„Gegenoffensive nicht gescheitert“

Missverständnis mit USA und Bundeswehr? Nato-Taktik verunsichert Ukraine-Truppen – und sorgt für Zoff

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Die Ukraine ringt mitten in ihrer Offensive um die richtige militärische Taktik gegen die russische Armee. Von Verbündeten gibt es Kritik.

Saporischschja – Die Ukraine macht bei ihrer Offensive im Süden Fortschritte. Nachdem Russland bei Robotyne unter anderem mit der Lancet-Drohne zurückgeschlagen hatte, machten die Truppen Kiews Mitte der Woche angeblich fünf Kilometer Boden in Richtung Tokmak gut.

Auch, weil sie zum Beispiel vermisste ukrainische Soldaten mit Drohnen „einsammeln“. Dennoch gibt es aus dem Westen immer wieder Kritik an der Offensive der ukrainischen Streitkräfte. Der Grund: Etliche Kommandeure wenden wohl nicht die in den USA und in der Europäischen Union (EU) beigebrachten Taktiken der Nato an.

Ukraine-Offensive: Immer wieder Kritik aus dem Westen an Kiews Vorgehensweise

Laut einem Militärexperten hätten die Vorgaben aus dem Westen stattdessen teils zu Verunsicherung geführt. Weswegen die Ukrainer mittlerweile zu einem Mix übergegangen seien, aus dem, was sie zum Beispiel im bayerischen Grafenwöhr beigebracht bekommen haben und dem, was sie aus ihren Erfahrungen seit der russischen Annexion der Krim 2014 gelernt haben.

Das berichtet die New York Times (NYT) in einer jüngsten Analyse zum Ukraine-Krieg. So sind die Vereinigten Staaten wohl nicht glücklich darüber, dass trotz Militärhilfen von 44 Milliarden Euro einzig aus den USA (Stand Anfang August 2023) westliche Taktiken auf dem Schlachtfeld reihenweise vernachlässigt würden. Hauptsächlich wird kritisiert, dass die Ukrainer nach hohen Verlusten zu Beginn der Offensive jetzt vornehmlich in kleinen Gruppen an Fußsoldaten russische Stellungen angreifen, um diese einzunehmen.

Ukraine-Offensive: Deutsche Bundeswehr übt Kritik an Kiews Truppen

Erst dann stoßen Panzereinheiten nach, sodass die Infanterie zwischenzeitlich auf sich allein gestellt ist. Die Russen hatten dies wiederholt für Gegenschläge mit Kampfpanzern genutzt, wie bei Twitter verbreitete Videos belegen. Dass nicht im Verbund aus Artillerie (siehe Twitter-Video oben), Panzern und Infanterie angegriffen wird, hatte laut Bild zuletzt etwa die Bundeswehr bemängelt.

Truppenteile werden teilweise so kleinteilig aufgeteilt, dass zwar jeder Truppenteil etwas macht, aber eine gemeinsame Gefechtsführung nicht erkennbar ist.

Bundeswehr-Einschätzung zur Ukraine-Offensive laut „Bild“

„Die eigenen Truppenteile werden teilweise so kleinteilig aufgeteilt, dass zwar jeder Truppenteil etwas macht, aber eine gemeinsame Gefechtsführung nicht erkennbar ist“, heißt es aus einem internen Schreiben der deutschen Streitkräfte, das der Bild vorliegen soll. Dadurch steige nicht nur „die Gefahr durch Friendly Fire, sondern die Manöverelemente fehlen dann im Schwerpunkt, um das eigene Momentum aufzubauen oder Feuerüberlegenheit herzustellen“. Mit „Friendly Fire“ ist der versehentliche Beschuss durch eigene Truppen gemeint. Weil die Abstimmung leidet?

Ukraine-Offensive: Wird westliche Ausbildung auf dem Schlachtfeld ignoriert?

Laut Bild führt die Bundeswehr diesen Eindruck nicht auf „individuelle Fehler oder Mängel der meist in Deutschland abgehaltenen Ausbildung durch die USA und anderer Armeen“ zurück, sondern auf die „ukrainische Einsatzdoktrin“. Mit anderen Worten: Wer vom Westen ausgebildet wurde, liefert angeblich bessere militärische Arbeit. Demgegenüber stünden sture älterer Kommandeure.

Informierte sich Ende Juli direkt an der Donbass-Front: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (li.), hier mit Brigadegeneral Viktor Khorenko.

Wie die NYT schreibt, hatten die Amerikaner gehofft, „dass die neun im Westen ausgebildeten Brigaden, etwa 36.000 Soldaten, zeigen würden, dass die amerikanische Art der Kriegsführung dem russischen Ansatz überlegen ist“. So würden die Russen über eine streng zentralisierte Kommandostruktur verfügen, während die Idee der USA Soldaten befähige, „auf dem Schlachtfeld schnelle Entscheidungen zu treffen und kombinierte Waffentaktiken einzusetzen – synchronisierte Angriffe von Infanterie-, Panzer- und Artilleriekräften“. Doch das sei nur vereinzelt geschehen. Zur Einordnung: Von den 36.000 Soldaten wurden dem Vernehmen nach mehr als 20.000 in Europa aus- und fortgebildet, darunter 10.000 in Großbritannien und rund 5000 in Deutschland.

Kritik von Nato-Staaten: Ukraine unterbrach Offensive wegen Verlusten

Noch etwas habe im Westen für Verstimmung gesorgt: Und zwar, dass die Ukrainer besagte Offensive zwischenzeitlich unterbrachen, um eingenommene, defensive Positionen zu sichern. Nato-Militärs hätten die Truppen dagegen darin gelehrt, offensiv zu agieren und bei Eroberungen die Situation zu nutzen, um weiter vorzustoßen. So sollten die belasteten Munitionsvorräte der Ukraine geschont werden – eigentlich.

Doch: Jahrelang hatten ukrainische Truppen laut NYT nach der Invasion Russlands auf der Krim an Verteidigungstaktiken gearbeitet, als von Moskau unterstützte Separatisten Angriffe in den Regionen Luhansk und Donezk starteten. Zu eben jenen Verteidigungstaktiken zählt offenkundig, dass ukrainische Einheiten in eroberten Schützengräben neben getöteten Russen auf den nächsten Einsatzbefehl warten, während unklar ist, ob Panzer nachrücken oder zurückgeworfen werden.

„Die Gegenoffensive selbst ist nicht gescheitert. Sie wird sich über mehrere Monate bis in den Herbst hinein hinziehen“, zitiert die NYT dennoch den Militärexperten Michael Kofman, Senior Fellow am Carnegie Endowment for International Peace: „Das Problem lag wohl in der Annahme, dass die ukrainischen Einheiten mit ein paar Monaten Training in einen Kampfstil umgewandelt werden könnten, der den amerikanischen Streitkräften ähnlich ist, indem sie Angriffe gegen eine gut vorbereitete russische Verteidigung anmahnten, anstatt den Ukrainern dabei zu helfen, mehr zu kämpfen, wie es für sie am besten ist.“ Defensiver also.

Ukraine-Offensive: Diskussionen über geeignete Taktik gegen russische Armee

Philip M. Breedlove, pensionierter General der United States Air Force, glaubt indes „nicht, dass sie (die Ukrainer, d. Red.) die Taktik der kombinierten Waffen aufgeben. Wenn sie die erste, zweite oder dritte Verteidigungslinie durchbrechen, werden sie meiner Meinung nach die Wirkung kombinierter Waffen sehen“. Bis dahin dürfte es weiter Diskussionen über eine geeignete Taktik geben. (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO / ZUMA Wire

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