Sorge um Zivilbevölkerung

Nahost-Experte zweifelt an Waffenruhe in Rafah: „Werde bitteres Gefühl nicht los“

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Israelische Streitkräfte rücken in Teile der Stadt Rafah vor. Beobachter sorgen sich um die Zivilbevölkerung. Ein SPD-Politiker hat eine weitere Befürchtung.

Berlin – Die israelische Nationalflagge weht an einem der Panzer, die in den Grenzbereich von Rafah einrollen: Videoaufnahmen der Armee zeigen, wie israelische Streitkräfte Stück für Stück in Teile der Stadt im südlichen Gazastreifen vorrücken. Der Grenzübergang Rafah nach Ägypten sei auf der palästinensischen Seite unter „operativer israelischer Kontrolle“, teilte ein ranghoher israelischer Militär am Dienstag (7. Mai) mit. Damit wächst die Sorge vor einer folgenschweren Militäroffensive.

Rafah-Offensive seit Wochen von Israel angekündigt: Hunderttausende Zivilisten im Süden von Gaza

Seit Wochen kündigt Israels Regierung eine solche Offensive auf Rafah an, um den Druck auf die islamistische Hamas zu erhöhen. Rafah gilt als eine Art letzte Bastion der Terrororganisation. Allerdings leben auch Hunderttausende Zivilisten in Rafah, viele von ihnen sind erst kürzlich hierher geflohen. Beobachter fürchten um deren Sicherheit.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

So auch der SPD-Bundestagsabgeordnete und Nahost-Kenner Macit Karaahmetoğlu. „Ich hoffe immer noch inständig, dass es bei einem begrenzten Einsatz nahe der Grenzübergänge bleibt und die Verhandlungen in Kairo doch noch zu einem kurzfristigen Ergebnis führen“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Katar, Ägypten und die USA agieren als Vermittler zwischen der Hamas und Israel, die aus Prinzip keine direkten Verhandlungen miteinander führen. Bislang ohne Ergebnis.

Waffenruhe in Rafah vorgeschlagen: USA, Ägypten und Katar vermitteln - aber keine Einigung in Sicht

Eine groß angelegte Offensive in Rafah hätte „katastrophale humanitäre Auswirkungen für die dortige Zivilbevölkerung“, sagt Karaahmetoğlu. „Wir sprechen von rund einer Million Menschen, die dort zurzeit leben. Viele von ihnen wurden zuvor aus dem Norden Gazas vertrieben, nun werden sie wieder aufgefordert, sich zurück in den Norden zu begeben. Das ist schon unfassbar.“ Auch international gab es Kritik. Aus dem französischen Außenministerium etwa hieß es, dass die Zwangsumsiedlung einer Zivilbevölkerung ein Kriegsverbrechen im Sinne des Völkerrechts darstelle. „Ich finde es richtig, dass Frankreich kürzlich darauf hingewiesen hat“, erklärt SPD-Politiker Karaahmetoğlu.

Macit Karaahmetoğlu ist seit 2021 Bundestagsabgeordneter. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe im Bundestag.

Zuletzt schien sich abzuzeichnen, dass es Gespräche über einen Waffenstillstand geben könnte. Die Hamas hatte zunächst einem Vorschlag zur Waffenruhe zugestimmt – aber zu Bedingungen, die nach Ansicht von Israels Regierung nicht akzeptabel waren. „Ich werde das bittere Gefühl nicht los, dass weder Israel noch die Hamas ein echtes Interesse an einer Waffenruhe haben“, sagt Karaahmetoğlu.

Die Befürchtungen gehen noch weiter: Israel könne den Plan, die Hamas niederzuringen, nur gewaltsam umsetzen. Die Hamas profitiere wiederum, wenn Israel international immer mehr als Aggressor auch gegen zivile Ziele wahrgenommen werde. „Ich befürchte, eine Einigung auf Freilassung aller Geiseln und Waffenruhe wird von der Hamas auch hinausgezögert, damit nicht herauskommt, dass vielleicht nur noch ein Teil der entführten Geiseln am Leben ist.“

„Der Staat Israel verliert nicht an Unterstützern, sehr wohl aber die Regierung“

Israels Maßnahmen in Gaza sind eine Reaktion auf die brutalen Terror-Attacken der Hamas am 7. Oktober 2023. Noch immer befinden sich israelische Geiseln in der Hand der Hamas. Derweil mehren sich international Stimmen, die die Reaktion der israelischen Regierung als zu hart kritisieren. Es drohe die Gefahr, dass Israel unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu einem Pariastaat werden könnte, fürchtet Karaahmetoğlu. „Die Warnungen vor einer großen Offensive in Rafah gehen von den großen Partnern in der EU, vor allem aber auch den USA aus. Der Staat Israel verliert nicht an Unterstützern, sehr wohl aber die Regierung Netanyahus und ihr aktueller Kriegskurs.“

Erdogan kappt Handelsbeziehungen zu Israel

Dass zuletzt die Türkei, ein Land, das sonst unter Präsident Erdogan recht opportun agiert, nun alle Handelsbeziehungen zu Israel abgebrochen hat, sei ein weiteres Indiz dafür, dass Netanyahu Israel in eine Ecke treibe. „Aus dieser rauszukommen, könnte auf viele Jahre sehr, sehr schwer werden.“

Rubriklistenbild: © Abed Rahim Khatib/dpa

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