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Wurde Nawalny mit Nowitschok vergiftet? Nach dem Tod des Kremlkritikers stützt der Erfinder des Nervengifts diese Theorie zur Todesursache.
Moskau – Vergiftung oder gezielter Schlag aufs Herz nach einer alten KGB-Methode: Eine Woche nach dem Tod von Kreml-Kritiker Alexej Nawalny geht das Rätselraten um die genaue Todesursache weiter. Weil die Leiche immer noch nicht an die Familie des Verstorbenen übergeben wurde, ranken sich viele Gerüchte und Spekulationen um die Hintergründe des Vorfalls. Die Angehörigen gehen selber von einer Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok aus – ein Verdacht, der von dem Erfinder jetzt gestützt wird.
Suche nach Todesursache: Nowitschok-Erfinder hält Vergiftung von Nawalny für möglich
So schließt Vil Mirsajanow ebenfalls nicht aus, dass der Tod von Alexej Nawalny in Russland mit dem Nervengift Nowitschok herbeigeführt worden sein könnte. Der Stoff würde in hoher Konzentration zu einem Herzstillstand führen und sei auch nach dem Tod zweifelsfrei nachweisbar, sagte der Entwickler. Er war es auch, der seinerzeit die Existenz des Gifts der Weltöffentlichkeit verraten hatte. Nun lebt Mirsajanow in den USA und gab von dort der unabhängigen russischen Nachrichtenplattform Meduza ein Interview.
Laut Mirsajanow baut sich das Gift Nowitschok nach dem Tod nicht mehr im Körper ab. Dies wisse man aus anderen Vergiftungsfällen. Die Tatsache würde erklären, warum der Kreml der Mutter bisher verweigere, den Leichnam ihres Sohnes zu sehen. „Der Körper einer vergifteten Person ist für Menschen ohne Schutzausrüstung gefährlich“, sagte Mirsanjow weiter und fügte hinzu: „Wenn es wahr ist, dass er vergiftet wurde, ist es unwahrscheinlich, dass sie seine Leiche seiner Mutter übergeben wird.“
Nach Tod im „Polarwolf“-Straflager: Kreml verweigert Herausgabe von Nawalny-Leiche
Alexej Nawalny war am Freitag (16. Februar) in dem berüchtigten Straflager „Polarwolf“ ums Leben gekommen. Der Tod vom Widersacher des russischen Präsidenten Wladimir Putin löste weltweit Bestürzung aus. Mehrere westliche Politiker sehen den Kremlchef in der Verantwortung und warfen ihm einen politischen Mord vor – allen voran US-Präsident Joe Biden. Die genaue Todesursache ist aber unbekannt. Zwar durfte die Mutter ihren Sohn einmal sehen, doch die Herausgabe der Leiche wird von den Behörden weiterhin verweigert.
Vergiftet mit Nowitschok: Ehefrau Julia Nawalnaja äußerte bereits den Verdacht
In einer ersten, auf Youtube verbreiteten Stellungnahme äußerte Nawalnys Ehefrau, Julia Nawalnaja, den Verdacht, dass ihr Mann mithilfe von Nowitschok getötet worden sein könnte. Auch der Journalist und Oppositionelle Christo Grozev geht von dieser Tötungsart aus. Bereits im August 2020 war der Kremlgegner mit Nowitschok auf einem Inlandsflug vergiftet worden und konnte damals nur knapp durch eine Behandlung in der Berliner Charité gerettet werden. Bereits damals vermuteten die Opposition das Putin-Regime als Drahtzieher.
Tatsächlich ist Nawalny nicht das einzige russische Nowitschok-Opfer. Bereits im Jahr 2018 war der abtrünnige FSB-Agent Victor Skripal zusammen mit seiner Tochter im britischen Exil mit dem Nervenkampfstoff vergiftet worden. Doch wie in allen Verdachtsfällen ließen sich bislang keine konkreten Beweise vorlegen, die eine Beteiligung des Kreml nachweisen würde – weder bei Skripal noch bei Nawalny.
Putin-Regime mauert bei der Suche nach der Todesursache
Offiziell weist die russische Regierung alle Vorwürfe zurück und hält sich zu allen Hintergründen bedeckt. Für die Aufklärung seien die Justizbehörden zuständig und nicht der Kreml, erklärte Putin-Sprecher Dimitri Peskow lapidar. Ansonsten geben die Behörden nur „plötzlichen Herzstillstand“ an. Der Kremlkritiker, so hieß es, habe nach einem morgendlichen Spaziergang im Gefängnishof über Unwohlsein geklagt – und sei dann zusammengebrochen. Jede Hilfe durch alarmierte Sanitäter sei zu spät gekommen, teilte die Gefängnisleitung später laut der russischen Nachrichtenagentur Tass mit.
Doch mittlerweile gibt es viele Zweifel an den offiziellen Darstellungen. So stimmen zeitliche Angaben zum Notruf und der eintreffenden Hilfe nicht überein. Außerdem berichteten anonyme Quellen aus der Haftanstalt, dass der Körper von Nawalny blaue Flecken aufgewiesen habe, weswegen einige Fachleute auch eine gezielte Tötung nach einer alten KGB-Methode nicht für völlig abwegig halten, bei der Nawalny in eisiger Polarluft draußen halb erfroren und dann mit einem gezielten Schlag auf das Herz getötet worden sein könnte.
Alexej Nawalny ist tot: Protest, Anschläge, Gefängnis – sein Leben in Bildern




Nowitschok oder alte KGB-Methode: Beim Nawalny-Tod gibt es viele Ungereimtheiten
Doch egal ob mit einem Schlag oder durch eine Nowitschok-Vergiftung – ganz los ist der Kreml das Nawalny-Problem nicht. Denn im Land gingen bislang tausende Menschen auf die Straße im Gedenken an den Oppositionellen. Und Ehefrau Julia versprach bereits bei mehreren öffentlichen Auftritten nach dem Tod ihres Mannes, dass sie dessen politisches Erbe weiterführen werde. Erst am Donnerstag traf sie US-Präsident Joe Biden und ließ sich von ihm Unterstützung im Kampf gegen Putin zusichern. Zuvor hatte sie bereits angekündigt, dass sie in den kommenden Tagen weitere Details zum Tod ihres Mannes enthüllen werde. „Der Name desjenigen, der den Mord im Auftrag Putins ausgeführt habe, wird in Kürze veröffentlicht“, versprach sie in ihrer Videoansprache. (jkf)
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