Ein russischer General übt Kritik an der Moskauer Militärführung im Ukraine-Krieg. Prompt wird er gefeuert. Kann die Ukraine das entstandene Vakuum ausnutzen?
Kiew - Seit fast zwei Monaten läuft die Gegenoffensive der Ukraine. Große Fortschritte sind bisher dabei ausgeblieben. Doch nun gibt es erste Anzeichen, dass der Hauptschlag begonnen hat. Berichten zufolge greifen ukrainische Streitkräfte derzeit nämlich gleich an zwei Stellen die russischen Stellungen massiv an. Zum einen nähern sich Kiews Truppen der hart umkämpften Stadt Bachmut im Osten der Ukraine, zum anderen stoßen sie in der Region Saporischschja im Süden des Landes vor.
Die New York Times zitierte namentlich nicht genannte Beamte des Pentagons mit den Worten, der „Hauptstoß“ der Gegenoffensive habe nun begonnen, wobei die ukrainische Armee Tausende Soldaten an eine vermeintliche Schwachstelle der russischen Verteidigung in der Region Saporischschja schicke. Den US-Beamten zufolge will die Ukraine nach Süden in Richtung der besetzten Stadt Melitopol nahe dem Asowschen Meer vordringen. Die Befreiung Melitopols würde die russischen Streitkräfte an der Südfront in zwei Teile spalten und die besetzte Krim isolieren.
Ukraine verstärkt Gegenoffensive im Süden
Auch russische Quellen bestätigen einen Vorstoß der Ukraine in der Region Saporischschja. Die staatliche Nachrichtenagentur Tass berief sich auf einen Beamten des Verteidigungsministeriums, der behauptete, die „massiven Panzerangriffe“ seien abgewehrt worden. Der russische Militärblogger Rybar dagegen sprach davon, dass es den ukrainischen Streitkräften gelungen sei, „in drei Gebieten vorzudringen“.
Die Ukraine selbst gab bisher nicht viele Details über den neuen Vorstoß bekannt. Allerdings erklärte der Generalstab am Mittwoch (26. Juli), dass Russland „seine Hauptanstrengungen darauf konzentriert, den weiteren Vormarsch unserer Truppen“ in Saporischschja zu verhindern. Die ukrainische Luftwaffe habe mehr als ein Dutzend Angriffe auf russische Truppen, militärische Ausrüstung, Waffen und Luftabwehrsysteme geflogen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hielt sich in seiner abendlichen Videoansprache an die Nation bedeckt, zeigte sich aber zufrieden: „Übrigens haben unsere Jungs an der Front heute sehr gute Ergebnisse erzielt. Gut gemacht. Mehr Details später.“
Berichten zufolge haben die ukrainischen Truppen in den vergangenen Tagen das Dorf Andrijiwka eingenommen und sind um das etwa vier Meilen südlich gelegene Dorf Klischtschijiwka herum vorgerückt, wobei sie wichtige Anhöhen und Wälder in der Nähe besetzt haben. Die US-Denkfabrik „Institute for the Study of War“ beschrieb die Fortschritte der Ukraine unterdessen als „taktisch bedeutsam“.
Ukraine greift nach Popow-Entlassung im Gebiet Saporischschja an
„Das ist der große Test“, zitierte die New York Times einen hochrangigen US-Beamten. Angeblich versuchen ukrainische Kommandeure jetzt, eine günstige Gelegenheit zu nutzen, nachdem sie wochenlang die russischen Verteidigungsanlagen in Saporischschja zermürbt und russische Munitionslager und Logistikzentren hinter der Front bombardiert haben.
Eine entscheidende Rolle scheint auch die Entlassung des russischen Befehlshabers in der Region zu spielen. Nach beißender Kritik an Moskaus Kriegsführung in der Ukraine war General Iwan Popow Mitte Juli als Kommandeur der berühmten russischen 58. Armee entlassen worden. Der 48-Jährige mit dem Kampfnamen „Spartak“ hatte zuvor harte Kritik an seinen Vorgesetzten geübt: „Die Soldaten der ukrainischen Streitkräfte konnten unsere Front nicht durchbrechen, aber von hinten hat uns der Oberbefehlshaber einen verräterischen Schlag versetzt, indem er die Armee im schwersten Moment der höchsten Anspannung enthauptet hat.“
Popow hatte Änderungen gefordert, nachdem er in Artilleriegefechten mit der Ukraine Verluste erlitten hatte, die für die Aufrechterhaltung der Verteidigungslinien von entscheidender Bedeutung waren. Da es der Ukraine an Luftüberlegenheit mangelt, hat sie sich stark auf Artillerie verlassen, um russische Truppenstellungen, Gefechtsstände und schwere Geschütze anzugreifen.
Die Entlassung und Kritik Popows fügt sich in das Bild, das Fachleute von der russischen Armee gut 17 Monate nach Beginn des Ukraine-Kriegs zeichnen. Demnach herrscht in großen Teilen der russischen Streitkräfte Unzufriedenheit mit der eigenen Militärführung und deren geschönten Lageberichten.
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Ukrainische Operation in Saporischschja könnte Wochen dauern
Nach Angaben der New York Times haben ukrainische Beamte den USA mitgeteilt, dass die neue Operation in Saporischschja mehrere Wochen dauern könnte. Schon seit längerem betont die Ukraine, bei der Gegenoffensive nichts zu übereilen. So hatte Präsident Selenskyj im Juni die Erwartungen an eine schnelle Befreiung aller besetzter Gebiete gedämpft. „Manche Menschen glauben, das ist ein Hollywood-Film, und erwarten jetzt Ergebnisse. Aber so ist es nicht“, sagte Selenskyj damals dem britischen Sender BBC. „Was auf dem Spiel steht, sind Menschenleben.“
US-General Mark Milley hatte zuletzt ebenfalls vor zu großen Erwartungen an die Ukraine gewarnt. Es gebe einen Unterschied zwischen Krieg auf dem Papier und echtem Krieg, sagte der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte. „Das sind echte Menschen in echten Maschinen, die da draußen echte Minenfelder räumen und wirklich sterben.“
Milley erklärte, dass die Ukraine ihre Kampfkraft bewahrt habe, während ihre Streitkräfte langsam durch Russlands komplizierte Minenfelder vorgedrungen seien. Es ist unklar, wie viel von dieser Kampfkraft jetzt genau in Saporischschja eingesetzt wird. „Das wird lange dauern“, so Milley. „Es wird hart werden und blutig.“ (cs)