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Die Lage in Syrien sorgt für Unruhe im Nahen Osten. Der Sturz Assads rückt den Iran ins Rampenlicht und zeigt eine Schwäche gegenüber Israel.
Damaskus/Teheran – Plötzlich ging es ganz schnell: Mit hoher Geschwindigkeit zerfiel das Assad-Regime nach dem Vormarsch der Rebellen. Machthaber Bashar al-Assad floh mit seiner Familie nach Russland und in Damaskus begann augenblicklich die Neuordnung. Rebellenchef Abu Mohammed al-Dscholani hat angekündigt, schnell neue Realitäten schaffen zu wollen. Doch weltweit bleibt die Sorge vor Instabilität in der Region. Gegenwärtig rückt Israel mit Panzern in die Nähe von Damaskus vor und will die eigene Staatssicherheit bewahren.
Für einen anderen Akteur ist der Sturz Assads derweil eine dramatische Katastrophe: Der Iran ringt seit jeher um Macht im Nahen Osten. Diese hegemonialen Bestreben wurden nun erschüttert und Teheran mit einem Einflussverlust zu kämpfen.
Nach Assads Sturz in Syrien: Iran ringt mit Machtverlust
Über Jahrzehnte hat die Führung im Iran die Machenschaften der Regierung von Bashar al-Assad maßgeblich unterstützt und dabei geholfen, die Macht des Präsidenten durch die Wirren des Bürgerkriegs zu retten. Teheran betrieb darüber hinaus in Syrien Militärstützpunkte, Waffenlager und Raketenfabriken, die unter anderem die verbündeten Milizen in der Region mit Waffen versorgten. Auch in der sogenannten Achse des Widerstands unter der inoffiziellen Führung des Iran nahm Assads Regierung eine wichtige Stellung ein.
Doch als der syrische Präsident die iranische Hilfe am nötigsten hatte und seine Macht auf der Kippe stand, ließ die Führung in Teheran ihn fallen. Statt Hilfe zu senden, ordnete der Iran den Rückzug an: Kommandanten sowie diplomatische Mitarbeiter verließen bereits vor dem Wochenende das Land. Für die New York Times war bereits vor dem Sturz Assads damit klar, dass es sich bei dem Vorgehen um eine bemerkenswerte Kehrtwende handelt: Der Iran gab nicht nur Assad auf, sondern auch alles, was über 40 Jahre in Syrien aufgebaut und für dessen Erhalt gekämpft wurde. Für westliche Fachleute war klar, dass dies das Kräfteverhältnis im Nahen Osten verändern könnte.
Lage in Syrien: Assad-Sturz könnte eines der bedeutsamsten Ereignisse im Nahen Ostens werden
Dass die Rebellen mit einer so hohen Geschwindigkeit gegen Assad vorrücken konnten, soll laut New York Times bei iranischen Beamten zuletzt regelrecht für Panik gesorgt haben. Zwar sicherten sie bis zuletzt der syrischen Führung die Unterstützung zu, doch insgeheim sollen die Politiker bereits vor dem eigentlichen Sturz des Machthabers mit der Entwicklung abgeschlossen haben. Welche Verschiebung der Machtverhältnisse durch den Sturz Assads und das zögerliche Verhalten des Iran ausgehen könnte, skizzierten Beamte bereits wenige Tage vor dem Ende des Assad-Regimes in Syrien.
„Der mögliche Fall der syrischen Regierung in die Hände islamistischer Extremisten wäre eines der bedeutsamsten Ereignisse in der Geschichte des Nahen Ostens“, schrieb Mohammad Ali Abtahi, ein ehemaliger Vizepräsident, auf X. „Der Widerstand in der Region bliebe ohne Unterstützung. Israel würde zur dominierenden Kraft werden.“ Israel stellt sich indes offen an die Seite der Kurden.
Syrien nach Assad-Sturz: Machtvakuum setzt Iran unter Druck
Nun, nach dem Sturz von Assad in Syrien, ist für viele Experten klar: Die Befürchtungen um den Einflussverlust des Iran könnten sich bewahrheitet haben. So schreibt Reuters, dass das jetzige Machtvakuum die Gefahr birgt, dass extremistische Gruppen an Einfluss gewinnen könnten. Abdelaziz al-Sager, Direktor des Gulf Research Center, einer Denkfabrik, stützt diese Gedanken auf die Bürgerkriege, die dem Sturz des irakischen Präsidenten Saddam Hussein im Jahr 2003 und des libyschen Diktators Muammar Gaddafi im Jahr 2011 folgten.
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels




Weiter heißt es in der Einschätzung der Nachrichtenagentur, dass Assads Sturz eine zentrale Einflussachse des Iran zerstört hat. Zudem wurde Teherans Fähigkeit untergraben, Macht auszuüben und sein Netzwerk von Milizengruppen im gesamten Nahen Osten aufrechtzuerhalten, insbesondere gegenüber seinem Verbündeten Hisbollah im Libanon. Die Miliz ist durch die anhaltenden Kämpfe mit Israel geschwächt, gleiches gilt für die Hamas im Gazastreifen. Assad bot dem Iran einen wichtigen Kanal für Waffenlieferungen zum Wiederaufbau der Hisbollah an. Jonathan Panikoff, ein ehemaliger stellvertretender US-Geheimdienstoffizier für den Nahen Osten, sagte, sein Sturz könnte die Wiederbewaffnung der Hisbollah erschweren.
Syrien nach Assad: Schockstarre in Teheran – Auswirkungen für gesamte Region
Als eine Art Schockstarre umschreibt die Tagesschau das aktuelle Verhalten des Iran nach dem Sturz Assads in Syrien und mutmaßt, dass in der Führung Teherans Ratlosigkeit zu herrschen scheine – womöglich auch die Angst, dass in dem Reich der Mullahs Auswirkungen deutlich spürbar werden könnten. Denn um die iranische Vorherrschaft in der Region scheint es aktuell immer schlechter zu stehen. Hamas und Hisbollah werden durch Israel immer weiter in die Enge getrieben und die israelische Armee bewies zuletzt bei einem Luftangriff auf den Iran, wie gefährlich sie weiterhin ist.
Teheran verlor zudem wichtige Kräfte der Al-Kuds-Brigaden. Nun blickt die iranische Führung nach Assads Sturz auf eine unerbittliche Abfolge von Niederlagen, die den Schluss zulassen, dass der Iran aus den Entwicklungen nach dem Hamas-Überfall auf Israel als Verlierer hervorgeht. Experten gehen bereits davon aus, dass die kommenden Monate für die Führung in Teheran herausfordernd werden könnten.
Iran zeigt nach Assad-Sturz in Syrien Schwäche – Konzept von Sicherheit muss überdacht werden
„Syrien war für das iranische Regime ein Sprungbrett, um seinen Einfluss bis zum Mittelmeer auszudehnen, und dieses Sprungbrett ist verschwunden“, bemerkt Jonathan Piron, Historiker und Iran-Experte am Forschungszentrum Etopia in Brüssel. Seiner Ansicht nach ist mit dem Sturz Assads auch die sogenannte Achse des Widerstands zerbrochen, da viele Kräfte inzwischen aufgerieben sind. David Rigoulet-Roze, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Nahost-Experte am Französischen Institut für internationale und strategische Angelegenheiten, erklärt, dass die Zerstörung der Achse des Widerstands eine unmittelbare Folge der Hamas-Angriffe auf Israel sei.
Für den Iran war der lose Zusammenschluss wichtiges Machtinstrument in der Region. Über viele Jahre baute die Islamische Republik mir ihr ihre Abschreckungsfähigkeit auf und könnte so seinen Einfluss auf den Nahen Osten ausüben. Nun hätten sich die Verhältnisse verschoben, so Prion. „Der Iran befindet sich in einer beispiellosen Position der Schwäche; sein Sicherheitsbereich ist nun auf seine tatsächlichen Grenzen beschränkt“ Und weiter: Der Iran müsse nun seine Sicherheit neu überdenken. (fbu)
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