VonMaria Sterklschließen
Israels Armee fordert die Menschen auf, Rafah zu verlassen. Die Verhandlungen mit der Hamas kommen zum Stillstand.
Im strömenden Regen machten sich am Montag in Rafah im Süden des Gazastreifens Zehntausende Menschen auf den Weg: Teils zu Fuß, teils mit Eselskarren, teils auf Motorrädern. Wer Glück hatte, konnte sich einen Wagen organisieren. Alle hatten ein Ziel: Ihr gesamtes Hab und Gut erneut in eine Gegend zu bringen, die von Israels Armee als „humanitäre Zone“ bezeichnet wurde.
Das hatte man den Menschen aber schon vor Monaten versprochen, als sie mit ihren Familien nach Rafah geflüchtet waren, und von Sicherheit konnte dort zuletzt keine Rede sein. Erst in der Nacht auf Montag, nur wenige Stunden, bevor die israelische Armee Evakuierungsflugblätter auf Rafahs Osten regnen ließ, brachten Luftschläge zehn Häuser in Rafah zum Einsturz. Laut palästinensischen Angaben kamen dabei 22 Menschen zu Tode, darunter ein Baby.
Israelischer Armeesprecher: „Keine großräumige Evakuierung“ in Rafah
Nun also die erneute Evakuierung. Israels Armeesprecher Nadav Shoshani betont, es handle sich um eine „Operation begrenzten Ausmaßes, keine großräumige Evakuierung von Rafah“. Man beschränke sich auf östliche Teile der Stadt. Wie lange den Menschen dort Zeit bleibt, um ihre Zelte abzureißen und in einem rund sieben Kilometer entfernten Gebiet neu aufzustellen, sagt die Armee nicht. Aus offensichtlichen Gründen: Man will keine Deadline nennen, um die Hamas im Unklaren darüber zu lassen, wann die seit langem angekündigte Offensive in Rafah beginnt.
In Pressebriefings will die Armee nicht einmal bestätigen, dass eine solche Offensive kurz bevorsteht. Das muss sie auch gar nicht. Israels Verteidigungsminister Joav Gallant hatte das längst erledigt. In einem Telefonat mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Lloyd Austin in der Nacht auf Montag beteuerte Gallant, es bleibe den israelischen Streitkräften keine andere Wahl, als die Operation in Rafah zu beginnen.
Krieg in Israel: Soldaten bei Raketen-Angriff aus Rafah getötet
Am Tag zuvor hatten Terrorgruppen Raketen auf einen israelischen Posten beim Grenzübergang Kerem Schalom abgefeuert, dabei wurden drei junge israelische Soldaten sofort getötet, ein vierter erlag am Montag seinen schweren Verletzungen. Zehn Soldaten müssen immer noch im Krankenhaus Soroka behandelt werden, zwei von ihnen befinden sich laut dem Sprecher des Krankenhauses in kritischem Zustand. Israels Armee erklärte, die Raketen seien aus Rafah abgefeuert worden.
Die Evakuierung – und die damit verbundene Drohung eines kurz bevorstehenden Angriffs in Rafah – wird als Reaktion auf den Schlag in Kerem Schalom dargestellt. An Erklärungsbedarf mangelt es Israel nicht: Seit Monaten warnen engste Verbündete, allen voran die USA, aber auch Deutschland, vor einer Offensive, die auch Israels Beziehungen zu den unmittelbaren Nachbarn Ägypten und Jordanien schwer belastet.
Flucht aus Rafah vor Israel-Offensive: „Humanitäre Zone“ soll bereits überfüllt sein
In den USA und in Europa befürchtet man eine massive Verschlechterung der ohnehin schon angespannten Lage. Rund 1,4 Millionen Binnenvertriebene sind in desolaten Zuständen in Rafah untergebracht, sie werden dort mehr schlecht als recht von Hilfsorganisationen versorgt. Zudem ist umstritten, wie tauglich die Evakuierungspläne Israels sind: Laut den Flugblättern, die die Armee im Osten Rafahs abgeworfen hat, sind die Stadt Khan Younis und das Küstengebiet Al-Mawasi für die Evakuierung vorgesehen.
Die humanitäre Zone in Al-Mawasi sei „ausgeweitet“ worden, heißt es. Es gebe dort auch medizinische Versorgung durch Feldkrankenhäuser. Unicef-Sprecher James Elder widersprach diesen Aussagen im BBC-Interview: Al-Mawasi sei „ein Strandgebiet, quasi ohne Sanitäranlagen, ohne medizinische Versorgung.“
Augenzeugen aus Gaza berichten, dass Al-Mawasi bereits jetzt „mehr als überfüllt“ sei, es gebe nicht ausreichend Platz für die zusätzlichen Evakuierten. Überprüfen lässt sich all das nicht. Unklar ist, wie viele Menschen von der Evakuierung betroffen sind. Israels Armee erklärte, die Evakuierung betreffe rund 100.000 Menschen.
Mehrere Huderttausende Geflüchtete aus Gaza: Menschenrechtsorganisationen schlagen Alarm
Die palästinensische Menschenrechtsorganisation Mezan erklärte, dass sich in den von Israel als Räumungszone markierten Gebieten derzeit „mehrere Hunderttausend“ Menschen aufhielten. „Viele von ihnen wurden bereits einige Male vertrieben“, sagt eine Sprecherin. Die Familien hätten den Glauben verloren, dass es irgendeinen Ort in Gaza gibt, an dem sie sicher sind. Das könnte viele von ihnen davon abhalten, Rafah zu verlassen, glaubt auch Mustafa Elmasri, Psychiater in Gaza. „Patienten rufen mich an und bitten mich um Rat, aber ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll.“
Die Gespräche in Kairo rund um eine mögliche temporäre Waffenruhe und die Freilassung der Geiseln aus der Gewalt der Hamas sind nun erneut zum Stillstand gekommen. Israel gibt der Hamas die Schuld – die Terrorgruppe habe unerfüllbare Forderungen aufgestellt, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Sprecher der Hamas wiederum behaupten, dass Israel von Beginn an keinen Kompromiss wollte. (Maria Sterkl)
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