FSB-Beamte im Straflager „Polarwolf“?

Suche nach Todesursache: Mysteriöse Besuche lassen Gerüchte um Nawalny-Tod hochkochen

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Wie kam Kreml-Kritiker Alexej Nawalny zu Tode? Gerüchte über eine angebliche Verstrickung von Wladimir Putins Regime mehren sich.

Update vom 25. Februar, 11.51 Uhr: „Alexejs Leiche ist seiner Mutter übergeben worden“, hat inzwischen Nawalnys Sprecherin Kira Jarmisch erklärt. Sie dankte allen, die die Freigabe des Leichnams „mit uns gefordert haben“. Zehntausende Russen hatten eine entsprechende Petition unterschrieben, Persönlichkeiten aus dem Kulturbereich veröffentlichten Videobotschaften mit der Forderung. Jarmischs entsprechender Post auf der Plattform X stammt von gestern.

Erstmeldung: Charp – Alexej Nawalny ist tot. So viel gilt als sicher. Die Todesursache ist hingegen unklar. Noch immer versuchen Familie und Unterstützer des russischen Oppositionellen beim Regime in Moskau die Freigabe von Nawalnys Leichnam zu erwirken.

Todesursache von Alexej Nawalny: Russland-Regime rückt Leichnam nicht raus

Bislang, Stand 20. Februar, tun sie das vergeblich. Der Kreml-Kritiker verstarb angeblich am Freitag (16. Februar) in einer Strafkolonie bei Charp im sogenannten Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen, im äußersten Norden von Russland gelegen. Laut russischer Behörden soll er bei einem Spaziergang zusammengebrochen sein. Von einem angeblichen Blutgerinnsel ist zudem die Rede.

Doch Nawalnys Ehefrau Julia Nawalnaja und westliche Beobachter zweifeln an dieser Version. Sie erheben stattdessen Vorwürfe gegen den Zirkel von Autokrat Wladimir Putin. Denn: Es gibt reichlich Ungereimtheiten zu den Todesumständen.

Gestorben oder getötet? Menschen vielerorts trauern um Alexej Nawalny, zum Beispiel hier im italienischen Rom.

Tod von Alexej Nawalny: Verdächtigungen gegen Moskau-Regime Wladimir Putins

Wie das unabhängige russische Online-Portal Gulagu.net laut Bild jetzt berichtet, sollen Beamte des russischen Geheimdienstes FSB am Mittwoch (14. Februar) im Haftlager nördlich des Polarkreises gewesen sein, um Sicherheitskameras und Abhörgeräte abzuschalten und zu demontieren. Das sei in einem Bericht der örtlichen Zweigstelle des russischen Bundesstrafvollzugsdienstes (FSIN) erwähnt worden.

Die Website, hinter der die Menschenrechtsorganisation Independent Committee against Torture and Corruption (Deutsch: Unabhängiges Komitee gegen Folter und Korruption) steht, veröffentlichte ferner die angebliche Zeitfolge, mit der Nawalnys Tod bekannt gegeben wurde. Demnach habe Kreml-Sprecher Dmitri Peskow nur sieben Minuten nach der ersten offiziellen Todesmeldung am Freitag, die um 14.17 Uhr Ortszeit erfolgte, mit ersten Medien über Nawalnys Ableben gesprochen.

Alexej Nawalny ist tot: Protest, Anschläge, Gefängnis – sein Leben in Bildern

Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garri Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.  © Str/AP/dpa | Str
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition.
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – hier bei einer Gedenk-Demo 2018 – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition. © Alexander Zemlianichenko / dpa
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen.
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen.
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen. © Andrew Lubimov / dpa
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt.
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt. © Daria Nawalny / dpa
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte.
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte. © Sergei Bobylev / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe.
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe. © Moscow City Court Press Service / dpa
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe.
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe. © Anna Ustinova / Imago
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im Februar 2022.
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im März 2022. Wegen angeblicher Veruntreuung von Spendengeldern wurden 13 weitere Jahre Haft gefordert. © Sergei Fadeichev / Imago / ITAR-TASS
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny.
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny. Der Kritiker trat während seiner Haftzeit immer wieder beispielsweise in Hungerstreik. Seine Haft-Unterbringung soll teils dürftig gewesen sein. © IMAGO/Sergei Karpukhin / ITAR-TASS
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023.
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023. Der Oppositionsführer war erneut zu 19 Jahren Haft unter anderem wegen Extremismus verurteilt worden. © IMAGO/Sofya SandurskayaITAR-TASS
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden. Dann hieß es, er sei in ein Strafgefangenenlager nach Sibirien gebracht worden. Das Foto zeigt ihn im Januar 2024 bei einer weiteren Video-Schalte. © Alexander Zemlianichenko / dpa
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire

Tod von Alexej Nawalny: Mutter Ljudmila Nawalnaja darf Leiche nicht sehen

Brisant: Mutter Ljudmila Nawalnaja sucht seit Samstag in der Region um Charp nach der Leiche ihres Sohnes. Im Straflager habe man sie an die Leichenhalle der Kleinstadt Salechard (rund 40.000 Einwohnerinnen und Einwohner) verwiesen, die rund 50 Kilometer entfernt liegt, schreibt der Spiegel. Dort sei ihr aber nicht mal die Tür geöffnet worden. Nawalnys Pressesprecherin Kira Jarmysch schrieb auf X (vormals Twitter), dass die Mutter auch am Montag (19. Februar) vergeblich versucht hätte, an der Leichenhalle an Informationen zu gelangen.

Wie die unabhängige und kremlkritische russische Nachrichtenseite Nowaja Gaseta Europe berichtete, soll die Leiche Nawalnys laut einem Mitarbeiter des örtlichen Notfalldienstes blaue Flecken aufgewiesen haben. Das deute auf Krämpfe vor dem eingetretenen Tod hin.

Straflager „Polarwolf“: Verdächtige Beobachtungen von Nawalny-Mithäftling

„Der unfassbare Wahnsinn begann am Abend des 15. Februar. Alles begann damit, dass die abendliche Überprüfung, die von 20 bis 20.30 Uhr stattfindet, stark beschleunigt wurde“, erzählte ein angeblicher Mitgefangener des Straflagers IK-3 „Polarwolf“ laut der derselben Online-Zeitung: „Das passiert oft am Vorabend von Feiertagen, wenn die Wachen es eilig haben, an den Tisch zu kommen.“ Der Freitag aber sei kein Feiertag gewesen.

Moskau-Machthaber: der russische Autokrat Wladimir Putin.

Todesursache bei Alexej Nawalny: Witwe Julia Nawalnaja kündigt Enthüllung an

Danach seien die Häftlinge in den Baracken eingesperrt und gewarnt worden, „dass es zwischen den Baracken keinen Verkehr geben dürfe, und die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt würden“. Der Mann soll weiter erklärt haben: „Am Morgen des 16. gab es in der Kolonie keine Krankenwagen. Sie erschienen erst, als bekannt wurde, dass Nawalny bereits tot war. Ich denke also, dass Nawalny viel früher als angekündigt gestorben ist. Höchstwahrscheinlich letzte Nacht. Warum war es sonst nötig, uns in der Kaserne einzusperren und am Morgen eine Durchsuchung zu organisieren?“

Brisant: Putin höchstpersönlich soll die Haftbedingungen Nawalnys im Straflager diktiert haben. Davon berichtet das unabhängige osteuropäische Nachrichtenportal Meduza. Auch diese Informationen lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Wie Nawalny gestorben ist, würde dagegen seine Familie gerne endlich überprüfen. Es wird allerdings ein Mysterium daraus gemacht. Witwe Julia Nawalnaja kündigte indes bereits Enthüllungen zum Tod des Kreml-Gegners an. (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Pacific Press Agency

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