Nova-Festival: Hamas-Angriffsziel heute einer der meistbesuchten Orte Israels
VonMaria Sterkl
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Das Gelände des Nova-Festivals im Süden Israels ist einer der meistbesuchten Orte des Landes. Eine Gedenkstätte erinnert an die Opfer vom 7. Oktober 2023.
Reim – Zwei junge Frauen mit rosa Schirmkappen schlendern in der Mittagshitze durch einen Wald von Gedenktafeln. Jede Tafel zeigt einen jungen, strahlenden Menschen. Es sind Hunderte solcher Portraits, und die darauf Abgebildeten haben eines gemeinsam: Sie alle kamen am 6. Oktober 2023 hier, im staubigen Süden Israels, zusammen, um bis zum Morgen zu tanzen – oder rund um die tanzende Menge ihr Geld zu verdienen.
Und sie alle fanden den Tod, als die Terroristen der Nukhba früh am 7. hier einfielen und ein Blutbad anrichteten. 364 Menschen kamen hier ums Leben. Damit ist das Nova-Festivalgelände nahe des Kibbuz Reim von allen Schauplätzen des Massakers des 7. Oktober jenes mit der höchsten Zahl an Todesopfern. Heute erinnert die Gedenkstätte an die Opfer. Jedem und jeder Ermordeten und Verschleppten sind Foto und Text gewidmet, am Fuß jeder Tafel haben Künstlerinnen Anemonen aus Keramik angebracht.
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Nova-Gelände in Israel wird zur Gedenkstätte des Hamas-Terrors vom 7. Oktober
„Früher kamen die Touristen im Frühling in diese Gegend, weil es hier überall rot blühte“, erklärt Ofir, ein Fremdenführer, der mit einer Gruppe Touristen aus Tel Aviv angereist ist. Heute steht das Rot der Anemonen für das Blut der Ermordeten – und die Tourist:innen kommen längst nicht mehr der blühenden Landschaft wegen, sondern um den Ort des Massakers zu besuchen. Kaum ein Ort in Israel zieht pro Tag mehr Besucher:innen an als das Nova-Gelände: Im Schnitt sind es 7000 Besucher pro Tag, 200.000 im Monat. Dieser Ort, den vor dem 7. Oktober außerhalb des Landes niemand kannte, hat heute längst das Tote Meer auf der Rangliste der meistbesuchten Orte in Israel verdrängt.
Mehr als 18 Monate nach dem Massaker gibt es in Israel immer noch keine nationale Gedenkstätte für die Opfer des Hamas-Massakers vom 7. Oktober. Also kommen alle, die einen Erinnerungsort suchen, hierher, auf das ehemalige Festivalgelände. Am Rande des Geländes stehen Toiletten, ein Picknickareal im Schatten von Bäumen lädt zum Rasten ein.
„Ganz Israel ist ein Leichenfeld“: Wie der Hamas-Terror das Land geprägt hat
Ken, ein 75-jähriger Kanadier, ist schon zum zweiten Mal hier, um den Gedenkort zu besuchen. Bei seinem ersten Besuch im Dezember 2023 lag das Massaker nur zwei Monate zurück. „Es war beklemmend“, erinnert sich Ken. Damals gab es noch keine Tafeln, keine Blumen, keine Kerzen und Gedenkbriefe für die Opfer. Heute hingegen ist jedem Opfer ein Platz gewidmet, der jüdische Nationalfonds hat Bäume gepflanzt. „Jetzt geht es um Erneuerung und Wiederbelebung, ich habe ein besseres Gefühl als damals“, meint Ken.
Aliza, eine Touristin aus den USA, kann das nicht nachvollziehen. „Aber das ist doch ein Leichenfeld“, sagt sie. „Ganz Israel ist ein Leichenfeld und die ganze jüdische Geschichte ist voll von Katastrophen“, sagt Ken, der selbst Jude ist. „Aber die Juden haben jedes Mal aufs Neue bewiesen, dass sie danach überleben und das Leben zur Blüte bringen können.“
Es handelt sich um die Gedenkstätte, die am Gelände des Nova-Festivals errichtet wurde, wo sich am 7. Oktober 2023 das schwere Hamas-Massaker ereignete. Die Gedenkstätte findet sich im Süden Israels, nahe dem Kibbuz Reim.
Während die Touristen auf dem sandigen Boden ihre Schritte machen, vorbei an den strahlenden Gesichtern der Ermordeten, hört man im Hintergrund dumpfe Detonationen. Gaza ist nur wenige Kilometer entfernt. Israels Artillerie greift an. Auf der anderen Seite der Grenze nimmt das Blutvergießen, das mit dem Überfall der Hamas begann, kein Ende.
Die beiden Touristinnen mit den rosa Schirmkappen bleiben vor einem Bild inmitten der Gedenkstätte stehen. Es zeigt einen braungebrannten, attraktiven Mann in strahlender blauer Polizeiuniform. Da nähert sich ein älterer Mann den Touristinnen und spricht sie auf Hebräisch an, dabei zeigt er auf das Bild. Merklich verunsichert wenden sich die Frauen ab, gehen weiter.
PLO
Das Exekutivkomitee der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) hat Hussein al-Scheich zum Stellvertreter von Präsident Mahmud Abbas bestimmt. Damit wird Al-Scheich (64) zum potenziellen Nachfolger für den greisen Abbas (89) designiert.
Formell wurde al-Scheich Vizepräsident der Autonomieverwaltung sowie stellvertretender Vorsitzender der PLO, in der alle maßgeblichen politischen palästinensischen Organisationen vereint sind.
Die Ämter wurden erst am Donnerstag eingerichtet. Im Falle des Todes von Abbas könnte al-Scheich ihm direkt nachfolgen. Die bislang letzte Präsidentenwahl fand 2005 statt. Neuwahlen sind wegen des andauernden Streits zwischen Fatah-Bewegung und Hamas ausgefallen. dpa
„Das ist mein Sohn“, wiederholt der Mann seinen Satz, doch die zwei Frauen sind längst schon weitergegangen. In einer Hand hält der Mann, er heißt Sergej, eine halb gerauchte Zigarette. In der anderen sein Mobiltelefon. Er sucht jemanden, der ihm zuhört, mit ihm gemeinsam auf dem Smartphone Fotos und Videos seines verstorbenen Sohns betrachtet. Auf einem dieser Videos sieht man den Sohn in Uniform, er schleust Autoschlangen auf einer Sandpiste aneinander vorbei. „Hörst du die Schüsse?“, fragt Sergej. Es war der Morgen des 7. Oktober, Sergejs Sohn hatte die Aufgabe, die in den Autos flüchtenden Festivalbesucher nach außen zu leiten.
„Er konnte ja nicht weglaufen wie die anderen. Er musste bleiben, das war doch sein Job“, sagt Sergej. Seine Stimme bricht, er wischt sich die Tränen von der Wange.
Krieg zwischen Hamas und Israel: „Das ist unser israelisches Treblinka“
Ein paar Meter weiter folgt eine Gruppe europäischer Urlauber:innen ihrem Tourguide durch die Gedenkstätte. Sie sehen müde aus, es hat 29 Grad im Schatten, der warme Wind bringt kaum Erleichterung. Ihr israelischer Führer erzählt von Treblinka. Er sagt, dass das Vernichtungslager „schlimmer als Auschwitz“ war. „Und das hier“, sagt der Tourguide, und lässt den Arm über die Gedenkstätte schweifen, „das ist unser israelisches Treblinka“.
Ein Mann führt seinen Hund durch die Gedenkstätte. Der Hund bleibt stehen, schnuppert an einem Stahlgestänge, auf dem ein Schild angebracht ist: Hier stand die Hauptbühne des Nova-Festivals, verrät das Schild in schrillen Regenbogenfarben. Ein paar Schritte weiter lädt ein Zelt zum Gebet ein. Neben einem Stapel von Gebetsbüchern hat eine rechte Vereinigung ein Flugblatt aufgelegt. Der Krieg in Gaza müsse „bis zum Ende“ fortgesetzt werden, fordern sie.
Ofir, ein Reservesoldat aus Tel Aviv, der Gruppen durch die Gedenkstätte führt, hat gemischte Gefühle, was sein Business betrifft. „Irgendwie ist es eine üble Art von Tourismus, dieser Massaker-Tourismus“, sagt Ofir. „Aber das ist eben unser Dienst an den Opfern und ihren Familien, um sie im Gedächtnis zu halten.“
Für Eyal Ben Yehuda, der seinen Sohn Gilad hier auf dem Festivalgelände verloren hat, ist das ein wichtiges Zeichen. Er sei dankbar, dass so viele Besucher:innen zum Nova-Camp kommen, sagt er. Gilad war bereits auf der Flucht, als ihn die Terroristen wenige Kilometer vom Festivalgelände entfernt niederschossen. Sein Körper wurde erst drei Tage später in einem Straßengraben gefunden. Eyal ist heute hier, um mit anderen Angehörigen der Opfer zu gedenken. Dass so viele Tourist:innen das Gelände besuchen, findet er gut. „Es ist wichtig, dass die Menschen erfahren, was hier geschah.“