Münchner Merkur vor Ort

„Magisches Dreieck“ gegen Putins „Baseballschläger“: Zuversicht aus Baltikum und Ukraine – aber auch Hürden

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In Vilnius erörtern Minister und Rüstungsunternehmen die Reaktion auf Russland. Die Augen richten sich auf Deutschland. Status: noch viel zu tun.

Vilnius – Europa will verteidigungsfähig werden – der Plan ist allerdings auch fast vier Jahre nach Russlands Vollinvasion in die Ukraine längst nicht vollendet. Hoffnung ruht mittlerweile just auf der angegriffenen Ukraine. Und auf drei ihrer entschlossensten Unterstützer, den baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland. In Vilnius war am Dienstag die Rede von einem „magischen Dreieck“ zwischen diesen Ländern und Deutschland. 

Lilia Slobodian und Darius Užkuraitis trafen den Münchner Merkur von Ippen.Media in Vilnius zum Interview.

In Litauens Hauptstadt gaben Minister und Vertreter der Rüstungsindustrie bei der „German-Baltic Defence Industry Conference” Einblicke in Pläne und Hürden. Der Münchner Merkur von Ippen.Media war vor Ort und sprach mit mehreren Protagonisten aus Litauen, Estland und der Ukraine. Greifbar war dabei: Rüstung ist in unsicheren Zeiten wieder ein zentrales Thema. Und zugleich ein Geschäft. Mit eigenen (staatlichen) Logiken, die noch nicht in allen Belangen in der neuen Zeitrechnung angekommen sind. Aber auch mit einem Ringen um die neuen Geldtöpfe.

„Russland ist mit Baseball-Kappe und -Schläger in dieses Duell gezogen“

Eines der Kernprobleme ist in Deutschland zu spüren: 100 Milliarden Euro Sondervermögen sind seit Jahren beschlossen – die Auswirkung in der Praxis scheint bislang überschaubar. Auch, weil viele Rüstungsprojekte in Planung und Anschaffung Jahre brauchen. „Putin wird nicht warten“, räumte Außen-Staatsminister Florian Hahn (CSU) in Vilnius ein. Und trotzdem richten sich auch im Ausland viele Blicke auf Deutschland, wie Estlands Verteidigungsminister Hanno Pevkur unserer Redaktion sagte. Man müsse flexibel handeln, riet er der Bundesregierung im Interview.

Einen Grund für Deutschlands Sonderrolle nannte Lilia Slobodian, zuständig für Internationale Kooperation beim ukrainischen Rüstungswirtschafts-Verband „Tech Force in UA”: Die Ukraine habe „die Innovationen und die Erfahrung“ und ungenutzte Produktionskapazitäten, meinte sie – Deutschland aber habe „das Geld“. Es wäre ein „historischer Fehler, die Ukraine nicht zu integrieren“, mahnte der EU-Verteidigungskommissar, der Litauer Andrius Kubilius, in seiner Grußbotschaft an die Konferenzteilnehmer. Die einzigen kampferprobten Armeen in Europa seien die ukrainische – und die russische. 

Von Taurus bis Leopard – die Waffensysteme der Bundeswehr im Überblick

Die Bundeswehr ist zu See, an Land und in der Luft mit verschiedenen Waffensystemen präsent.
Marine, Heer und Luftwaffe können auf ein breites Angebot an militärischem Arsenal zurückgreifen. Wir zeigen in dieser Fotostrecke eine Auswahl. © dpa (3) / Boris Roessler / Moritz Frankenberg / Bernd von Jutrczenka
Ein Startfahrzeug eines Patriot-Luftabwehrsystems der Bundeswehr. (Symbolfoto)
Patriot (MIM-104): Weitreichendes Flugabwehrraketensystem zur Abwehr von Flugzeugen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Bekämpfungsreichweite ca. 68 Kilometer, kann mehrere Ziele gleichzeitig erfassen und bekämpfen. © IMAGO / Schöning
Ein Flugabwehrsystem Skyranger 35 von Rheinmetall, in diesem Fall auf einem GTK Boxer als Waffenplattform.
Ein Flugabwehrsystem Skyranger 35 von Rheinmetall, in diesem Fall auf einem GTK Boxer als Waffenplattform – es kombiniert Kanone und Boden-Luft-Raketen und ist spezialisiert auf Drohnenabwehr. © IMAGO / Zoonar
Die Fregatte F 222 Baden-Württemberg nimmt an der multinationalen Formationsfahrt teil auf dem Transit im Ostchinesischen Meer im Rahmen des Indo-Pacific Deployment, am 11.09.2024.
Die Fregatte „Baden-Württemberg“ ist das Typschiff der modernen F125-Klasse der Deutschen Marine und wurde für langandauernde, weltweite Einsätze mit geringer Besatzung konzipiert. Sie zeichnet sich durch hohe Automatisierung, vielseitige Einsatzmöglichkeiten und eine besondere Eignung für Stabilitätsmissionen und Kriseninterventionen aus. © Bundeswehr/Leon Rodewald
Ein Tornado-Kampfflugzeug startet während der Übung „Baltic Hunter 2023“ vom Flugplatz des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 „Steinhoff“ in Rostock-Laage.
Der Tornado ist ein zweistrahliges Mehrzweckkampfflugzeug, das von Deutschland, Großbritannien und Italien entwickelt wurde und seit den 1980er Jahren vor allem für Tiefflugangriffe, Aufklärung und elektronische Kampfführung eingesetzt wird. Er bleibt trotz seines Alters ein wichtiger Bestandteil der Luftwaffe, insbesondere als Träger für die nukleare Teilhabe und spezialisierte Aufgaben. © Jens Büttner/dpa
Kampfpanzer Leopard 2A7 der Bundeswehr (vorne) bei einer Übung mit einem Puma-Schützenpanzer (hinten). (Archivfoto)
Der Leopard 2 ist ein deutscher Kampfpanzer, der seit 1979 das Rückgrat der Panzertruppe bildet und als Hauptwaffensystem der Bundeswehr sowie vieler Nato-Staaten gilt. Er vereint hohe Feuerkraft durch seine 120-mm-Glattrohrkanone, starken Panzerschutz und außergewöhnliche Beweglichkeit und ist speziell für den Kampf gegen gegnerische Panzerverbände konzipiert. © IMAGO/Björn Trotzki
Infanterist der Zukunft der Bundeswehr ausgestattet u.a. mit Panzerfaust 3.
Die Panzerfaust 3 ist eine moderne, tragbare Panzerabwehrwaffe der Bundeswehr, die mit einem Mehrfachscharfschuss-System und einem hochentwickelten Gefechtskopf ausgestattet ist, um gut geschützte Fahrzeuge zu bekämpfen. Sie bietet eine hohe Präzision, Reichweite von bis zu 600 Metern und kann sowohl gegen gepanzerte Fahrzeuge als auch gegen befestigte Ziele eingesetzt werden. © Björn Trotzki/imago
Drohne "Luna"
„Luna“ ist ein unbemanntes Aufklärungsdrohnensystem der Bundeswehr, das zur Echtzeitüberwachung und Zielaufklärung auf dem Gefechtsfeld eingesetzt wird. Mit einer Reichweite von bis zu 100 Kilometern liefert die „Luna“-Drohne Bild- und Videodaten zur Unterstützung von Einsatzkräften. © dpa
Wuchtig: Eine Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr.
Die Panzerhaubitze 2000 ist ein selbstfahrendes Artilleriegeschütz der Bundeswehr mit einer 155-mm-Kanone, das Reichweiten von 30 Kilometern mit Standard- und bis zu 40 Kilometern mit reichweitengesteigerter Munition erzielt. © IMAGO / Sven Simon
Am 28.02.22 lief das Minenjagdboot Dattelnzur Verstärkung der NATO-Nordflanke aus.
Das Minenjagdboot „Datteln“ ist Teil der Frankenthal-Klasse (Klasse 332) der Deutschen Marine und spezialisiert auf das Aufspüren und Beseitigen von Seeminen. Es nimmt regelmäßig an internationalen Nato-Einsätzen und Übungen teil und trägt so zur Sicherung von Seewegen bei. © Presse- und Informationszentrum Marine
Soldaten bei der Waffen- und Geräteausbildung mit einem Gewehr (Archivfoto aus dem Jahr 2005).
Das G36 ist seit 1997 das Standard-Sturmgewehr der Bundeswehr und zeichnet sich durch sein geringes Gewicht, die modulare Bauweise und die einfache Handhabung aus. Es verfügt über eine Feuerrate von etwa 750 Schuss pro Minute und ist mit einem integrierten Optiksystem ausgestattet. Es wird schrittweise durch das modernere G95 ersetzt. © dpa
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Die Bundeswehr nutzt aktuell die Pistole P8 als Standarddienstpistole im Kaliber 9 x 19 mm, plant jedoch deren Ablösung durch die modernere P13. Für Spezialkräfte werden bereits die neuen Walther P14 und P14K eingeführt, die speziell auf deren Anforderungen zugeschnitten sind. (Symbolfoto) © dpa (Symbolbild)
Bundeswehr in Hamburg
Der Wiesel ist ein leicht gepanzertes, luftverlastbares Kettenfahrzeug der Bundeswehr, das vor allem bei Fallschirmjägern und Spezialkräften im Einsatz ist. Es existiert in verschiedenen Varianten, etwa mit 20-mm-Maschinenkanone oder Panzerabwehrlenkwaffen, und bietet hohe Mobilität bei geringem Gewicht. © Markus Scholz/dpa
Von Kiew schon lange angefragt: der Taurus-Marschflugkörper aus Deutschland.
Der Taurus ist ein hochpräziser, weitreichender Marschflugkörper, der von Deutschland und Schweden entwickelt wurde und vor allem zur Bekämpfung stark geschützter Bodenziele aus großer Entfernung eingesetzt wird. Mit einer Reichweite von über 500 Kilometern und modernster Zielerfassungstechnologie ermöglicht der Taurus präzise Angriffe bei minimalem Risiko für das Trägerflugzeug. © IMAGO / Political-Moments
Deutsches Flugabwehrsystem Iris-T
Das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM. Es dient der Abwehr von Flugzeugen, Hubschraubern, Marschflugkörpern und Drohnen. Seit 2024 in der Bundeswehr eingeführt. © Wolfgang Kumm/dpa
Korvette läuft zu EU-Einsatz vor Libyen aus
Die Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ ist ein modernes Kriegsschiff der Braunschweig-Klasse der Deutschen Marine, das vor allem für Küstenüberwachung, Aufklärung und Schutzaufgaben eingesetzt wird. Sie ist mit einem 76-mm-Geschütz, Flugabwehrraketen und Seezielflugkörpern bewaffnet und zeichnet sich durch hohe Wendigkeit und moderne Sensorik aus. © picture alliance / dpa
Mit dieser Ausrüstung kämpft unsere Bundeswehr
Der Mungo ist ein leicht gepanzertes Mehrzweckfahrzeug der Bundeswehr, das speziell für den schnellen Transport von Soldaten und Material, insbesondere für Spezialkräfte, entwickelt wurde. Aufgrund seiner kompakten Bauweise und Luftverlastbarkeit eignet sich der Mungo besonders für Einsätze in schwierigem Gelände und bei schnellen Operationen. © Quelle: Bundeswehr
PIONIERPANZER DACHS: Der Panzer ist ein Arbeitsgerät der Pioniere und basiert auf dem Fahrgestellt des Leopard 1. Mit seinem Teleskoparmbagger errichtet er Ein- und Ausfahrten sowie Zu- und Abfahrten an Gewässerübergangsstellen und macht den Gewässergrund befahrbar. Außerdem dient er zum Anlegen und Beseitigen von Hindernissen und Sperren auf dem Gefechtsfeld. TECHNISCHE DATEN: Motorleistung: 610 kW (830 PS); Gewicht: ca. 43 t; Baggerleistung: ca. 140 Kubikmeter/h
Der Pionierpanzer Dachs ist ein spezialisiertes Unterstützungsfahrzeug der Bundeswehr, das auf dem Leopard-1-Fahrgestell basiert und für Aufgaben wie Baggern, Räumen und Bergen eingesetzt wird. Ausgestattet mit Baggerarm, Räumschild und Seilwinde ermöglicht er Pionieren das Überwinden von Hindernissen und das Befahrbarmachen von Wegen unter Gefechtsbedingungen. © Quelle: Bundeswehr
Ein Raketenwerfer MARS II steht in der Alb-Kaserne.
Der MARS II ist das moderne Raketenartilleriesystem der Bundeswehr, das präzisionsgelenkte Raketen mit Reichweiten von bis zu 84 Kilometern abfeuern kann. Es basiert auf dem amerikanischen MLRS M270, bietet hohe Feuerkraft und Flexibilität und wird vor allem zur Unterstützung von Bodentruppen eingesetzt. © Sebastian Gollnow/dpa
Die Eurofighter sind beeindruckende Kampfjets. Zahlreiche westliche Armeen haben sie in ihrem Bestand. Fotos lassen erahnen, welche technischen Fähigkeiten sie haben.
Der Eurofighter Typhoon ist ein Mehrzweckkampfflugzeug europäischer Herkunft, das durch seine hohe Wendigkeit und vielseitige Bewaffnung sowohl Luftüberlegenheits- als auch Präzisionsangriffe ermöglicht. Er bildet das Rückgrat der Luftwaffen mehrerer europäischer Staaten und ist für Luftverteidigung, Begleitschutz sowie internationale Einsätze ausgelegt. © dpa
U-Boot der Klasse U212A
Die U-Boote der Klasse 212 A sind das Rückgrat der deutschen Marine und zählen zu den modernsten konventionellen U-Booten weltweit. Dank ihres außenluftunabhängigen Brennstoffzellenantriebs sind sie besonders leise, ausdauernd und schwer zu orten, was sie ideal für Aufklärungs- und Spezialoperationen macht. (Symbolfoto)  © picture alliance / Daniel Reinhardt/dpa
Die Bundeswehr in Afghanistan: Von dem Ausspäh-Programm "Prism" wußten die Deutschen angeblilch schon seit 2011.
Der Dingo ist ein gepanzertes Allschutz-Transport-Fahrzeug (ATF) der Bundeswehr, das vor allem für Patrouillen- und Konvoifahrten in gefährlichen Einsatzgebieten entwickelt wurde und durch hervorragenden Minen- und ballistischen Schutz vielen Soldaten das Leben gerettet hat.  © picture alliance / dpa
Bundeswehr
Das MANTIS, ehemals auch Nächstbereichschutzsystem C-RAM (NBS C-RAM), ist ein stationäres Luft-Nahbereichs-Flugabwehrsystem (engl. Short Range Air Defense, kurz SHORAD). Neben den klassischen Zielen der Flugabwehr, wie Flugzeuge und Hubschrauber, kann es sowohl gegen kleine Ziele wie Drohnen/UAVs und Lenkwaffen als auch gegen sogenannte RAM-Ziele (Raketen, Artilleriegeschosse und Mörser) eingesetzt werden. © Bundeswehr
Wiesbaden Army Airfield
Der Kampfhubschrauber Tiger ist ein deutsch-französischer, zweisitziger Mehrzweckhubschrauber der Bundeswehr, der für Panzerabwehr, Luftnahunterstützung und Aufklärung konzipiert wurde. Er ist mit modernen Waffen wie Panzerabwehrlenkraketen, Maschinengewehren und Luft-Luft-Raketen ausgestattet ist. Die Bundeswehr plant, den Tiger bis 2032 aus der Nutzung zu nehmen und schrittweise durch leichtere Kampfhubschrauber zu ersetzen. © Andreas Arnold/dpa
Militärische Fahrzeuge im Norden von Sachsen-Anhalt
Der Schützenpanzer Marder war über Jahrzehnte das Standardfahrzeug der Panzergrenadiertruppe der Bundeswehr und gilt als bewährtes, wendiges und feuerkräftiges Waffensystem. Mit seiner 20-mm-Bordmaschinenkanone, Panzerabwehrlenkwaffen und moderner Nachtsichttechnik bot er den Panzergrenadieren Schutz, Mobilität und vielseitige Einsatzmöglichkeiten – sowohl im Kalten Krieg als auch bei Auslandseinsätzen, etwa in Afghanistan. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Symbolbild: Das Panzergrenadierbataillon 112 ist mit dem Schützenpanzer Puma auf dem Weg in die Letzlinger Heide zum Gefechtsübungszentrum Heer, am 12.02.2024.
Der Puma ist der modernste Schützenpanzer der Bundeswehr und ersetzt schrittweise den Marder. Er bietet eine hochmoderne Kombination aus starker Bewaffnung, umfassendem Schutz und digitaler Vernetzung, wodurch er optimal auf die Anforderungen moderner Gefechtsführung und die Zusammenarbeit mit dem Kampfpanzer Leopard 2 ausgelegt ist. © Bundeswehr/Julia Dahlmann
Tag der Bundeswehr 2024
Der CH-53 ist der größte und schwerste Transporthubschrauber der Bundeswehr und seit 1975 im Einsatz, vor allem für den schnellen Transport von Personen, Material und bei Katastrophenhilfe sowie in Auslandseinsätzen wie Afghanistan und Mali. Aufgrund seines Alters und steigender Wartungsprobleme soll der CH-53 bis 2030 durch den moderneren CH-47F Chinook ersetzt werden. © Frank Hammerschmidt/dpa

Und doch: Bei Exporten aus der Ukraine in die EU stoße man auf Probleme, sagte Slobodian. Die Gegenüber aus der EU verwiesen oft auf etablierte Standards für Testung und Beschaffung. In der Ukraine arbeite man unter einer anderen „Dringlichkeit“. Sie bezweifle, ob man ohne diese Geisteshaltung in der EU den nötigen Drive bekomme, um sich ernsthaft gegen gleichermaßen ernsthafte Bedrohungen zu rüsten.

In drastische Worte kleidete Karolis Žemaitis eine weitere Lehre aus dem Ukraine-Krieg: Europa sei es aus dem Kalten Krieg gewohnt, nahezu perfekte Ware zu nutzen, sagte der Litauen-Geschäftsführer des estnischen Raketenherstellers Frankenburg Industries. Russland aber sei mit „Gopnik-Mütze und Baseballschläger in diesen Kampf gezogen“. Der Gopnik ist die Klischee-Kopfbedeckung russischer Halbweltgestalten. „Halb Europa steht noch im edlen Musketier-Zwirn da und erwartet ein Gentlemen-Duell“, rügte Žemaitis. Der neue Krieg sei teils „billig“, darauf müsse man sich einstellen. Mit Waffen, die nicht Perfektionskriterien, sondern ihren Zweck erfüllen – etwa den, Shahed-Drohnen abzuschießen, ohne dafür unverhältnismäßige Summen zu investieren. Diese Problematik ist der NATO in Polen bereits widerfahren.

Litauischer Ex-Militär schildert „Henne-Ei-Problem“ bei der Rüstung

Teils aber gibt es noch grundlegendere Startschwierigkeiten, wie mehrere Diskussionsteilnehmer beklagten und der langjährige hochrangige litauische Militär und NATO-Funktionär Darius Užkuraitis dem Münchner Merkur von Ippen.Media bestätigte. Es gebe ein „Henne-Ei-Problem“, sagte Užkuraitis, der mittlerweile den litauischen Verband der Rüstungsindustrie LDSIA berät: „Ohne langfristige Verträge mit der Regierung bekommen Unternehmen keine Bankdarlehen für Forschung und Entwicklung.“ Ein Rüstungshersteller könne seine Produkte eben nicht ersatzweise an Supermärkte oder Autobauer verkaufen.

Die „German-Baltic Defence Industry Conference“

Die Deutsch-Baltische Handelskammer hatte zum zweiten Mal zum Treffen geladen. Offizielles Ziel: „Verteidigung durch deutsch-baltische Unternehmenskooperation stärken.“ Laut Organisator Florian Schröder waren gut 90 deutsche Firmen vor Ort und eine ähnlich hohe Zahl Unternehmen aus Litauen, Lettland und Estland – dazu einige Vertreter aus der Ukraine und den Regierungen. Unterstützt hat die Veranstaltung die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung.

Die Politik aber „fürchte”, an Aufträge gebunden zu sein, „wenn Russland plötzlich kapituliert“ – und „kille” damit kleinere, einheimische Unternehmen. Riesen wie Rheinmetall könnten zwar auf eigene Rechnung forschen. Auch sie benötigten aber Zulieferer, so Užkuraitis. Die seien wiederum auf Planungssicherheit angewiesen. Der estnische Minister Pevkur warnte in Vilnius aber auch: Wettbewerb belebe das Geschäft – und es schade ebenso, wenn ein neuer Player seine Innovationen nicht umsetzen könne, weil die Gelder bereits langfristig vergeben seien. Er mahnte die Industrie: „Die Menschen in unseren Ländern erwarten nicht, dass die Preise steigen, sondern dass wir neue Fähigkeiten für dieses Geld bekommen.“

Ein Praxis-Beispiel für die Suche nach „neuen Fähigkeiten“: Lettland. Der Flugverkehr im Land wurde wie zuletzt schon der Nachbar Litauen Opfer von einfliegenden Schmuggler-Ballons aus Belarus gestört. Dagegen gebe es „no Wunderwaffe”, sagte Lettlands parlamentarische Verteidigungs-Staatssekretärin Liene Gātere halb deutsch, halb englisch, auf dem Podium. An Willen oder Fähigkeiten mangele es nicht. Die große Frage sei aber, ob und wie man sich schnell genug auf immer neue Bedrohungen – meist aus Russland und Belarus – einstellen könne. Vielstimmig forderten die Debattenteilnehmer beispielsweise „Drohnen-Ökosysteme”, also wandelbare Produktionsrahmen für ständig neue Innovationen.

KI soll helfen, „wenn man Menschenleben einen Wert beimisst“ – anders als Putin

Ein eher düsteres Teil-Fazit zog Artis Pabriks, früherer Verteidigungs- und Außenminister Lettlands und mittlerweile Chef des lettischen Verbands für Rüstungs-, Drohnen- und Robotikindustrie. Die „Drohnenwand” der EU etwa sei schon vor ihrer Fertigstellung teils wieder „veraltet”, sagte er: „Denn Drohnen können nicht nur irgendwo an der Grenze auftauchen, sondern auch genau hier”, betonte er: „Sorry, liebe Freunde bei der Kommission, eigentlich bräuchten wir einen Drohnen-Dome.”

Karolis Žemaitis, Vincas Jurgutis, Artis Pabriks, Moderator Julius von Freytag-Loringhoven und Stanislaw Gryschyn (v.re.) in einem Konferenz-Panel in Vilnius.

Sowohl Gātere als auch Pabriks hatten zumindest einen Lösungspfad parat: Testen – und dabei notfalls scheitern. „Sonst geht man eben zum nächsten Versuch über“, sagte Gātere. Hier könnten die Balten eine zentrale Rolle spielen: als sicherer Raum für Testgelände und Zertifizierung. In relativer Nähe zur Ukraine. Hier könnte der Test aber auch schon reale Züge annehmen. Stichwort Ballons. „Ich möchte Sie nicht dazu drängen, diese Schmugglerballons abzuschießen”, sagte Slobodian auf dem Podium. „Ich möchte nur zu bedenken geben: Was wird sein, wenn diese Ballons eine andere Fracht als Zigaretten tragen?“

Eine größere Rolle dürfte auch KI spielen, hieß es zudem – insbesondere wenn man, anders als Wladimir Putins Russland, Menschenleben einen Wert beimesse. Ein Hauptziel Russlands an der Front seien Drohnenpiloten, sagte Stanislaw Gryschyn, Drohnen-Unternehmer und einst selbst in einer Drohneneinheit im Kriegseinsatz. KI könne helfen, große Geschwader mit wenigen Menschen zu lenken. Die Ukraine arbeitet daran. Und misst den Erfolg (und Misserfolg) ihrer Drohnenmodelle täglich, wie Gryschyn berichtete. Bis auch die EU-Armeen und -Rüstungshersteller solche tagesaktuellen Erkenntnisse unmittelbar weiterverarbeiten können, ist wohl noch Arbeit zu tun. (Aus Vilnius berichtet Florian Naumann)

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