Ungewöhnliche Lehre des Ukraine-Kriegs: Warum Estland – vorübergehend – auf viele Wehrpflichtige verzichtet
VonFlorian Naumann
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Das kleine Estland gilt als Vorbild bei der Verteidigung. Verteidigungsminister Hanno Pevkur äußert sich im Interview auch zu den deutschen Bemühungen.
Vilnius – Die baltischen Staaten gelten spätestens seit dem Ukraine-Krieg als Vorreiter bei der Rüstung: Die Budgets sind schon lange hoch, die Unterstützung für die Ukraine aus Litauen, Lettland und Estland ist entschlossen. Im Gespräch mit unserer Redaktion rügte der estnische Verteidigungsressortchef Hanno Pevkur den ursprünglichen „Friedensplan“ der USA. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media erklärt er auch, wie Estland Lehren aus der Ukraine für sich nutzt.
Bei dem Treffen am Rande der „German-Baltic Defence Industry Conference“ in Vilnius erklärte Pevkur einen überraschenden Schritt: Estland wird vorübergehend die Zahl seiner Wehrpflichtigen reduzieren. Pevkur erläutert auch, wie sein Land auf ein doppeltes Problem reagiert – Luftraumverletzungen durch Russland und ausbaufähige Luftverteidigung – und wie es auf die Rüstungsbemühungen Deutschlands blickt.
Estland und die Wehrpflicht: „Dann fehlt dafür die Zeit“
Herr Minister, lassen Sie uns auf die Militärausgaben blicken. Es gibt nun vielerorts in Europa und der NATO große Budgets und noch größere Pläne – aber wird das Geld aus Ihrer Sicht auch sinnvoll investiert?
Nun, das hängt vom jeweiligen Land ab. Wir in Estland haben bereits viele Verträge unterschrieben – wir haben sogar schon vor zwei Jahren begonnen, langfristige Verträge zu unterzeichnen, zum Beispiel über Munition für neue Systeme. Und wir machen damit laufend weiter. Etwa für ein weitreichendes Multiraketen-System zur Erneuerung unserer Marine-Flotte. Also da ist viel auf dem Weg. Aber das muss jedes Land für sich beantworten.
Viel wird davon gesprochen, Lehren aus dem Ukraine-Krieg zu ziehen. Wie machen Sie das ganz praktisch?
Wir justieren jeden Tag nach. Wir haben zum Beispiel an der Entwicklung in der Ukraine sehr deutlich gesehen, dass wir das Training und die Ausbildung unserer Soldaten anpassen müssen. Wir haben ja eine Wehrpflicht – im kommenden Jahr werden wir die Zahl der Wehrpflichtigen deutlich reduzieren. Damit wir unsere Ausbilder neu schulen können. Im Gegenzug fangen wir 2027 mit einem komplett neuen Ausbildungsprozess an.
Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken
Ich sage gar nicht, dass unsere Ausbildung schlecht ist, überhaupt nicht. Aber wir müssen eben die Ausbilder neu aufstellen. Und wenn man kontinuierlich weitere Wehrpflichtige rekrutiert, dann fehlt dafür die Zeit.
Betreffen Estlands Lehren aus dem Ukraine-Krieg auch das Material?
Wir fokussieren uns mehr auf Drohnen und stärker weitreichende Waffen, mit denen „tiefe“ Schläge möglich sind. Wir fokussieren uns stärker auf Zielerfassung. Da sind Lehren aus der Ukraine schon in unsere Pläne eingeflossen.
Estlands Antwort auf Luftraumverletzungen aus Russland – und ein sachter Fingerzeig für Merz
Zunächst mal muss man verstehen, dass die Lage im Krieg und in Friedenszeiten natürlich eine völlig andere ist. Im Krieg ist der Luftraum geschlossen. Alles, was fliegt und nicht freundlich gesinnt ist, kann man direkt abschießen. In Friedenszeiten muss man herausfinden, um was für Flugobjekte es sich handelt. Man kann nicht den Drachen eines Vaters und seines kleinen Sohnes abschießen. Und man muss im Auge behalten, dass es Kollateralschäden geben kann – was wir ja auch in Polen erlebt haben.
Und wie reagieren Sie auf diese Herausforderung?
Wir rüsten unser System nach. Wir haben neue Radarsysteme gekauft, wir haben Drohnen gekauft und werden das weiter tun. Wir haben auch schon eigene Abfangdrohnen getestet. Wir kaufen Luftverteidigung mit mittlerer Reichweite und schauen uns die Optionen bei ballistischer Luftverteidigung (raketengestützt; Anm. d. Red.) an. Luftverteidigung ist für uns enorm wichtig.
Bei der Frage, wo man investiert, braucht es auch Flexibilität.
All das hat vorrangig mit Bedrohungen aus Russland und Belarus zu tun. Deutschland hat sehr lange gezögert, diese anzuerkennen – wie blicken Sie in dieser Frage auf den Kurs der aktuellen Bundesregierung?
Zunächst einmal ist jede Regierung die Nachfolgerin der vorigen Regierung … Aber es ist gut zu sehen, dass das deutsche Verteidigungsbudget so schnell wächst. Soweit ich es verstehe, soll es nächstes Jahr bei 100 Milliarden Euro liegen. Aber wir wissen auch: Wenn man so viel Geld parat hat, muss es erstmal irgendwo absorbiert, aufgenommen werden. Da muss man sehen, wohin es fließt. Personal? Ausstattung? Einige Systeme wie U-Boote oder Fregatten brauchen sehr lange in der Produktion. Bei der Frage, wo man investiert, braucht es auch Flexibilität.
Wie lautet also Ihr Fazit mit Blick auf Deutschland?
Insgesamt freue ich mich sehr, zu sehen und zu hören, dass Kanzler Friedrich Merz das Ziel hat, die Bundeswehr zur stärksten Armee in Europa zu machen. Ich glaube, das ist das richtige Ziel – denn Deutschland ist auch ein Anführer in Europa. (Interview: Florian Naumann)