Rückblick auf ihre Amtszeit

Linke-Chefin Wissler im Interview: Wagenknecht-Trennung „hätte früher erfolgen müssen“

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Linke-Chefin Janine Wissler blickt unter anderem auf den Umgang mit BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht zurück.
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Die scheidende Linken-Vorsitzende Janine Wissler über Attacken von Sahra Wagenknecht, eine klare Haltung in der Migrationspolitik und Ramelows Chancen in Thüringen. Ein Interview.

Frau Wissler, was war das erfreulichste Erlebnis Ihrer Amtszeit?

Die große Eintrittswelle der vergangenen Monate war das Schönste. Wir haben seit Oktober mehr als 8000 neue Mitglieder gewonnen und sind jetzt weit mehr Linke als vor der Abspaltung von Sahra Wagenknecht. Man hatte uns genau das Gegenteil vorhergesagt: dass wir deutlich Mitglieder verlieren.

Und was war das Frustrierendste?

Mitanschauen zu müssen, wie die eigene Partei von innen heraus demontiert und sturmreif geschossen wird, um eine konkurrierende Partei zu gründen. Besonders, dass wir das nicht unterbinden konnten. Mitzuerleben, wie die Glaubwürdigkeit der Partei von innen heraus angegriffen wurde, etwa mit der Behauptung, die Linke verträte die Arbeiter nicht mehr. Das hat uns geschwächt und viel Zustimmung gekostet.

Nun ist das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) aus dem Stand sehr viel stärker als die etablierte Linke. Wie konnte das geschehen?

Es ist eine neue Partei und damit auch eine Projektionsfläche. Mein Eindruck ist nach wie vor, dass eine Partei, die auf eine einzelne Person ausgerichtet ist, sich nicht langfristig halten wird.

Welchen Anteil hatten Sie daran, dass das nicht unterbunden werden konnte?

Die Trennung hätte früher erfolgen müssen. Ich habe zu lange daran festgehalten, die Einheit der Partei erhalten zu wollen. Das sage ich mit dem Wissen von heute. Das Problem ist schon 2021 entstanden, als die Listen für die Bundestagswahl aufgestellt wurden. Damals kamen zu viele Personen auf die Listen, die diese Linke eigentlich schon nicht mehr wollten. Da hätte man klarere Stoppschilder aufstellen müssen.

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Die Partei von Sahra Wagenknecht heißt wie sie. Das ist nur folgerichtig, denn der Name ist erst mal auch das Programm. Nach dem Eintritt in die DDR-Staatspartei SED 1989 war Wagenknecht über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Folgeparteien PDS und Die Linke. Die studierte Philosophin mit Doktortitel im Fach Wirtschaft ist ein gern gesehener Gast in den diversen Talkshows der TV-Sender. Nach jahrelangem Streit mit der Linken trat die Bestsellerautorin im Oktober 2023  aus und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an.
Die Partei von Sahra Wagenknecht heißt wie sie. Das ist nur folgerichtig, denn der Name „Bündnis Sahra Wagenknecht“ ist erst mal auch das Programm. Nach dem Eintritt in die DDR-Staatspartei SED 1989 war Wagenknecht über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Folgeparteien PDS und Die Linke. Die studierte Philosophin mit Doktortitel im Fach Wirtschaft ist ein gern gesehener Gast in den diversen Talkshows der TV-Sender. Nach jahrelangem Streit mit der Linken trat die Bestsellerautorin im Oktober 2023 aus und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an. © Imago
Amira Mohamed Ali hat zusammen mit Sahra Wagenknecht den BSW-Vorsitz inne. Die Rechtsanwältin, die 1980 in Hamburg geboren wurde, ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von November 2019 bis Oktober 2023 zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende der Linken. 2019 sprach sich die Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in einem Interview für offene Grenzen aus und lehnte Abschiebungen grundsätzlich ab. Im Jahr 2023 plädierte sie dafür, die (Wirtschafts-)Migration nach Deutschland zu begrenzen. Zudem sprach sie sich dafür aus, Asylverfahren zu beschleunigen und diese an der Außengrenze oder sogar in Drittstaaten durchzuführen.
Amira Mohamed Ali hat zusammen mit Sahra Wagenknecht den BSW-Vorsitz inne. Die Rechtsanwältin ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von November 2019 bis Oktober 2023 zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende der Linken. 2019 sprach sich die Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in einem Interview für offene Grenzen aus und lehnte Abschiebungen grundsätzlich ab. Im Jahr 2023 plädierte sie dafür, die (Wirtschafts-)Migration nach Deutschland zu begrenzen. Zudem sprach sie sich dafür aus, Asylverfahren zu beschleunigen und diese an der Außengrenze oder sogar in Drittstaaten durchzuführen. © Kay Nietfeld/dpa
Ein Coup ist die Einbindung von Thomas Geisel in das „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Am BSW-Gründungstag trat der frühere Oberbürgermeister von Düsseldorf aus der SPD aus. Von seiner Ex-Partei verabschiedete er sich mit den Worten, seine „sozialdemokratischen Grundsätze“ seien im BSW eher vertreten als in der SPD. Sein Wechsel sorgt bei seiner alten Partei für Kopfschütteln. Die NRW-SPD übte jedenfalls massive Kritik am Wechsel zur Wagenknecht-Partei. Geisel habe sich nach seiner Amtszeit verannt, sagte Generalsekretär Frederick Cordes dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit seiner Kandidatur stelle er sich selbst ins Abseits und lasse zu, dass auf seine erfolgreiche Amtszeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister fortan ein Schatten liegen werde.
Ein Coup ist die Einbindung von Thomas Geisel in das „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Am BSW-Gründungstag trat der frühere Oberbürgermeister von Düsseldorf aus der SPD aus. Von seiner Ex-Partei verabschiedete er sich mit den Worten, seine „sozialdemokratischen Grundsätze“ seien im BSW eher vertreten als in der SPD. Sein Wechsel sorgt bei seiner alten Partei für Kopfschütteln. Die NRW-SPD übte jedenfalls massive Kritik am Wechsel zur Wagenknecht-Partei. Geisel habe sich nach seiner Amtszeit verannt, sagte Generalsekretär Frederick Cordes dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit seiner Kandidatur stelle er sich selbst ins Abseits und lasse zu, dass auf seine erfolgreiche Amtszeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister fortan ein Schatten liegen werde.  © Stefan Zeitz/Imago
Neben Thomas Geisel ist Fabio De Masi einer der beiden BSW-Spitzenkandidat für die Europawahl 2024. De Masi, 1980 in Groß-Gerau geboren, ist das Kind eines italienischen Gewerkschaftsmitglieds und einer deutschen Sprachdozentin. Sein Großvater väterlicherseits war ein Partisan im Piemont, der für die Befreiung Italiens vom Faschismus kämpfte. Von 2005 bis 2014 war der Finanzpolitiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, unter anderem für Sahra Wagenknecht.
Neben Thomas Geisel ist Fabio De Masi einer der beiden BSW-Spitzenkandidaten für die Europawahl 2024. De Masi ist das Kind eines italienischen Gewerkschaftsmitglieds und einer deutschen Sprachdozentin. Sein Großvater väterlicherseits war ein Partisan im Piemont, der für die Befreiung Italiens vom Faschismus kämpfte. Von 2005 bis 2014 war der Finanzpolitiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, unter anderem für Sahra Wagenknecht.  © Roland Magunia/Imago
Der frühere Linken-Parteichef Klaus Ernst zählt ebenfalls zu Wagenknechts Verbündeten. Der Gewerkschafter aus Bayern ist davon überzeugt, dass auch ein Landesverband in Bayern erfolgreich sein wird. „Weil wir die Interessen der normalen Leute vertreten und nicht die Interessen der Klimakleber“, sagte er auf eine entsprechende Frage. Die Linke habe sich von ursprünglichen Zielen mehr und mehr entfernt. Als Liebhaber teurer Autos wird Ernst zuweilen als „Luxus-Linker“ oder „Porsche-Klaus“ bezeichnet.
Der frühere Linken-Parteichef Klaus Ernst zählt ebenfalls zu Wagenknechts Verbündeten. Der Gewerkschafter aus Bayern ist davon überzeugt, dass auch ein Landesverband in Bayern erfolgreich sein wird. „Weil wir die Interessen der normalen Leute vertreten und nicht die Interessen der Klimakleber“, sagte er auf eine entsprechende Frage. Die Linke habe sich von ursprünglichen Zielen mehr und mehr entfernt. Als Liebhaber teurer Autos wird Ernst zuweilen als „Luxus-Linker“ oder „Porsche-Klaus“ bezeichnet.  © Hendrik Schmidt/dpa
Zu den prominentesten Gesichtern des BSW gehört auch die Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen. Die Tochter kurdisch-alevitischer Eltern, deren Wahlkreisbüro in Bochum im Juli 2014 mit einem roten Hakenkreuz beschmiert wurde, gilt als eine der engsten Vertrauten von BSW-Chefin Sahra Wagenknecht. Für einen Eklat sorgte Dağdelen im Jahr 2017, als sie im Bundestag die Fahne der syrischen Kurdenmiliz YPG zeigte. Kritik zog sie auch mit ihrer Haltung zum Ukraine-Krieg auf sich, den sie in einem Gastvortrag als „Stellvertreterkrieg der Nato in der Ukraine“ bezeichnete. Genau wie Klaus Ernst unterzeichnete auch Dağdelen die Erklärung, die den USA eine maßgebliche Verantwortung für den russischen Angriff zuschreibt.
Zu den prominentesten Gesichtern des BSW gehört die Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen. Die Tochter kurdisch-alevitischer Eltern, deren Wahlkreisbüro in Bochum im Juli 2014 mit einem roten Hakenkreuz beschmiert wurde, gilt als eine der engsten Vertrauten von BSW-Chefin Sahra Wagenknecht. Für einen Eklat sorgte Dağdelen im Jahr 2017, als sie im Bundestag die Fahne der syrischen Kurdenmiliz YPG zeigte. Kritik zog sie auch mit ihrer Haltung zum Ukraine-Krieg auf sich, den sie in einem Gastvortrag als „Stellvertreterkrieg der Nato in der Ukraine“ bezeichnete. Genau wie Klaus Ernst unterzeichnete auch Dağdelen eine Erklärung, die den USA eine maßgebliche Verantwortung für den russischen Angriff zuschreibt. © Imago
Oskar Lafontaine ist einer der bekanntesten Politiker Deutschlands. Er war SPD-Chef, Kanzlerkandidat, Bundesfinanzminister – und schließlich Vorsitzender der Bundespartei der Linken. 2022 trat er aus der Linkspartei aus und war zunächst parteilos. Anfang 2024 schloss sich der Diplom-Physiker dann der Partei seiner Ehefrau Sahra Wagenknecht an.
Oskar Lafontaine ist einer der bekanntesten Politiker Deutschlands. Er war SPD-Chef, Kanzlerkandidat, Bundesfinanzminister – und schließlich Vorsitzender der Bundespartei der Linken. 2022 trat er aus der Linkspartei aus und war zunächst parteilos. Anfang 2024 schloss sich der Diplom-Physiker dann der neuen Partei seiner Ehefrau Sahra Wagenknecht an.  © Imago
Den Posten des Generalsekretärs hat im „Bündnis Sahra Wagenknecht“ der Bundestagsabgeordnete Christian Leye inne. Bis 2021 arbeitete er im Wahlkreisbüro von Sahra Wagenknecht. Politisch engagiert sich Leye für die Aufnahme von Geflüchteten. Im August 2018 plädierte er in einem Interview dafür, dass Kommunen sich freiwillig zur Aufnahme über die Quoten hinaus bereit erklären sollten: „Vor Europas Haustür ertrinken täglich Männer, Frauen und Kinder – das darf uns nicht gleichgültig sein.“
Den Posten des Generalsekretärs hat im „Bündnis Sahra Wagenknecht“ der Bundestagsabgeordnete Christian Leye inne. Bis 2021 arbeitete er im Wahlkreisbüro von Sahra Wagenknecht. Politisch engagiert sich Leye für die Aufnahme von Geflüchteten. Im August 2018 plädierte er in einem Interview dafür, dass Kommunen sich freiwillig zur Aufnahme über die Quoten hinaus bereit erklären sollten: „Vor Europas Haustür ertrinken täglich Männer, Frauen und Kinder – das darf uns nicht gleichgültig sein.“ © Imago
Jessica Tatti ist Parlamentarische Geschäftsführerin der konstituierten BSW-Gruppe im Bundestag. Laut Selbstauskunft ist die soziale Ungleichheit für sie der Motor ihrer politischen Aktivität. Tatti, die 1981 als Tochter sardischer Eltern in Marbach geboren wurde, ist Mitglied verschiedener Organisationen, darunter die Gewerkschaft ver.di, der Deutsche Mieterbund und der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, der in Kooperation mit Pro Asyl für die Rechte von Flüchtlingen eintritt. Seit Oktober 2017 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages.
Jessica Tatti ist Parlamentarische Geschäftsführerin der konstituierten BSW-Gruppe im Bundestag. Laut Selbstauskunft ist die soziale Ungleichheit für sie der Motor ihrer politischen Aktivität. Tatti, die 1981 als Tochter sardischer Eltern in Marbach geboren wurde, ist Mitglied verschiedener Organisationen, darunter die Gewerkschaft ver.di, der Deutsche Mieterbund und der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, der in Kooperation mit Pro Asyl für die Rechte von Flüchtlingen eintritt. Seit Oktober 2017 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages. © Alexander Gonschior/Imago
Andrej Hunko, der selbst ukrainische Wurzeln hat, widmet sich seit 2012 der Lage in der Ukraine. Unter anderem war er Mitglied von Wahlbeobachtungsdelegationen des Europarates bei den Parlamentswahlen 2012 und 2014. Zuletzt stellte er sich strikt gegen Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Ukraine. Das Land sei meilenweit davon entfernt, die politischen und ökonomischen Kriterien der Europäischen Union zu erfüllen, erklärte er zusammen mit Alexander Ulrich. „Ein Beitritt in diesem Jahrzehnt ist völlig unrealistisch.“ 2020 engagierte sich Hunko für die Freilassung des WikiLeaks-Gründers Julian Assange.
Andrej Hunko, der selbst ukrainische Wurzeln hat, widmet sich seit 2012 der Lage in der Ukraine. Unter anderem war er Mitglied von Wahlbeobachtungsdelegationen des Europarates bei den Parlamentswahlen 2012 und 2014. Zuletzt stellte er sich strikt gegen Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Ukraine. Das Land sei meilenweit davon entfernt, die politischen und ökonomischen Kriterien der Europäischen Union zu erfüllen, erklärte er zusammen mit Alexander Ulrich. „Ein Beitritt in diesem Jahrzehnt ist völlig unrealistisch.“ 2020 engagierte sich Hunko für die Freilassung des Wikileaks-Gründers Julian Assange.  © Uli Deck/dpa
Das frühere SPD-Mitglied Alexander Ulrich stand schon in der Linkspartei fest an der Seite von Sahra Wagenknecht. Im Sommer 2023 stellte er klar, was er von der Partei hielt. „Die Linke verkommt leider zu einer Sekte. Wir hoffen auf Sahra Wagenknecht.“ Der Bundestagsabgeordnete stammt aus Rheinland-Pfalz und ist Mitglied des Ältestenrates des Deutschen Bundestages.
Das frühere SPD-Mitglied Alexander Ulrich stand schon in der Linkspartei fest an der Seite von Sahra Wagenknecht. Im Sommer 2023 stellte er klar, was er von der Partei hielt. „Die Linke verkommt leider zu einer Sekte. Wir hoffen auf Sahra Wagenknecht.“ Der Bundestagsabgeordnete stammt aus Rheinland-Pfalz und ist Mitglied des Ältestenrates des Deutschen Bundestages. © Christoph Hardt/Imago
Auch die ehemalige Hamburger Linken-Chefin Zaklin Nastic hat sich dem „Bündnis Sahra Wagenknecht“ angeschossen. Der Austritt aus der Linken sei ihr nicht leichtgefallen, sagte Nastic im Oktober 2023. „Immerhin war diese Partei nicht nur viele Jahre meine politische Heimat, ich habe sie auch mit aufgebaut und als Landessprecherin vertreten und lange gegen ihren Niedergang gekämpft – leider ohne Erfolg.“ Nastic warf der Linken-Parteiführung vor, ihren politischen Kompass verloren und die Aufarbeitung der letzten Wahlniederlagen verweigert zu haben.
Auch die ehemalige Hamburger Linken-Chefin Zaklin Nastic hat sich dem „Bündnis Sahra Wagenknecht“ angeschossen. Der Austritt aus der Linken sei ihr nicht leichtgefallen, sagte Nastic im Oktober 2023. „Immerhin war diese Partei nicht nur viele Jahre meine politische Heimat, ich habe sie auch mit aufgebaut und als Landessprecherin vertreten und lange gegen ihren Niedergang gekämpft – leider ohne Erfolg.“ Nastic warf der Linken-Parteiführung vor, ihren politischen Kompass verloren und die Aufarbeitung der letzten Wahlniederlagen verweigert zu haben.  © Christoph Soeder/dpa
Stell­vertretender BSW-Vorsitzender ist Shervin Haghsheno. Der Bauingenieur ist Universitätsprofessor am Karlsruher Institut für Technologie. Dort leitet er als Geschäftsführender Direktor das Institut für Technologie und Management im Baubetrieb. Haghsheno wurde 1975 in Teheran geboren und ist seit 1985 in Deutschland zu Hause.
Stell­vertretender BSW-Vorsitzender ist Shervin Haghsheno. Der Bauingenieur ist Universitätsprofessor am Karlsruher Institut für Technologie. Dort leitet er als Geschäftsführender Direktor das Institut für Technologie und Management im Baubetrieb. Haghsheno wurde 1975 in Teheran geboren und ist seit 1985 in Deutschland zu Hause. © Frederic Kern/Imago
Jochen Flackus, der 1988 Büroleiter des damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine war, gehörte von 1974 bis 2008 der SPD an. Danach trat er der Partei Die Linke bei. Bei der Landtagswahl im Saarland 2017 erhielt er ein Mandat im Landtag des Saarlandes. Er war dort parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion, bevor er im März 2022 seinen Austritt aus der Linkspartei erklärte. Im Januar 2024 trat er dem „Bündnis Sahra Wagenknecht“ bei.
Jochen Flackus, der 1988 Büroleiter des damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine war, gehörte von 1974 bis 2008 der SPD an. Danach trat er der Partei Die Linke bei. Bei der Landtagswahl im Saarland 2017 erhielt er ein Mandat im Landtag des Saarlandes. Er war dort parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion, bevor er im März 2022 seinen Austritt aus der Linkspartei erklärte. Im Januar 2024 trat er dem „Bündnis Sahra Wagenknecht“ bei. © Imago
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ hat sich einiges vorgenommen. Die Partei will einen „politischen Neuanfang“ für die ganze Republik. Zu Wagenknechts Positionen gehören: Mehr sozialer Zusammenhalt, weniger Einwanderung in Deutschland und keine deutschen Waffen in die Welt, schon gar nicht in die Ukraine. Ist die Partei nun eher links oder eher rechts? Bei den Verantwortlichen will man sich da nicht festlegen (im Bild von links nach rechts: Thomas Geisel, Shervin Haghsheno, Amira Mohamed Ali, Sahra Wagenknecht, Christian Leye und Fabio De Masi).
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ hat sich einiges vorgenommen. Die Partei will einen „politischen Neuanfang“ für die ganze Republik. Zu Wagenknechts Positionen gehören: mehr sozialer Zusammenhalt, weniger Einwanderung in Deutschland und keine deutschen Waffen in die Welt, schon gar nicht in die Ukraine. Ist die Partei nun eher links oder eher rechts? Bei den Verantwortlichen will man sich da nicht festlegen (im Bild von links nach rechts: Thomas Geisel, Shervin Haghsheno, Amira Mohamed Ali, Sahra Wagenknecht, Christian Leye und Fabio De Masi). © Imago

In Thüringen scheint sogar ein Regierungsbündnis von CDU und SPD mit dem BSW möglich. Welche Rolle kann die Linke in Thüringen noch spielen, die dort bisher mit Bodo Ramelow den Ministerpräsidenten stellt?

In Thüringen kämpfen wir um das Amt des Ministerpräsidenten. Bodo Ramelow ist der beliebteste Politiker des Landes. Ich glaube, dass da noch viel möglich ist. Trotzdem wird das wohl keine einfache Regierungsbildung. Nicht dass ich besonders scharf auf eine Regierung mit der CDU wäre, aber es ist einigermaßen absurd, dass die CDU eine Regierung mit der Linken ausschließt, aber nicht mit dem BSW. Mir fehlt aber gerade die Fantasie, mir vorzustellen, wie das BSW in eine Landesregierung eintreten soll.

Hat die Linke programmatisch Nachholbedarf, etwa beim Thema Migration, bei dem sich das BSW klar von der Linken unterscheidet?

Wir werden auf keinen Fall den Wettlauf nach rechts mitmachen, an dem sich auch die Ampel-Parteien beteiligen. Was wir programmatisch zu tun haben, ist die Konkretisierung bestehender Positionen. Wir müssen aufzeigen, wie man die Bedingungen in den Kommunen verbessern, Zugänge zum Arbeitsmarkt erleichtern und legale Fluchtrouten schaffen kann. In der Haltung zu Migration und Asylrecht bleiben wir standhaft. Wir verteidigen das Asylrecht und die Menschenrechte. Wir reden nicht über Migration als die Ursache für Probleme, sondern über die reale Ursache: Das ist die ungerechte Verteilung von Reichtum und die Kluft zwischen oben und unten. Wir brauchen nicht noch eine Partei, die Flüchtlinge diskriminieren und stigmatisieren will und die das Asylrecht aushebelt. Dann wären wir keine linke Partei mehr.

Chronik eines Niedergangs

1989/90: Der Fall der Mauer am 9. November 1989 läutet das Ende der SED-Herrschaft in der DDR ein. Beim Parteitag im Dezember 1989 fällt die Entscheidung, die vormalige Einheitspartei als SED/PDS bestehen zu lassen.

1998: Bei der Bundestagswahl 1998 überspringt die PDS mit 5,1 Prozent erstmals die Fünf-Prozent-Hürde. 2002 scheitert sie jedoch und ist nur noch mit zwei direkt gewählten Abgeordneten im Bundestag vertreten.

2005-2009: Bei der Bundestagswahl 2005 verbündet sich die PDS mit der Sozialbewegung WASG im Westen. Als Linkspartei.PDS holt sie 8,7 Prozent. Es folgt die Gründung der Partei Die Linke 2007, der Einzug in zahlreiche Landesparlamente, darunter 2008 in Hessen mit der Abgeordneten Janine Wissler. 2009 holt Die Linke mit 11,9 Prozent ihr bestes Bundestags-Wahlergebnis.

Seit 2014 stellt die Linke den bis heute einzigen Ministerpräsidenten aus ihren Reihen, Bodo Ramelow.

2021 übernimmt Wissler die Parteispitze, erst mit Susanne Hennig-Wellsow, ab 2022 mit Martin Schirdewan. Die zunehmend zerstrittene Linke bleibt erstmals seit 2002 unter der Fünf-Prozent-Hürde, zieht aber dank dreier Direktmandate in Fraktionsstärke in den Bundestag ein.

2023: Der Zwist über Migrationspolitik und den Ukraine-Krieg mündet in eine Spaltung. Im Oktober 2023 tritt die ehemalige Fraktionschefin Sahra Wagenknecht aus der Linken aus, weitere Abgeordnete folgen ihr, die Linke verliert ihren Fraktionsstatus. 2024 gründet sie das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ (BSW). Bei der Europawahl im Juni 2024 erzielt das BSW 6,2 Prozent, die Linke nur 2,7 Prozent. pit

Die gesellschaftliche Stimmung ist in eine andere Richtung gekippt.

Ja, leider. Das kommt davon, wenn man rechten Forderungen nachgibt und sie umsetzt. Die griechische Küstenwache wirft an den Händen gefesselte Geflüchtete ins Meer und es gibt keinen öffentlichen Aufschrei. Die Bundesregierung äußert sich nicht, die EU-Kommission äußert sich nicht. Die Linke muss Haltung zeigen, auch wenn wir gegen den Strom schwimmen. Ich bin nicht politisch aktiv geworden, um Mehrheiten abzubilden, ich bin aktiv geworden, um Mehrheiten zu verändern.

Die Umverteilung scheint für viele Menschen nicht der zentrale Konflikt zu sein. Die Umverteilungskampagne der Linken hat nicht einmal in den eigenen Reihen gezündet. Woran liegt das?

Es ist in den letzten Jahren gelungen, von Verteilungsfragen abzulenken, etwa von Horst Seehofer, der Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet hat. Es sind nicht die Bürgergeld-Beziehenden und die Asylsuchenden, die den Lebensstandard der Normalverdienenden gefährden. Aber es ist gelungen, diesen Eindruck zu erwecken. Gleichzeitig haben viele Menschen nicht die Hoffnung, dass es gelingt, dass ihr Stück vom Kuchen wieder größer wird. Für viele sind eine Woche Urlaub oder ein Restaurantbesuch zum Luxus geworden. Wenn man auf die ungerechte Verteilung hinweist, darauf, wie viele Superreiche es in diesem Land gibt und dass die teuersten Flüchtlinge die Steuerflüchtlinge sind, dann antworten viele: Stimmt schon, aber an die kommen wir doch sowieso nicht ran.

Sie sind 2021 aus einer gut funktionierenden hessischen Landtagsfraktion in eine zerstrittene Bundespartei gegangen. Bereuen Sie das?

Bereut nicht, aber vermisst habe ich die Landtagsfraktion oft. Ich wusste, dass das hart wird als Parteivorsitzende, und hatte einen Heidenrespekt vor dieser Aufgabe. Gerade in einer solchen Krisenzeit.

Wie geht es für Sie weiter? Kandidieren Sie wieder für den Bundestag?

Ich kümmere mich jetzt erst mal um einen möglichst guten Übergang beim Parteivorsitz. Aber klar ist: Ich will weiter dafür kämpfen, dass die Linke stark wird.

Sehen wir Sie wieder häufiger in Frankfurt und Hessen?

Ja, klar. Ich bin Bundestagsabgeordnete für Hessen. Ich freue mich sehr darauf, mehr zu Hause in Frankfurt, mehr in Hessen zu sein. Ich verfolge natürlich auch, was in der Landespolitik passiert. Wenn ich mir anschaue, was die neue Landesregierung aus CDU und SPD so macht, ist eine linke Oppositionsstimme wirklich dringend notwendig.

Interview: Pitt von Bebenburg

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