausnahmezustand.

Port-au-Prince - Gut drei Wochen nach Beginn des Umsturzversuchs durch bewaffnete Banden in Haiti halten Elend, Vertreibung und politisches Vakuum unvermindert an. Während Politik und Zivilgesellschaft noch immer versuchen, einen Übergangsrat zu bilden, der dem Karibikstaat ein Stück staatliche und institutionelle Ordnung zurückgeben soll, plündern die Banden weiterhin Banken, morden und überfallen Menschen in den bürgerlichen Vierteln der Hauptstadt Port-au-Prince. Die Apokalypse wird komplettiert durch Hunderttausende Vertriebene, die zum Teil schon früher vor der Bandengewalt geflohen waren.

Chaos im Krisenherd Haiti hält weiter an - USA beliebtestes Ziel

Das neuerliche Morden und Zerstören zwang jetzt zusätzlich mehr als 15.000 Menschen, innerhalb weniger Tage in andere Gebiete umzuziehen, wie die Vereinten Nationen schätzen. Viele suchten Schutz in bestehenden Auffanglagern, während andere sich für die Errichtung neuer Siedlungen entschieden oder schlicht auf den Straßen hausen. Die Bedingungen sind in höchstem Maße prekär. Laut dem UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) fehlen am dringendsten „Nahrungsmittel, medizinische Versorgung, Wasser und Hygieneeinrichtungen sowie psychosoziale Unterstützung“.

Noch immer herrschen in der Hauptstadt Port-au-Prince verheerende Zustände.

Unterdessen fürchten die USA, dass sich Tausende auf den Weg in die Vereinigten Staaten machen könnten. Bereits seit Jahren versuchen Haitianer:innen, über viele Wege dorthin zu gelangen. Die USA sind traditionell das beliebteste Ziel für haitianische Flüchtlinge, obwohl viele auch nach Brasilien, Kanada, Chile und in die Dominikanische Republik gehen. In den USA leben bereits knapp 700 000 Haitianerinnen und Haitianer.

Wer aus Haiti weg will, versucht es oft auf Flößen und Schiffen von den nördlichen Häfen Cap-Haïtien oder Port-de-Paix aus, von wo sich die Menschen in Richtung des US-Territoriums Puerto Rico auf machen, das Hunderte Kilometer östlich liegt. Es ist höchst gefährlich, da die Gefährte fragil und überladen sind und die meisten an Bord nicht schwimmen können. Seit 2014 sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration mehr als 800 Menschen in der Karibik auf dem Weg in die USA und nach Puerto Rico ums Leben gekommen.

Lebensgefährliche Routen führen durch Haiti über Land und übers Meer

US-Behörden, die Online-Chats, Überwachungen der US-Küstenwache und nachrichtendienstliche Erhebungen verfolgen, stellen bisher aber keinen Anstieg von Fluchtbooten fest. „Wir haben auch keine Anzeichen für eine Massenbewegung von Menschen in den Norden Haitis, die darauf hindeuten würden, dass eine Massenmigration auf dem Seeweg stattfinden könnte“, sagte ein Migrationsbeamter. Das könnte daran liegen, dass der Weg von Port-au-Prince an die Küste im Norden lang, beschwerlich und unter den momentanen Umständen auch lebensgefährlich ist.

Von Oktober 2020 bis Mai 2023 griffen die US-Behörden an der Südwestgrenze der USA fast 146 000 haitianische Migrantinnen und Migranten auf. Ein Großteil wurde wieder in den Inselstaat abgeschoben. Bis Mitte Februar kamen zudem mehr als 5000 Haitianer:innen im Rahmen eines neuen humanitären Bewilligungsprogramms in die USA. Präsident Joe Biden nahm vor gut einem Jahr Haiti in eine Liste von vier Ländern auf, deren Staatsangehörige über ein zweijähriges humanitäres Programm legal in die Vereinigten Staaten kommen dürfen, sofern sie einen Bürgen in den USA haben und eine Zuverlässigkeitsüberprüfung bestehen.

Im Januar dieses Jahres besaßen 107 000 Haitianer und Haitianerinnen diesen zeitlich befristeten Schutzstatus, der ihnen bis August 2024 eine Arbeitsgenehmigung in den USA und Schutz vor Abschiebung gewährt. 105 000 weitere sind Schätzungen zufolge antragsberechtigt. (von Klaus Ehringfeld)

Rubriklistenbild: © AFP

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