„Die Polizei ist nicht zu sehen“

Haiti im Griff der Gewalt: Gangs drohen mit Eskalation zum Bürgerkrieg

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In Haiti nutzen Banden die Abwesenheit des Premierministers und stürzen die Hauptstadt des Karibikstaates in ein brutales Chaos. Erstmals vereint fordern sie einen Wechsel an der Spitze des Landes.

Port-au-Prince - Es sind verstörende Berichte, die dieser Tage aus Haiti kommen: Leichen verwesen auf offener Straße in der tropischen Hitze, Autos kurven um sie herum. Man sieht Gruppen von Menschen, die ihr geringes Hab und Gut auf der Suche nach einem neuen Zuhause durch Port-au-Prince schleppen. In den vergangenen Tagen sind mehr als Zehntausend Menschen vor den Gangs und der Gewalt aus ihren Vierteln in der Hauptstadt vertrieben worden. In bestimmten Stadtteilen gehen die Menschen nur mit erhobenen Händen auf die Straße, um den Heckenschützen der Gangs zu zeigen, dass sie unbewaffnet sind.

Laut den Vereinten Nationen wurden in Haiti seit Anfang des Jahres 1193 Menschen durch Bandengewalt getötet und 692 verletzt. Nur wer unbedingt raus muss, wagt sich nach draußen. „Um in Haiti zu überleben, muss man sich anpassen können“, schreibt Richard Widmaier, Chef des Senders „Radio Métropole“, in einer Nachricht.

Gangs verbreiten Angst und Schrecken – Gesundheitssystem „kurz vor dem Zusammenbruch“

Derweil stiften die Gangs, die rund 80 Prozent von Port-au-Prince kontrollieren, weiter Chaos und Zerstörung. Am Donnerstag überfielen sie den Hafen und plünderten Dutzende Container. Der Betreiber „Caribbean Port Services“ sprach von „böswilligen Sabotageakten und Vandalismus“ und schloss den wichtigsten Hafen des Landes daraufhin. Mehr als 20 Lastwagen mit lebenswichtigen Ausrüstungen, medizinischen Hilfsgütern und Lebensmitteln sitzen im Hafen fest, wie das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mitteilte. Das Gesundheitssystem im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre stehe „kurz vor dem Zusammenbruch“.

Plünderung von Banken und Regierungsgebäuden: Polizei hat aufgegeben

Finanzminister Michel Boisvert, der den abwesenden Premier Ariel Henry vertritt, verhängte am Donnerstag einen einmonatigen Ausnahmezustand und eine nächtliche Ausgangssperre für die Hauptstadt.

Bereits die Tage zuvor hatten die Gangs Banken und Regierungsgebäude geplündert und niedergebrannt und Polizeireviere gestürmt. „Die Polizei ist nicht zu sehen, der Staat ist abgetaucht, Schulen und Unternehmen sind geschlossen“, sagt Rosy Auguste von der haitianischen Menschenrechtsorganisation RNDDH der Frankfurter Rundschau. „Port-au-Prince hält den Atem an.“ Auch weil niemand wisse, was in den kommenden Tagen und Wochen passieren wird.

Das Land ist ohne offizielle Führung. Die Gangs werden zunehmend zu faktischen Machthabern. Die Polizei ist ihnen in Zahl und Bewaffnung hoffnungslos unterlegen. „Wenn die Polizei der Gewalt nicht mehr standhält und wir den Flughafen oder den Präsidentenpalast fallen sehen, ist es vorbei“, warnte ein hoher US-Regierungsbeamter.

Gangs verhindern die Rückkehr des Premierministers – und drohen mit Bürgerkrieg

Bis Donnerstagabend (Ortszeit) konnte Premierminister Ariel Henry nicht nach Haiti zurückkehren. Die Gangs bewachen den Airport der Hauptstadt, um die Rückkehr des ungeliebten Regierungschefs aus Kenia zu verhindern. Sie fordern seinen Rücktritt und drohen andernfalls mit der Eskalation der Gewalt und einem „Bürgerkrieg“. Letzten Berichten zufolge hält sich Henry nach einem Zwischenstopp in den USA in Puerto Rico auf. Am Dienstag hatte die Dominikanische Republik ihm die Landeerlaubnis verweigert. Henry war Ende vergangener Woche nach Kenia geflogen, um dort die Entsendung von eintausend Polizisten festzuzurren. Die Reise nutzten die Gangs für ihre Gewaltoffensive.

Premierminister Ariel Henry ist unbeliebt.

Seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 ist das chronisch instabile Haiti, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, auf dem Weg zu einem unregierbaren und fragmentierten Staat. Etwa 200 kriminelle Banden ringen um Routen und Reviere. Haiti gilt als globaler Umschlagplatz für Drogen und Waffen, der nun vollends außer Kontrolle geraten könnte. Auch führen wichtige Handelsrouten an dem Inselstaat vorbei. Sie könnten gefährdet sein, sollte sich dort ein gewalttätiger Bandenstaat etablieren.

USA schaltet sich ein: Blinken mahnt den Premier, doch eine Rückkehr könnte die Gewalt eskalieren

Henry übernahm nach Moïses Tod ohne Mandat die Geschäfte und hat Versprechen zur Abhaltung von Wahlen immer wieder gebrochen. Seit 2016 wurde in Haiti nicht mehr gewählt, es gibt auch kein Parlament mehr.

Inzwischen rücken auch die USA, die traditionelle Schutzmacht Haitis, von Henry ab. US-Außenminister Antony Blinken rief den Premier zu einem „dringenden“ politischen Übergang auf. Haiti brauche eine „breitere, inklusive Regierung“, sagte der für Lateinamerika zuständige Außenamts-Diplomat Brian Nichols. Fachleute warnen davor, dass die Gewalt im Falle der Rückkehr von Henry noch zunehmen werde.

Als französische Kolonie versorgte Haiti Europa mit Kaffee und Zucker

Haiti hat seit seiner Unabhängigkeit 1804 nie staatliche Strukturen ausbilden können. Auf die französische Besatzung folgten Putschisten, Diktatoren und Invasoren, während die alten Kolonialherren das Land auspressten und astronomische Reparationen von der ersten freien Republik Lateinamerikas forderten. Die Freiheit erwies sich für Haiti als Fluch.

Die erhobenen Hände der Fliehenden in Port-au-Prince sollen den Gangs zeigen: Nicht schießen, wir sind nicht bewaffnet.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert galt das damalige „Saint Domingue“ als die blühendste Kolonie der Welt. Sie versorgte praktisch ganz Europa mit Kaffee und Zucker und warf mehr Profit als Brasilien, Mexiko und Peru ab. „Riche comme un créole“ (Reich wie ein Kreole) lautete ein Sprichwort im damaligen Paris. Der Reichtum basierte auf der gnadenlosen Ausbeutung der zumeist aus Nigeria und dem heutigen Benin nach Haiti verschleppten Sklavinnen und Sklaven.

Haiti ohne staatliche Strukturen, als Nährboden für Diktatoren

Nach dem langen Unabhängigkeitskampf traten die neuen Eliten das ideelle Erbe der alten an, die sie gerade vertrieben hatten. „Je suis là, je prends tout“ (Ich bin dran, ich nehme alles) war das Prinzip der Machthaber, angefangen beim gestürzten Kaiser Jacques I. 1804 über den Armenpriester Jean-Bertrand Aristide, der 2004 aus dem Präsidentenamt vertrieben wurde, bis zum ermordeten Jovenel Moïse.

Zwischen 1843 und 1915 regierten 22 Staatschefs die Republik, nur einer konnte sein Mandat beenden. 1915 besetzten die USA den Karibikstaat unter dem Vorwand, die anhaltenden Unruhen gefährdeten Leben und Eigentum ihrer Landsleute. Tatsächlich ging es Washington vor allem darum, seinen politischen Einfluss und ökonomische Interessen abzusichern. Erst nach 19 Jahren zogen die Besatzer wieder ab.

Aber die Strukturen blieben unverändert und ermöglichten die Duvalier-Erbdiktatur. Die fast dreißigjährige Gewaltherrschaft von François („Papa Doc“) und Jean-Claude („Baby Doc“) Duvalier zwischen 1957 und 1986 trug wesentlich zu Haitis Problemen bei. Die Diktatoren ließen durch ihre Privatarmee 60.000 Menschen töten, sie plünderten das Land aus, während Demokrat:innen und die Intelligenzia die Flucht ins Ausland antraten. (Klaus Ehringfeld)

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