Le-Pen-Urteil: Nicht das Ende der Rechtspopulisten in Frankreich
VonBabett Gumbrecht
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Das Gerichtsurteil gegen Marine Le Pen ist ein Schlag für Frankreichs Rechtsnationale. Experten sind jedoch der Meinung: Auch ohne sie wird die Bewegung stark bleiben.
Paris – Der Schuldspruch gegen Marine Le Pen wegen Veruntreuung trifft Frankreichs Rechtsnationale hart. Denn jetzt stellt sich die Frage, ob das Gericht auch Le Pens Kandidatur für die Präsidentschaftswahl blockiert. Dabei ist die Partei seit einer Weile beständig auf dem Vormarsch und im Parlament inzwischen so stark vertreten wie noch nie.
Den Le Pen hat die von ihrem kürzlich verstorbenen Vater Jean-Marie Pen gegründete rechtsextremistische Front National 2018 in Rassemblement National (RN) umbenannt und verzichtete auf allzu radikale Positionen, um die Partei auch für breitere Schichten der Bevölkerung wählbar zu machen. Bisher mit Erfolg. Nur das Gerichtsurteil kommt jetzt zu einem äußert ungünstigen Moment.
Fußfessel und Geldstrafe: Urteil für Le Pen hat Folgen für die Wahlen in Frankreich
Hintergrund: Le Pen ist in der Affäre um die mögliche Scheinbeschäftigung von Mitarbeitern im Europaparlament am Montag (31. März) schuldig gesprochen worden. Das Strafmaß sieht zwei Jahre Haft mit Fußfessel vor. Zwei weitere Jahre Haft setzte das Strafgericht in Paris zur Bewährung aus. Außerdem wurde eine Geldstrafe von 100.000 Euro verhängt. Hinzu kommt das Verbot, nicht bei Wahlen antreten zu dürfen. Dies gelte ab sofort für die Dauer von fünf Jahren, und zwar auch für den Fall, dass Le Pen in Berufung gehe.
Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss
Damit kann die rechtspopulistische Politikerin bei der Präsidentschaftswahl 2027 nicht kandidieren. „Es ist mein politischer Tod, der gefordert wird mit vorläufiger Vollstreckung, und das ist, glaube ich, von Anfang an das Ziel dieser Operation“, hatte Le Pen auf die Forderung der Anklage reagiert, sie sofort von der Wahl für politische Ämter auszuschließen.
Noch bevor die Vorsitzende Richterin das komplette Urteil und die vollständige Strafe gegen Le Pen verkündete, verließ die Politikerin den Gerichtssaal. Das Urteil kann angefochten werden. Es gilt gemeinhin aber als unwahrscheinlich, dass ein Berufungsprozess zu einem schnellen Ergebnis kommen würde.
Rassemblement National vorbereitet: Le Pens Nachfolger Bardella soll Partei in den Mainstream führen
Das Urteil könnte zwar das Ende der Le-Pen-Ära bedeuten, aber nicht das Ende der Rechtspopulisten in Frankreich insgesamt. Dafür gibt es laut dem Magazin Politico mehrere Gründe. Zum einen soll in der Partei bereits feststehen, wer Le Pens Nachfolger wird: der Präsident des RN, Jordan Bardella. Bardella könnte die Partei weiter in den Mainstream führen. Der bisherige Plan war eigentlich gewesen, dass bei einem Sieg Le Pens bei der Präsidentschaftswahl und einem Sieg ihrer Partei bei der nachfolgenden Parlamentswahl Bardella Premierminister geworden wäre. Ob Bardella nun für das Präsidentenamt kandidieren will, ist noch nicht bekannt. Klar ist aber: Er steht in den Startlöchern.
Ein weiterer Grund, warum die Partei nicht einfach von der Bildfläche verschwinden wird, ist die Verankerung des RN in der Gesellschaft und der französischen Politik. Selbst ohne Le Pen ist die Bewegung stark und bleibt nach wie vor die bedeutendste rechte Oppositionspartei Frankreichs. Bei der Europawahl im vergangenen Juni erhielt sie 31,4 Prozent der Stimmen und damit mehr als doppelt so viele Stimmen wie Macrons Ensemble, die zweitplatzierte Partei. Und bei den darauffolgenden vorgezogenen Wahlen wurde Le Pens Partei zur größten Fraktion in der Nationalversammlung.
Außerdem bleiben rechtspopulistische Themen wie Migration, Kriminalität und nationale Identität in Frankreich weiterhin relevant. Deswegen wird es nach den Analysten von Politico weiterhin viele Wähler geben, die nach einer politischen Kraft suchen, die diese Werte vertritt. Der RN hat sich als die führende Oppositionspartei etabliert und profitiert von der wachsenden Unzufriedenheit mit der aktuellen Regierung.
Nach Verurteilung: Ungarischer Regierungschef Orbán stellt sich hinter Le Pen
Kurz nach dem Urteil stellt sich der ungarische Regierungschef Viktor Orbán hinter Le Pen und sprach seine Unterstützung aus: „Ich bin Marine!“, erklärte Orbán kurz nach der Urteilsverkündung am Montag auf Französisch im Onlinedienst X (ehemals Twitter). Der Rechtsnationalist gilt als enger Verbündeter Le Pens und hatte sie in der Vergangenheit aufgerufen weiterzukämpfen, wie andere verurteilte „Patrioten“.
Le Pen selbst hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. „Ich habe nicht das Gefühl, die geringste Regelwidrigkeit, die geringste Rechtswidrigkeit begangen zu haben“, sagte sie im Prozess. Mit ihr wurden acht weitere Abgeordnete ihrer Partei im Europaparlament schuldig gesprochen, sowie 12 parlamentarische Assistenten. (bg/dpa/AFP)